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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

09. Februar 2016

Bad Aibling: Letzter Vermisster nicht gefunden

 Von Uli Bachmeier, Michael Stifter, Andreas Frei und Axel Hechelmann
Rettungskräfte stehen an der Unfallstelle.  Foto: dpa

Mindestens elf Menschen sterben bei einem Zugunglück im oberbayerischen Bad Aibling, Dutzende werden teils schwer verletzt. Die Bergung ist schwierig, Innenminister Herrmann vergleicht die Situation mit einer Bergrettung.

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Am Abend zuvor tanzten sie noch beim Rosenmontagsball in der Turnhalle auf den Tischen. Sangen Lieder aus den 70ern und banden den  Diakon an einen Marterpfahl. Fasching in Kolbermoor, eine Kleinstadt unweit von Rosenheim. Die Kinder haben Ferien. Gott sei Dank ist Fasching, und Gott sei Dank sind Ferien. Sonst wäre am Dienstag um Viertel vor sieben am kleinen Bahnhof viel mehr Betrieb gewesen, die Züge deutlich voller. Und alles wäre noch schlimmer gekommen, als es eh schon ist.

Um Viertel vor sieben begegnen sich hier jeden Morgen zwei Züge der Bayerischen Oberlandbahn. Der Meridian, der von Holzkirchen kommt und nach Rosenheim fährt (planmäßige Ankunft: 6.44 Uhr), und derjenige, der laut Plan eine Minute später in die andere Richtung fährt. Sie müssen sich hier begegnen, weil die Bahnstrecke eingleisig ist. Sie tun es nur nicht an diesem Tag hier, sondern ein paar Kilometer weiter in Richtung Holzkirchen, vor Bad Aibling. Um 6.48 Uhr, auf offener Strecke. Und alle fragen sich: Wie kann das sein?

Im Café unweit des Bahnhofs von Kolbermoor erzählen Leute von der Bahn, wie noch am Vormittag zwei Passagiere aus den Unglückszügen ihren Schock zu verdauen versuchten. „Total verstört“ seien sie gewesen, einer sei an der Nase verwundet. Am Bahnhof selbst sucht ein älterer Mann mit Rollator vergeblich nach einem Ersatzverkehr. Die Bahnstrecke ist ja gesperrt – und wird es noch lange bleiben. Eine Frau wartet auf ihren Sohn, der mit dem Zug kommen wollte. Von dem, was sie sagt, versteht man nur Wortfetzen: „In der Kurve...“ – „zusammengestoßen“ – „neun Tote“. Die Zahl soll noch steigen.

Was sich in den beiden Zügen abgespielt hat, erst im Moment des Zusammenstoßes, dann in den lähmenden Sekunden und Minuten danach, das übersteigt Vorstellungskraft der Mutter. Übersteigt jedermanns Vorstellungskraft. Ein junger Passagier ist einer der wenigen, die etwas zu sagen imstande sind. Er erlebt, wie eine Hochschwangere mit dem Bauch gegen einen Tisch knallt. Nur ein paar Meter von ihm entfernt wird ein Zugabteil komplett zerdrückt.

Die Bilder in seinem Kopf sind so unwirklich, so schrecklich. Was noch hinzu kommt: Eigentlich sollte er gar nicht in dem Unglückszug sitzen. Er wollte eine frühere Verbindung nehmen, kam aber nicht rechtzeitig aus dem Bett.

Der junge Mann selbst erleidet beim Aufprall ein Schleudertrauma. Seine Halswirbel verschieben sich. Er hat Schmerzen, aber die Krankenhäuser sind völlig überfüllt. Ein Orthopäde nimmt sich seiner schließlich an.

Dass ein Unglück geschehen sein muss, darüber braucht die Polizei in Bad Aibling nicht extra informiert zu werden. Der laute Knall um 6.48 Uhr in der Früh ist, wie Polizeipräsident Robert Kopp später berichtet, über Kilometer hinweg bis in die Einsatzzentrale zu hören. Sofort sei klar gewesen, dass es sich um eine „wirkliche Katastrophe“ handelt.

Der Ort, an dem sich die Katastrophe ereignet, ist für die Rettungskräfte eine extreme Herausforderung. Die beiden Nahverkehrszüge sind in einer lang gezogenen Kurve offenbar ungebremst mit jeweils bis zu 100 Stundenkilometern aufeinandergestoßen. Nördlich dieses Streckenabschnitts liegt ein stark bewaldeter Hügel. Südlich der Gleise – nur ein paar Meter entfernt – fließt der Mangfallkanal: ein Graben, eine Baumreihe, ein Fußweg. Die Verletzten hier mit Rettungswagen abzutransportieren, daran ist nicht zu denken. Die Situation ist „ähnlich wie bei einer Bergrettung“, sagt Innenminister Joachim Herrmann.

Die Ersten vor Ort packt das Grauen. Feuerwehrleute berichten von einer fast gespenstischen Ruhe. Kein Chaos, kein Geschrei, nur einzelne Hilferufe, sagt Kreisbrandrat Richard Schrank. Das, was die Retter dort sehen müssen, ist umso schlimmer. Die beiden Züge haben sich mit ihren Triebköpfen vollständig ineinander verkeilt. Wer wie die Lokführer jeweils im vordersten Zugteil saß, hatte kaum eine Chance zu überleben. Aber auch weiter hinten sind Menschen eingeklemmt und schwer verletzt. Ein Mann muss zweieinhalb Stunden mit Sauerstoff beatmet werden, ehe es gelingt, ihn aus den zerquetschten Stahlteilen zu schneiden.

