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11. Oktober 2011

Aussteiger: Scientology mit Scientology bekämpfen

 Von Frank Nordhausen
Die Niederlassung von Scientology in Berlin.  Foto: dpa

Mark Rathbun ist die Nummer zwei der Organisation. Dann steigt er aus, weil er die Gewalt nicht mehr erträgt. Ein Gespräch über die Klauen der "Church", die bis ins Weiße Haus reichen.

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Hamburg –  

Ein reuiger Sünder ist Mark Rathbun nicht. Er fühlt sich mehr wie Frankenstein, der ein Monster schuf, das er nicht mehr kontrollieren kann, sagt er. Er sieht mit Schrecken das Ergebnis.

Braun gebrannt sitzt der 54-Jährige in einem Hotel in Hamburg und erzählt von seiner Zeit bei Scientology. Mark Rathbun war einmal die Nummer zwei der Organisation, bis er vor sieben Jahren ausstieg. Jetzt ist er der größte Widersacher der Sekte und ihres Anführers David Miscavige. Er will, dass Schluss ist mit dem „Wahnsinn“. Auf seinem Internet-Blog ruft er dazu auf, eine Petition an die US-Regierung zu unterzeichnen: „Wir fordern, dass das Justizministerium unverzüglich eine Untersuchung der Aktivitäten der Church of Scientology beginnt.“

Anfang September war Mark Rathbun zu Besuch in Hamburg. Er kam, um öffentlich über Scientology zu reden. Um „auszupacken“, wie das Ursula Caberta nennt, die Hamburger Sektenbeauftragte, die ihn eingeladen hatte. Caberta war für Rathbun früher so etwas wie der Teufel persönlich. Wenn er sich jetzt mit ihr trifft, dann ist das, als ob der Lieblingssohn des Mafia-Paten zum obersten Staatsanwalt geht, um reinen Tisch zu machen. Einerseits.

Andererseits hat sich Mark Rathbun zwar vom „System Scientology“ gelöst, aber nicht von Scientology. Er sagt: „Ich bin und bleibe Scientologe.“ Er verdammt die Praxis, aber nicht die Ideologie des 1986 verstorbenen Sektengründers L. Ron Hubbard. Er ist ein Scientologe, der Scientology mit Scientology bekämpft. Ein befehlsgewohnter Mann, der umwerfend nett und ätzend arrogant sein kann. Einer, der von sich sagt: „Ich bin kein Opfer. Ich habe Dinge getan, die schlecht waren. Wer sich von mir geschädigt fühlt, soll kommen und mit mir reden. Viele haben das in den letzten zwei Jahren getan, und ich habe mich entschuldigt.“

Während der vier Tage in Deutschland hat Rathbun enthüllt, wie eine verhältnismäßig kleine extremistische Gruppe die Außenpolitik des mächtigsten Staates der Welt beeinflussen kann. „Wir haben ein Problem mit Deutschland gehabt“, sagt er, „und das haben wir in Washington geregelt – mit sehr viel Geld.“ Immer wieder gerät er beim Reden über die „Church“ unwillkürlich ins „Wir“. „Wir sind in der Lage, einem Politiker Zehntausende Dollar zu spenden, ohne dass auffällt, woher das Geld kommt. Der Trick ist: Hunderte von Scientologen zahlen auf das Konto ein. Niemand weiß, dass es Scientologen sind.“ Einsatz unbegrenzter Geldmittel – das ist der Schlüssel zu allem, sagt Rathbun.

Lobbyismus und Geld

Er kann genau erklären, wie Scientology die Clinton-Regierung dazu brachte, im Ausland für sie Partei zu ergreifen. Vor allem in Deutschland, wo die Sekte seit 1997 vom Verfassungsschutz beobachtet wird und mehr als einmal über ein Verbot diskutiert wurde. Plötzlich wurde Scientology Gesprächsthema bei deutsch-amerikanischen Regierungstreffen. Bis heute kritisiert das State Department die angebliche Diskriminierung von Scientologen in Deutschland. „Über die US-Konsulate wird Druck auf deutsche Politiker ausgeübt, um Kritiker zum Schweigen zu bringen“, sagt Mark Rathbun. Wie das geht? „Mit Lobbyismus.“

Als Scharnier zur US-Politik sicherte sich Scientology schon Ende der Achtzigerjahre die Dienste der bedeutendsten Washingtoner Anwalts-Kanzlei, Williams & Connolly. „Diese Kanzlei hat Bill Clinton in der Lewinsky-Affäre vertreten. Sie vertritt Tony Blair, Dick Cheney, Barack Obama. Alle Fäden laufen dort zusammen“, sagt Rathbun. „Gewaltige Summen sind geflossen.“ Und er verrät, wie reich Scientology wirklich ist: rund drei Milliarden Dollar. Knapp eine Milliarde in der Kriegskasse. „Clinton brauchte Geld für seine Stiftung“, sagt Mark Rathbun. „Also hat er es gekriegt.“

