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Arzt verabreicht Drogen: Tödliche Therapie

Ein Berliner Arzt soll zwei Patienten bei einer Psychotherapie mit einem Drogenmix vergiftet haben. Die Mordkommission ermittelt. Von Sabine Deckwerth und Lutz Schnedelbach

In diesem Haus in Berlin gab es eine Massenvergiftung bei einer Therapiesitzung.
In diesem Haus in Berlin gab es eine Massenvergiftung bei einer Therapiesitzung.
Foto: Foto: dpa

Berlin. Garri R. ist zugelassener Arzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapie. Auf dem Schild an seiner Praxis in Hermsdorf im Norden Berlins wirbt er mit einer speziellen Behandlungsmethode. Von "psycholytischer Psychotherapie" ist dort zu lesen. Dabei werden Patienten in eine Art Rausch versetzt, um, wie es heißt, geistig-seelische Phänomene ans Licht zu bringen. Am Wochenende sind nach einer solchen Therapiesitzung bei Garri R. zwei Menschen gestorben. Der 50-jährige Mediziner soll ihnen einen Drogencocktail verabreicht haben.

Es geschah am Samstagnachmittag in einem Raum im Obergeschoss der Arztpraxis, die in einer ruhigen Gegend mit vielen Einfamilienhäusern liegt. Der Mediziner, ein gebürtiger Hesse, soll Anfang des Jahres dort eingezogen sein und heute gemeinsam mit seiner Frau, einer 41-jährigen Heilpraktikerin, und ihren vier Kindern in dem zweigeschossigen Haus wohnen. Nachbarn berichten, seine Sprechstunde sei stets gut besucht. Nach allem, was man bisher weiß, waren zwölf Patienten zu der Therapiesitzung gekommen. Über deren Verlauf im Inneren des Hauses ist noch wenig bekannt. Am Samstagnachmittag hatten die Nachbarn mehrere Leute im Garten des Arztes auf dem Rasen liegen sehen. Dann sollen Männer und Frauen aggressiv aufeinander losgegangen sein, um sich kurz danach wiederum friedlich in die Arme zu nehmen.

Psycholytische Therapie

Die Vertreter der sogenannten psycholytischen Therapie bedienen sich unter anderem verschiedener Drogen, um Hilfssuchende - etwa Depressive - zu behandeln. In Deutschland ist das Verfahren von den Krankenkassen nicht zugelassen.

Viele der dabei verwendeten künstlichen und natürlichen Substanzen beeinflussen Nerven-, Muskel- und Gehirnzellen. Sie greifen in deren Reizleitung und Kommunikation ein - mit zahlreichen Folgen. Dazu gehört vor allem ein übersteigertes Farbsehen, das von den Konsumenten als "Kick" wahrgenommen wird.

Weitere Effekte sind traumähnliche Empfindungen, gehobene Stimmung oder Synästhesie (Farbsehen beim Hören von Tönen). Die Wirkung kann sich aber auch ins Negative verkehren. Die Folgen können den Angaben zufolge dann unter anderem Depressionen und Störungen des Ich-Erlebens sein.

Einige dieser Substanzen, auch Biodrogen, sind prinzipiell gefährlich und können Hirnschäden, Krampfanfälle, Herzrhythmus- Störungen sowie Herzrasen auslösen. Werden solche Substanzen miteinander kombiniert, können sich ihre Wirkungen addieren.

Um 15.28 Uhr ging ein Notruf bei der Feuerwehr ein. Ein Patient hatte die Einsatzkräfte informiert. Darauf fuhren mehr als 30 Sanitäter und Notärzte zur Praxis. In der Nähe des Grundstücks landete ein Rettungshubschrauber. Zwei Männer, 59 und 28 Jahre alt, waren im Haus bewusstlos zusammengebrochen. Der 59-Jährige starb noch vor Ort, der 28-Jährige erlag am Abend im Krankenhaus seiner Vergiftung. Ein dritter Patient liegt noch im Koma, sein Zustand ist ernst. Die neun anderen Teilnehmer der Sitzung wurden ebenfalls in einer Klinik behandelt, dann aber entlassen. Einige hatten sich - unter dem Einfluss von Drogen - zunächst geweigert, sich vom Notarzt untersuchen zu lassen. Die Polizei konnte die Gruppe jedoch soweit beruhigen, dass Ärzte und Sanitäter arbeiten konnten. Gegen 19.30 Uhr traf die Mordkommission ein und übernahm die Ermittlungen.

Welche Drogen die Teilnehmer der Therapie-Sitzung genau eingenommen haben, wird noch untersucht. Die Droge Ecstasy, so heißt es aber bereits, soll bei dem Cocktail-Mix dabei gewesen sein. Diese Droge öffnet angeblich verborgene Bereiche des Daseins und führt auf eine "innere Reise". Zu psychotherapeutischen Zwecken darf sie in Europa aber niemand nutzen, was so mancher Psychotherapeut bedauert.

Psychoaktive Substanzen, wie zum Beispiel auch LSD, wurden früher noch für Psychotherapien genutzt. Schwerst Depressiven würden sie helfen, viele teure psychotherapeutische Verfahren könnten mit Hilfe solcher Drogen verkürzt werden, heißt es. Aber ihre Verwendung ist verboten, und das seit den 70er Jahren. Das trifft auch auf die Forschung zu.

Mit einer Ausnahme. Die Schweizer Behörden haben in diesen Jahr einem Forscher Versuche mit solch psychedelischen Substanzen wie LSD mit Blick auf die Behandlung von schwerst Depressiven erlaubt. Möglicherweise werden solche Drogen ja illegal zu Therapiezwecken eingesetzt. Der Kölner Psychotherapeut Peter Gross geht allerdings nicht von einer großen Dunkelziffer aus. "Ich kenne niemanden, der sich das trauen würde", sagte er der Berliner Zeitung.

"Wer das tut, macht sich strafbar und verliert seine Zulassung. Das ist existenzbedrohend." Er weiß von bislang nur einem Fall, in dem ein Mensch im Zusammenhang mit so einer Therapie schwer geschädigt wurde. Und der liegt viele Jahre zurück. Eine Frau war unter Drogeneinfluss aus einem Fenster gesprungen, weil sie glaubte, fliegen zu können. "Sie hätte damals besser beaufsichtigt werden müssen", sagt Gross.

Allerdings heißt es in Fachkreisen auch, dass in der Esoterik-Szene solche Drogen häufig für Therapien genutzt werden, weil sie das Bewusstsein erweitern. Es gibt ein unübersehbares Angebot an esoterischen und spirituellen "Therapien". Die Menschen hätten eine hohe Heilerwartung, heißt es. Deshalb ließe sich mit solch dubiosen Methoden viel Geld verdienen, sagen Fachleute.

Unklar ist bisher, ob der Arzt Garri R. auf diesem Gebiet tätig war. Am Sonntagabend erließ ein Richter Haftbefehl gegen den Mediziner wegen Körperverletzung mit Todesfolge in zwei Fällen und wegen gefährlicher Körperverletzung.

Wie die Staatsanwaltschaft mitteilte, gab der Arzt zu, den Teilnehmern in einer Gruppensitzung die Substanzen verabreicht zu haben. Die Ermittler gehen aber nicht davon aus, dass R. vorsätzlich jemanden töten wollte. Strafrechtlich war der 50-Jährige vorher noch nicht aufgefallen, auch nicht der Berliner Ärztekammer. "Ich kann dazu nichts sagen", erklärte Ärztekammer-Präsident Günther Jonitz.

Autor:  Sabine Deckwerth und Lutz Schnedelbach
Datum:  20 | 9 | 2009
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