Binnen kürzester Zeit bieten Polizei und Rettungsdienste auf, was nur aufzubieten ist: 215 bayerische Polizisten, 50 Beamte der Bundespolizei, 180 Feuerwehrleute und rund 200 Sanitäter, Notärzte, Leute von der Wasserwacht, der Bergwacht und vom Technischen Hilfswerk. Sogar aus dem benachbarten Tirol eilen sie herbei. Zehn Rettungshubschrauber und einige Polizeihelikopter werden nach Bad Aibling beordert, um aus der Luft die Tragen mit den Schwerverletzten aufzunehmen. Direkt am Unfallort zu landen, ist wegen der vielen Bäume und des Kanals nicht möglich. Mehrere Boote werden gebracht, um die weniger stark Verletzten über den Kanal bringen zu können. Der leitende Notarzt weist die Spezialkliniken und Krankenhäuser der Umgebung an, ihre Operationssäle frei zu halten. Auf einer Wiese des Kolbermoorer Stadtteils Pullach wird das eigentliche Rettungscamp eingerichtet. Hierher werden die Verletzten geflogen, die nicht direkt mit Hubschraubern in Krankenhäuser  müssen.

Als mittags Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann am Unglücksort eintreffen, läuft der Einsatz immer noch. Zwei Passagiere werden noch vermisst. Die Wracks der Züge zu trennen und abzutransportieren, werde noch Tage dauern, heißt es.

Zu diesem Zeitpunkt stehen die meisten Einsatzkräfte still. Die Männer und Frauen der Freiwilligen Feuerwehren Rosenheim und Pang klappen ihre Visiere nach oben. Blicken, Schulter an Schulter, auf die Stelle, an der sich die Züge aneinander vorbeigeschoben haben. Auch, um Fotografen am anderen Ufer die Sicht zu verdecken. Die Wasser- und Colaflaschen tastet kaum einer an. Auch nach fünf Stunden harter Arbeit im Gestrüpp. Auf den Gleisen liegt ein weißer Leichensack.

Mehrere Menschen sind bei dem Unfall ums Leben gekommen.  Foto: dpa

Auf der anderen Seite des Kanals wird es leerer. Journalisten packen ihre Sachen zusammen, auch ein Mann aus Belgien, der eigentlich für die Münchner Sicherheitskonferenz nach Bayern gekommen ist.

Kurz nach 13 Uhr treten im Rathaus in Bad Aibling die Minister mit den Chefs der Polizei, den Leitern der Rettungsaktion, den Vertretern der Bahn und dem Leitenden Oberstaatsanwalt in Traunstein, Wolfgang Giese, vor die Presse. Nach ihrer Schilderung hätten sich die beiden Nahverkehrszüge laut Fahrplan in Kolbermoor passieren müssen. Warum der eine Zug aus Kolbermoor bereits losgefahren war, obwohl der entgegenkommende und offenbar verspätete Zug noch nicht dort eingetroffen war, ist eines der Rätsel, dem die Behörden jetzt nachgehen. Chefermittler Giese will darüber noch nicht spekulieren. Er räumt aber ein, dass ihm diese Frage „natürlich auf der Zunge“ liege.

Die zweite große Frage ist, warum das automatische Sicherungssystem die aufeinander zurasenden Züge nicht, wie vorgesehen, automatisch bremste. Das System, so sagt Minister Dobrindt, sei 2011 bundesweit eingeführt worden. Es erkenne über Magnetsensoren Züge, die irregulär unterwegs sind und stoppe sie. Dass das System irgendwo einmal nicht funktioniert hätte, sei nicht bekannt, sagt Bayerns Bahnchef Klaus-Dieter Josel. Auf der Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim sei es erst vergangene Woche routinemäßig überprüft worden. „Da gab es keine Probleme.“ Am Rande der Pressekonferenz heißt es aber auch, dass es möglich sei, dieses Sicherungssystem abzuschalten.

Eine verletzte Person wird mit dem Hubschrauber abtransportiert.  Foto: REUTERS

Der Sprecher der Bayerischen Oberlandbahn, Christian Schreier, betont, dass beide Züge von erfahrenen Lokführern gesteuert worden sind. Das Gerücht, es könnten Praktikanten eingesetzt worden sein, weist er entschieden zurück. Und er insistiert, technische Schwierigkeiten, die in jüngster Zeit bei den Meridian-Zügen aufgetreten seien, hätten mit dem Unfall nichts zu tun. „Es kann keinen Zusammenhang zwischen technischen Schwierigkeiten und diesem Unfall geben.“

Die dpa meldete, die Ursache für das schwere Zugunglück sei nach ersten Ermittlungen menschliches Versagen. Das habe sie "aus zuverlässiger Quelle" erfahren.

Als ausgeschlossen gilt auch, dass die Lokführer den Zusammenstoß im letzten Moment hätten verhindern können. In der Kurve hatten sie durch den Wald keine Sicht. Sie hätten bei Tempo 100, so sagen die Ermittler, höchstens eine, bestenfalls zwei Sekunden Zeit gehabt, um zu reagieren und auf die Bremse zu treten. Sie hatten keine Chance.

Dass die Unfallursache ermittelt werden kann, daran lässt in Bad Aibling aber kaum wer Zweifel. Die Polizei hat bereits mittags zwei der drei Blackboxen sichergestellt, die in den Zügen die Fahrdaten festhalten. Ähnliche Aufzeichnungen gebe es auch über alles, was in der Fahrdienstleitung in Bad Aibling geschah. Herrmann verspricht: „Es ist klar, dass alles getan wird, um dieses Unglück restlos aufzuklären.“

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