Die Lobbyarbeit der Sekte profitiert auch von ihren Hollywood-Stars. Tom Cruise habe Bill Clintons Telefonnummer gehabt und ihn mehrfach wegen Scientology angerufen, sagt Rathbun. „Ich saß neben ihm, als er mit Clinton telefonierte. Er traf sich auch mit Präsident Bushs Vizeaußenminister Armitage.“ Rathbun sagt, die Prominenten öffneten in Washington viele Türen, weil jeder sich gern mit ihnen zeige. „Scientology schickte die Schauspielerin Ann Archer ins Oval Office, um Clinton zu sagen, dass die Nazis in Deutschland stärker werden. Die Fox-News-Moderatorin Greta van Susteren hat die halbe Clinton-Administration in Sachen Scientology-Diskriminierung in Deutschland instruiert.“ John Travolta hätte ohnehin eine „direkte Kommunikationsleitung“ ins Weiße Haus gehabt. Und das Ergebnis? „Die Kritiker wurden leiser, ein Verbot kam nie zustande.“

Es war die Zeit, als David Miscavige 5.000 Scientologen in Los Angeles zurief: „Die Macht unserer Gruppe ist größer, als ihr es euch überhaupt vorstellen könnt!“ Rathbun sagt: „Wenn man sich anguckt, wer heute in den Kernressorts der Obama-Regierung das Sagen hat, so sind es wieder die gleichen Leute, in die die Church 15 bis 20 Jahre lang investiert hat.“

Noch nie in der Geschichte von Scientology hat ein Abweichler die Sektenverbindung ins Weiße Haus so detailliert bezeugt. Es hat auch noch nie einen gegeben, der die Interna so gut kannte. Mark „Marty“ Rathbun kam 1977 als junger Mann zu Scientology und blieb 27 Jahre, die meiste Zeit davon im innersten Führungszirkel. Miscavige vertraute ihm uneingeschränkt und machte ihn 1986 zum „Inspector General for Ethics“, dafür zuständig, „Probleme zu bereinigen“. Rathbun leitete Schmutzkampagnen gegen Kritiker ein und ließ prominente Abweichler fertigmachen. Er hat eingeräumt, dass er Beweismittel vernichtete, die Scientology gefährlich werden konnten. Er sagt: „Wenn du wissen willst, wie Scientology funktioniert, guck dir den ,Paten’ Teil eins und Teil zwei an.“

Beim größten Coup seiner Laufbahn besteht Rathbun allerdings darauf, dass alles legal gelaufen sei. 1993 wurde Scientology in den USA von der Steuer befreit. Vorher galt sie auch in Amerika als verrückte und gefährliche Sekte – und plötzlich war sie gemeinnützig, was ihr Hunderte Millionen Dollar ersparte und einen Zustand fast vollständiger Immunität einbrachte. Das Ziel sei mit „Unsummen von Geld“ erreicht worden, sagt Rathbun. „Wir haben in Archiven nach Verfehlungen der Finanzbeamten gesucht. Dann brachten wir rund 2700 Klagen ein und legten die Steuerbehörde lahm – das zwang sie an den Verhandlungstisch.“

Wegen seiner unbedingten Loyalität galt Mark Rathbun als „bester Leutnant“ des Scientology-Generals Miscavige. „Wenn irgendwas zu regeln war, hieß es: Marty, mach du mal.“ Rathbun kennt die tiefsten Geheimnisse, und Rathbun hat noch immer viele Freunde in der Sekte. Er war nicht nur ihr Vollstrecker, sondern galt auch als herausragender „Auditor“ für Hubbards hypnoseähnliches „Auditing“, das Kernstück der Scientology-Bewusstseinskontrolle. „Ich habe praktisch alle unsere VIPs auditiert: Tom Cruise, Kirstie Alley, Lisa Marie Presley, Isaac Hayes, John Travolta.“ Deshalb lehnen ihn selbst hoch indoktrinierte Scientologen nicht von vornherein ab. Er spricht ihre Sprache. Er versteht ihre Furcht vor der Außenwelt. Er sagt, dass viele Scientologen die teure „Brücke zur totalen Freiheit“ satthätten. Dass sie aber eine Brücke nach draußen suchten, die ihnen die Trennung ermögliche.

Seit er sich gegen den Sektendiktator wendet, hat Rathbun es mit denselben Methoden zu tun gekriegt, die er selbst einst anwandte. Sein Auftritt in Hamburg war begleitet von Scientology-Störmanövern. Der deutsche Scientology-Sprecher Jürg Stettler griff ihn an: Rathbun sei ein „Münchhausen“, der 2002 wegen „zahlreicher und weitreichender Verfehlungen innerhalb der Scientology-Kirche von allen Ämtern enthoben“ worden sei. Damit sind andere Vergehen gemeint, als jene, über die er eigentlich Bescheid weiß, aber nicht redet. Befohlene Selbstmorde? „Hat es nicht gegeben.“ Seltsame Todesfälle? „Wo sind die Beweise?“ „Dafür war ich nicht zuständig“, sagt er oft. Er muss befürchten, dass alles, was er sagt, auf ihn selbst zurückfällt.

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