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15. Februar 2016

BBC-Dokumentation: Der Papst und die Theologin

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An der Copacabana: Der frühere Papst hatte ein offeneres Verhältnis zu Frauen als gedacht.  Foto: REUTERS

Eine Dokumentation gewährt überraschende Einblicke in das Privatleben von Papst Johannes Paul II.: Er soll enge Beziehungen zu einer verheirateten Frau gepflegt haben. Natürlich wird auch der Frage nachgegangen, ob diese Beziehung rein platonischer Natur war.

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Rom. –  

Ein Mann und eine Frau stehen vor einem Zelt am Seeufer, er mit nackten muskulösen Beinen, kurzer Hose und Unterhemd, sie im geblümten Sommerrock. Ein Ehepaar im Campingurlaub, so würde man beim Anblick der intim anmutenden, im Foto festgehaltenen Szene aus dem Jahr 1978 denken – handelte es sich bei dem leger gekleideten Mann nicht um ein späteres Oberhaupt der katholischen Kirche und einen, der inzwischen sogar heiliggesprochen ist.

„Die Geheimnisse von Papst Johannes Paul II.“ heißt eine Dokumentation des britischen Fernsehsenders BBC, die am Dienstag vom Sender Arte ausgestrahlt wird und die überraschende Einblicke in das Privatleben des polnischen Papstes und sein Verhältnis zu Frauen gewährt.

Anhand von Hunderten Fotos und Briefen wird die mehr als drei Jahrzehnte währende intensive emotionale Beziehung und Seelenverwandtschaft zwischen Karol Wojtyla und der polnischen Philosophin Anna-Teresa Tymieniecka erzählt, einer attraktiven verheirateten Frau und Mutter von drei Kindern. Natürlich wird auch der Frage nachgegangen, ob diese Beziehung rein platonischer Natur war.

Wandern, Skiausflüge, Campingurlaub

Kennengelernt hatten beide sich 1973. Die aus einer Adelsfamilie stammende, in den USA lebende Tymieniecka bot dem damaligen Kardinal Wojtyla an, sein vier Jahre zuvor veröffentlichtes Buch „Person und Tat“ ins Englische zu übersetzen. Sie reiste eigens nach Warschau, um mit ihm persönlich darüber zu sprechen. Beide begannen einen regen Briefwechsel, der rasch sehr persönlich wurde. Wojtyla, damals Mitte fünfzig, lud die hübsche Frau mit dem langen dunkelblonden Haar zu gemeinsamen Skiausflügen, zum Wandern und zum Campingurlaub ein. 1976 reiste er für eine Konferenz in die USA und war auch im Ferienhaus ihrer Familie in Vermont zu Gast.

Vermutlich habe Tymieniecka ihm in einem frühen Stadium der Freundschaft offenbart, tiefere Gefühle für ihn zu hegen, schreibt der BBC-Journalist Edward Stourton, Autor der Dokumentation. In einigen Briefen Wojtylas werde deutlich, dass er mit der Bedeutung dieser Beziehung gerungen habe. „Meine liebe Teresa, du schreibst, du seist zerrissen, aber ich finde keine Antwort auf diese Worte“, schrieb er im September 1976. Gleichzeitig versicherte er ihr, dass er sie „überall, in allen Situationen akzeptiere und spüre“, auch wenn sie weit weg sei. Sie sei ein „Geschenk Gottes“. Dennoch, so stellt Stourton klar, gebe es keine Hinweise darauf, dass der Geistliche sein Keuschheitsgelübde gebrochen habe. „Mehr als Freunde, aber weniger als Liebhaber“ seien die beiden gewesen. Die Dokumentation wirft jedoch die Frage auf, wie der im Persönlichen so offene und unkonventionelle Wojtyla in Glaubensfragen so doktrinär sein konnte.

Die Briefe aus der Feder von Johannes Paul II. hinterließ Tymieniecka 2008 der polnischen Nationalbibliothek, sechs Jahre vor ihrem Tod. Sie waren bislang unter Verschluss gehalten worden. Tymienieckas eigene Briefe lagen der BBC nicht vor. Deshalb bleibt letztlich im Unklaren, ob die mit einem Harvard-Professor verheiratete Frau tatsächlich eher Liebe als Freundschaft für den späteren Papst empfand. Sie selbst hatte Mitte der 90er Jahre in Gesprächen mit dem US-Journalisten Carl Bernstein, Autor einer Biografie über Johannes Paul II., eine romantische Komponente bestritten. Das hinderte sie nicht zu schwärmen: „Er hatte eine Art sich zu bewegen, eine Art zu lächeln, sich umzuschauen, die anders und äußerst individuell war. Da lag Schönheit darin.“

Wojtyla hielt den Kontakt nach der Wahl zum Papst im Oktober 1978 aufrecht. Tymieniecka besuchte ihn häufig in Rom, auch nachdem er an Parkinson erkrankt war. Noch einen Tag vor seinem Tod 2005 war sie bei ihm im Krankenhaus.

Bereits 2009 hatten Berichte über ein weiteres enges Verhältnis des Polen zu einer verheirateten Frau, der Psychiaterin Wanda Polanska, für Aufsehen gesorgt. Die Beziehung zu Tymieniecka sei in Insiderkreisen ebenfalls bekannt gewesen, schreibt jetzt die katholische Nachrichtenagentur KNA. Die britische Zeitung „Guardian“ zitiert einen anonymen Vatikan-Vertreter, der BBC-Film enthalte „mehr Rauch als Feuer“. Die Dokumentation selbst legt allerdings nahe, dass das Thema Wojtyla und die Frauen von der Kirche systematisch totgeschwiegen wurde – um die nach seinem Tod im Eilverfahren vollzogene Selig- und Heiligsprechung nicht zu gefährden.

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