Port-au-Prince. Charles Baker hatte schon bessere Tage. Der 12. Januar und die folgenden Ereignisse haben tiefe Spuren im kantigen Gesicht des Mannes hinterlassen. Der grau melierte Mittfünfziger, der 2006 bei den Präsidentschaftswahlen in Haiti kandidierte, sitzt auf einer Mauer unter einem Baum, hinter sich die Fabrikhallen seiner Firma "P.B. Apparel S.A.". Sein Büro betritt er seit dem Beben nicht mehr, die Wände haben Risse. "Das hier ist mein provisorisches Office", sagt er - und lächelt. Aber nur dieses eine Mal.
Bakers Unternehmen ist eines der größten in der kleinen haitianischen Volkswirtschaft. In seiner Fabrik im Industriegebiet von Port-au-Prince nähten bis zum Tag des Bebens 750 Arbeiterinnen und Arbeiter Kittel, Uniformen und Westen für Ärzte, Feuerwehrleute und Bauarbeiter. Seine Kunden sitzen in den USA, ein paar auch in Kanada. Textilverarbeitung und ein bisschen Landwirtschaft sind die Exportzweige des Karibikstaates. Mehr gibt es nicht, sagt Baker: "Unser Hauptexportprodukt sind Menschen." Zwei Millionen Haitianer leben in den USA, Kanada und Frankreich. Das Geld - 1,5 Milliarden US-Dollar pro Jahr -, das sie überweisen, war schon vor dem Beben wichtige Hilfe. Heute sichern die Überweisungen aus der Ferne das Überleben Zehntausender.
Charles Baker, 55, war 2006 Präsidentschaftskandidat in Haiti. In seiner Näherei in Port-au-Prince arbeiteten 750 Beschäftigte.
Spenden Zum "Bündnis Entwicklung Hilft" gehören Brot für die Welt, Medico International, Misereor, Terre des Hommes und die Welthungerhilfe. Stichwort "Haiti", Konto 5151, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 37020500.
In den riesigen Hallen von Bakers Unternehmen ist am 12. Januar, 16.53 Uhr, die Zeit stehengeblieben. Als die Erde in Port-au-Prince bebte, hatten seine Näherinnen bereits 23 Minuten lang Feierabend und waren auf dem Heimweg in die nahen Slums von Cité Soleil und Cité Militaire. Ein paar Stühle und Ventilatoren kippten um, in einer Halle zog die Wucht der Natur Risse in die Wand. Das war´s. Baker hatte Glück. Seine Fabrik blieb stehen. Ebenso sein Haus, oben in den Hügeln über der Stadt, wo die wenigen Wohlhabenden wohnen: "Nicht ein Kratzer", sagt er.
Nun wandelt der 55-Jährige in kariertem Hemd und Cargo-Hose durch die verwaisten Hallen, unter dem Wellblechdach drückt die Hitze schwer. Er geht vorbei an alten Pfaff-Nähmaschinen, faltet hier eine Hose, richtet dort einen umgefallenen Hocker auf.
"Made in Haiti" - seit dem Tag des Jahrhundertbebens ist hier kein Stück Stoff mit diesem Herkunftssiegel mehr gefertigt worden. In 30 Sekunden hat das Beben 60 Prozent der haitianischen Wirtschaft zerstört. Doch bei "P.B. Apparel S.A." soll es bald wieder losgehen. Zu 600 seiner 750 Arbeiter hat Baker inzwischen wieder Kontakt aufnehmen können - die übrigen sind ums Leben gekommen, befürchtet er. "Aber wir müssen das hier trotzdem wieder in Gang bringen", sagt der Fabrikant, der in den USA studiert hat, in perfektem Englisch. Er meint seinen Laden und sein Land: "Wir sind im Combat Mode."
Im Kampfmodus sehen sich auch tausende Helfer, die seit gut zwei Wochen rund um die Uhr Überlebende bergen, Verletzte operieren und Lebensmittel verteilen. Sie kämpfen aber nicht nur gegen Tod, Zerstörung und Hunger, sondern auch gegen die Unzulänglichkeiten vor Ort, weil der Staat kollabiert ist. Es gibt keine Polizisten, um die Nahrungsmittelverteilung zu sichern. Keine Waisenhäuser für Kinder. Ärzte können Patienten nicht entlassen, weil sie mit frisch amputierten Gliedmaßen auf der Straße übernachten müssten. "Jeder zweite Patient, dem wir das Leben mit Amputationen retten, stirbt hinterher dennoch, weil es keine Nachsorgemöglichkeiten gibt", sagt ein deutscher Notfallarzt.
Haiti ist mit der Koordinierung der Hilfe heillos überfordert. In dem Land ohne Staat fehlt es an Lastwagen, um die Hilfsgüter zu verteilen. Es mangelt an Hallen, um die Lebensmittel aufzubewahren. "Wir waren nicht auf so viel Großzügigkeit vorbereitet", sagte Präsident René Préval der spanischen Zeitung La Vanguardia mit der ganzen Unbeholfenheit, die er seit dem 12. Januar an den Tag legt. Préval meldete sich erst Tage später in der Öffentlichkeit zu Wort, als erste Gerüchte kursierten, er läge unter den Trümmern des Palastes. Seither wirkt er zaghaft und überfordert. Charles Baker sieht die Tragödie hingegen als Chance für sein Land: "Selbst die ärmsten Länder geben noch was für uns." Und dann sprudeln die Ideen, was mit den Hilfsgeldern anzufangen sei: In der Landwirtschaft seien Investitionen nötig, mehr Lagerkapazität müsse her. "Die Hälfte der Ernten verdirbt, weil sie nicht gelagert werden kann." Die Investoren müssten bei der Stange gehalten werden. Brasilien wolle groß in die Landwirtschaft und Agrar-Industrie einsteigen. Taiwan plane Industrieparks: "In der Textilverarbeitung könnten wir 100 000 Arbeitsplätze schaffen." Gegenwärtig sind in dem größten Wirtschaftszweig Haitis rund 25 000 Menschen beschäftigt.
Kein Geld dem Staat, sagt er
Nur eines dürfe nicht passieren, warnt Baker: Möglichst wenig von den Milliarden solle dem Staat gegeben werden. "Da kannst du es gleich zum Fenster rauswerfen", sagt er und erzählt die Geschichte von der Straße, die von Taiwan dreimal finanziert wurde, bis sie wirklich gebaut wurde. Organisationen wie Transparency International geben Baker recht. Die Korruptionswächter zählen Haiti zu den bestechlichsten Ländern der Welt. Baker, findet, die Hilfsorganisationen sollten das Geld direkt verteilen.
Ob die Millionen in die Staatskasse fließen oder direkt an Hilfsorganisationen - Haiti wird Jahre brauchen, um wieder auf die Füße zu kommen. Bei Charles Baker sollen die Nähmaschinen in ein paar Wochen wieder surren: "Wir müssen zur Normalität zurück."
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