Panorama
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19. März 2013

Badesaison eröffnet: Wettlauf gegen die Kälte

 Von Christoph Ruf
Stilecht stürmen die ersten Badegäste mit Mütze, Schal und Schlitten das kalte Nass. Foto: dpa

In Karlsruhe hat ein Freibad schon jetzt geöffnet. Trotz Minusgraden. Eine Mutprobe ohne Badelatschen.

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Sonntagmorgen, das Wetter kommt auch nicht so recht in den Tag. Die Sonne ist schemenhaft zu erkennen, der Himmel changiert zwischen milchigem Winterblau und entschlossenem Schwarz. Und: Es ist bitterkalt. Gerade eben an der Neonreklame der Apotheke waren null Grad angezeigt. Das sind zehn Grad mehr als nachts und fünf Grad mehr als vergangene Woche um 12 Uhr mittags, als mich der Auftrag ereilte, doch an diesem Sonntag bitte einen Selbstversuch im einzigen Freibad der Republik zu unternehmen, das bereits Mitte Februar seine Pforten geöffnet hat.

Ich habe also Glück gehabt. Es gibt Länder, da wären null Grad schon sommerliche Temperaturen. In Grönland zum Beispiel. Und außerdem ist Temperaturempfinden ja sowieso ein höchst subjektiver Faktor. Wo in Hamburg das große Wehklagen über die unerträgliche Hitze schon bei 22 Grad losgeht, sind im badischen Karlsruhe die Freibäder erst bei 28 Grad einigermaßen gut gefüllt. Vorher finden es die Leute noch „ä bissl frisch“. Blöd nur, dass mein Temperaturempfinden schwer süddeutsch geprägt ist. Wenn ich ehrlich bin, kostet es mich schon verdammt viel Überwindung, morgens kalt zu duschen. Wenn ich noch ehrlicher bin, lasse ich es auch genau deshalb sein.

Heizkostenaufschlag

Nach Angaben der Bädergesellschaft Karlsruhe zählt das Sonnenbad zu den effizientesten Bädern der Stadt. Finanziert werden die zusätzlichen Energiekosten zum einen durch einen Heizkostenaufschlag (1,50 Euro) zum regulären Eintrittspreis (3,80 Euro). Zum anderen unterstützen ein Freundeskreis Sonnenbad, sowie zahlreiche Sponsoren den Betrieb von Februar bis Dezember.

Als ich das Auto abstelle, erwartet mich die erste Überraschung: Die Parkplätze sind gut gefüllt. Nun bin ich also da, bekomme ein kleines Eintrittskärtchen und finde mich verdammt mutig. Fast bin ich enttäuscht, als ich am Ende der Freitreppe die Tür zu den Umkleiden öffne. Die haben tatsächlich eine Heizung, das war mir in der Kernbadezeit zwischen Mai und September nie aufgefallen. Schnell also die Klamotten in einen der 70er-Jahre Spinde (gestanztes Metallgitter, von außen einsehbar, Schloss mitzubringen, aber vergessen) gepackt und ab unter die Dusche. Ein prima Plan, der allerdings an der Geschwätzigkeit meiner Geschlechtsgenossen scheitert. Zwei Männer unterhalten sich erbost über einen Menschen, der wohl ein Vorgesetzter ist, hier aber nur „Drecksack“ heißt. Über ihn gibt es viel zu erzählen. So viel, dass gleich vier Duschwillige entnervt umkehren und ich nun anfange zu frieren. Es war doch nicht die beste Idee, mal wieder die Badelatschen zu Hause zu lassen.

Also keine Dusche, bei den Temperaturen streiken sicher auch die Keime. Jetzt hilft nur noch Autosuggestion. Wer den Trick aus Kindertagen kennt – wenn der Zahnarzt bohrt, stell’ dir vor, dein Knie tut weh – kann auch halbnackt bei drei Grad im Freien herumlaufen. Er sollte nur darauf vorbereitet sein, dass er sich die Kälte so kalt vorstellen muss, wie Kälte nur sein kann (so wie Grönland im Winter). Ins dezent vor sich hindampfende Wasser zu steigen, ist dann ein wahrer Genuss, kein Wunder bei 28 Grad Wassertemperatur. Ruckzuck sind die ersten 300 Meter heruntergepflügt, gut 30 Menschen tun es mir gleich.

Begegnung unter der Dusche

Erfreuliche Erkenntnis: Null Grad plus sind zu warm, als dass man frieren würde, wenn man den Kopf aus dem Wasser reckt. Und der dezente Dampf über der Wasseroberfläche hüllt einen ein wie eine Daunendecke. Regelrecht gemütlich. 500 Meter später reicht es mir. Den Rückweg lege ich nur auf den ersten Metern ohne Fröstelei zurück. Ruckzuck wird es kalt, saukalt... – doch ich habe Glück. Eine Dusche ist frei, unter der anderen steht ein älterer Herr, der am frühen Sonntagmorgen genau so wenig Lust auf Small-Talk hat wie ich. Nach zwei Minuten entspinnt sich dennoch ein Gespräch: Ein Lob der Funktionalität, sagt er mit anderen Worten („Des Bad, des wo mir am libbschde isch.“)

Der Mann hat Recht: Im 50-Meter-Becken kann man zu fast jeder Uhrzeit prima schwimmen – selbst Mitte Juli, wenn andernorts kein Quadratzentimeter Platz mehr im Wasser ist. Planschende Kinder und rüstige Seniorinnen, die sich angeregt unterhalten, während sie gemächlich ihre Bahnen ziehen, gibt es hier, im Sonnenbad, selten. Und wenn sie doch da sind, dann vertragen sie sich gut mit den Sportabzeichen-Schwimmern.

Sonnenbad! Ehrlicherweise sollte das Etablissement „Badeanstalt am Heizkraftwerk West“ heißen. Allein die Lage, mitten im Industriegebiet, zwischen Autobahnzubringer und Schnellstraße, lässt erst gar nicht die Illusion entstehen, man könne irgendwo anders als inmitten einer mittleren Großstadt sein. Weder die Industriebrache auf der einen, noch die Hochhäuser auf der anderen Seite werden es je auf eine Fototapete schaffen, so viel steht mal fest. Als ich umgezogen bin, fällt mein Blick auf ein Plakat: „Willkommen im Sonnenbad – wer braucht schon Sommer?“ Stimmt eigentlich, denke ich mir.

Die Wasserschildkröten, Bewohner des kleinen Teichs neben der Kasse, scheinen das allerdings noch anders zu sehen: „Die haben sich im Schlamm eingebuddelt und halten noch Winterschlaf“, berichtet die freundliche Frau vom Förderverein über die fünf Tiere, die sich hier im Sommer normalerweise auf den Steinen sonnen. Das wäre heute schwierig. Der Teich ist noch komplett zugefroren.

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