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Artensterben: Tod im Beifang

Haie, Schildkröten und Delfine verenden qualvoll auf Fischerbooten, die eigentlich nur Speisefische fangen wollen. In Indonesien hat ein Umdenken begonnen. Aber die Sache hat einen Haken.

Stark gekrümmte Haken lassen weniger Beifang wie Lederschildkröten anbeißen.
Stark gekrümmte Haken lassen weniger Beifang wie Lederschildkröten anbeißen.
Foto: wwf

Und dann, nach einem Jahr Zögern, hat der Kapitän es doch probiert: "Ich wollte es ja nicht glauben. Aber der neue Haken ist tatsächlich gut. Ich fange reichlich Tunfische und kaum noch Schildkröten", meint Laode Mongsidik. Der Kapitän, ein freundlicher Mann mit weißen Bartstoppeln, hat von Tierfreunden einen Haken bekommen, der gut zu Meeresschildkröten ist. Selbst die größte, die Lederschildkröte, beißt nur ganz selten an, weil der neue Haken in der Regel zu groß ist für ihr Maul. Das ist wichtig, weil die Lederschildkröte, deren Art die Dinosaurier überlebte und seit 90 Millionen Jahren auf der Erde existiert, nun akut vom Aussterben bedroht ist.

Ihr Bestand ist in den vergangenen 20 Jahren um 98 Prozent gesunken, im Pazifik gibt es wahrscheinlich nur noch etwa 2500 Weibchen, die Eier legen könnten. "Alle Kapitäne sollten den neuen Haken benutzen, um die Schildkröten zu verschonen", meint Kapitän Laode. 54 Jahre ist er jetzt alt, und das Leben auf See steht ihm ins Gesicht geschrieben. Seine Stirn ist sonnengebrannt, faltig, hart. Laode fährt seit 33 Jahren zur See. Von Benoa, einem kleinen Hafen an der Südküste der indonesischen Insel Bali, fährt er heute Richtung Süden, weit heraus in internationale Gewässer, wo es noch viele Fische gibt.

Normaler und stark gekrümmter Haken.
Normaler und stark gekrümmter Haken.
Foto: wwf

Zwei bis drei Monate lang bleibt er da draußen, auf seiner Samodra 39, einem weißen Kutter, von dessen Reling die Farbe abblättert. Wenn sie auf hoher See sind, werfen Laode und seine Mannschaft vom Heck aus Stück für Stück eine mehrere Kilometer lange Leine mit Pappbojen von Bod. An der langen Leine hängen alle paar Meter kürzere Leinen, die in die Tiefe sinken, weil an ihren Enden Haken und als Köder kleine Sardinen baumeln. "Mein Chef will große Tunfische. Also bringe ich ihm große Tunfische", meint Laode. Deshalb, und weil er sein Laderaum nicht sehr groß ist, schmeißt er fast alles zurück ins Meer, was außer großen Tunfischen sonst noch anbeißt. Und das ist eine ganze Menge.

"Haie, kleine Fische, Schildkröten, Delfine - uns kommt alles Mögliche unter", meint Laode. Klar, eine große Haifischflosse, mit der teure Suppen zu kochen sind, die lässt er abschneiden. Aber was soll er mit dem Rest des Haies anfangen? Oder mit einem verreckenden Delfin? Oder mit einer Meeresschildkröte? Die ist wegen ihres Panzers und Fleisches zwar etwas wert, aber einfach zu groß. Der Laderaum seiner Samodra 39 ist reserviert für Tunfische, für große Tunfische. Nur die bringen großes Geld. Der Rest, der sogenannte Beifang, ist Müll.

Egal ob sie mit Leinen und Haken, mit Netzen oder mit Käfigen arbeiten - alle Fischer der Welt holen ungeliebten Beifang nach oben und schmeißen ihn meist sterbend oder tot zurück ins Meer. Niemand hat genaue Zahlen. Der World Wildlife Fund for Nature (WWF) schätzt, dass Beifang zehn bis 30 Prozent des globalen Fischfangs ausmacht. Das entspräche bis zu 30 Millionen Tonnen Fisch, die jährlich nutzlos gefischt werden. Ein Viertel davon ist schon bei Ankunft an Bord tot. Von den Beifang-Fischen, die lebendig zurück ins Meer geschmissen werden, sterben später viele, weil sie verletzt sind oder Haken verschluckten.

"Beifang ist keine Kleinigkeit, sondern eine der größten Bedrohungen des maritimen Ökosystems. Millionen Fische sterben sinnlos, Bestände schrumpfen, Arten sterben aus", meint die WWF-Tierschützerin Lida Pet Soede. Die Niederländerin - eine Frau mit langen, blonden Haaren, viel Fachwissen und einer Menge Energie - hatte Kapitän Laode den größeren Haken gegeben.

Die Form des neuen Hakens ähnelt statt dem Buchstaben J dem Buchstaben G, auch das macht das Anbeißen etwas schwieriger. Meeresschildkröten knabbern gemütlich am Köder und halten ein, wenn sie auf den unteren Teil des G-Hakens beißen. Beim alten J-Haken lauert im unteren Teil gleich die verhängnisvolle Spitze. Beim neuen G-Haken liegt die Spitze höher, und sie ist nach innen gerichtet. Um erwischt zu werden, muss man schon gierig zuschnappen. So wie Tunfische es gewöhnlich tun. "Der neue Haken, wir nennen ihn Rund-Haken, hilft nicht nur Schildkröten sondern auch kleineren Fischen. Er ist zu groß für kleine Mäuler", erklärt Lida Pet Soede, "kleine Fische wachsen zu lassen hilft dem Bestand und damit auch der Fischindustrie."

Fischfang ist ein großes, globales Geschäft, das Probleme hat. Allein der Tunfisch, den Fischer jährlich aus den Meeren holen, ist mehr als fünf Milliarden US-Dollar wert. Die Nachfrage steigt, es wird immer mehr gefischt, und nun sind neun von 23 Tunfischarten in Gefahr. Allein in Indonesien sind 500000 Boote unterwegs, die Jahr für Jahr mindestens vier Millionen Tonnen Fisch an Land bringen. Nebenbei sterben Millionen Beifang-Fische.

In Schwellenländern wie Indonesien sind überforderte Behörden nicht in der Lage, den Fischfang zu regulieren. Fischer machen weitgehend, was sie wollen. Oft fehlen Gesetze. In der großen Tunfischnation Indonesien gibt es zum Beispiel keine Vorgaben, die eine Mindestgröße der gefangenen Fische oder eine Mindestgröße der Maschenweite von Fangnetzen vorschreiben. Walfang ist legal.

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Autor:  Moritz Kleine-Brockhoff
Datum:  11 | 11 | 2008
Seiten:  1 2
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