Nach einer alten Hollywoodregel gibt es keinen Glamour in der Küche. Und doch bringt die Kulisse einer nagelneuen Einbauküche Norah Jones´ perfektes Make-Up nur noch strahlender zur Geltung. Das noch jungfräulich wirkende Kochareal steht im Kölner Büro von Oliver Pocher hinter seinem Studio, dem ehemaligen Filmtheater Residenz. Vor ihrem Auftritt ist es der einzige ruhige Ort für ein Interview. Wo also trifft man Norah Jones? Na, in der Küche von Oliver Pocher.
"The Fall" heißt das neue Album der mehrfachen Grammy-Gewinnerin, was zur Herbstszeit passt, im Zusammenhang der überwiegend melancholischen Texte allerdings auch wörtlich gemeint ist. "Wir müssen uns nicht mehr unterhalten", heißt es im Song "December", "ich werde dir nicht in die Augen sehen. Und dann muss ich auch nicht fallen". Norah Jones hat nach einer privaten Trennung ihre ganze Band umbesetzt. Private Fragen sind tabu, aber für Jones sind in den Texten genug Spuren versteckt. "Ich habe mich weniger redigiert dieses Mal, ich bin weniger vage als früher. Man kann daran viel interpretieren, und ich freue mich sogar darüber. Es gibt mehr Persönliches, aber ich sage nicht, wo."
Norah Jones, geboren 1979 in New York, entzweit die Pop-Liebhaber: Die einen bescheinigen ihrem "Cocktail aus Jazz und Pop eine erfrischende Geschmacksnote" (Kölner Stadt-Anzeiger), die anderen hören in ihrer Musik den "Soundtrack für Coffeeshops, Fahrstühle und romantische Stunden" (Stern).
Ein Überraschungserfolg war schon ihr Debütalbum "Come Away With Me" (2002), das sich mehr als sechs Millionen Mal verkaufte und dann mit sechs Grammys ausgezeichnet wurde.
Ihre neue CD "The Fall" (Emi) erscheint am 13. November. (two)
Hatte Norah Jones nie die Sehnsucht, der Harmonie ihrer Platten etwas Disharmonisches, Aggressives, entgegen zu setzen? "Haben Sie manchmal Lust, sich Frauenkleider anzuziehen?", fragt sie zurück. "Es gibt schon etwas Schmuddeliges an der neuen Platte, das es vorher nicht gab. Aber wenn man etwas Neues versucht, gibt man keine Presseerklärung heraus und kündigt es vorsichtig an. Man macht es einfach. Ich hatte ja mit meiner alten Band diese Pop-Band gegründet namens Al Madmo. Manche nannten es Punk, wir trugen schrille Perücken. Ich mache manches, ohne es gleich an die große Glocke zu hängen. Es macht so viel Spaß, einfach nur so aus Spaß in einer Bar in New York zu spielen."
Nach verrauchter Bar klingt "The Fall" an allen Enden (Hörproben bei MySpace), von Jazz aber kann keine Rede mehr sein. "Mit Jazz hatte schon mein erstes Album nicht viel zu tun", stellt die Musikerin ein verbreitetes Urteil richtig. "Das Label Blue Note mit seiner großartigen Tradition ist natürlich wunderbar - weshalb ich aber noch besser weiß, dass das, was ich mache, eben kein Jazz ist. Dafür ist meine Verehrung auch viel zu groß. Aber die sind eben tolerant und veröffentlichen sogar mich."
Es ist eine Offenheit, die sich für das Traditionslabel auszahlte: Mehr als 36 Millionen Alben hat die 30-Jährige bislang verkauft. Dass viele Fans weit älter sind als sie selbst, führt sie auf ihre eigenen musikalischen Vorlieben zurück.
"Bei meinen ersten Platten war ich von so viel älterer Musik beeinflusst. Ich war eine alte Seele, musikalisch. In den letzten Jahren bin ich dann immer weiter in die Moderne. Es wird ziemlich viel tolle Musik von jüngeren Leuten gemacht. Die meisten meiner Freunde sind zwar zehn Jahre älter als ich, aber ich bin niemand, der nur mit alten Typen herum hängt."
Tatsächlich schien der Erfolg ihrer zu gepflegtem Cocktail-Jazz aufgenommenen Songs auch etwas mit einer gewissen Unverbindlichkeit zu tun zu haben. Da sang jemand mit altersloser Stimme gleichermaßen einschmeichelnd wie distanziert von etwas Unbestimmtem - mit dem sich gleich mehrere Generationen von Plattenkäufern identifizieren konnten.
Dazu kam dann noch ihre Filmrolle in Wong Kar-wais Liebesdrama "My Blueberry Nights", in dem sie eine zum Warten verdammte Schwerstverliebte spielte. So sehr dieser Film die äußere Schönheit von Norah Jones feierte, so wenig schien er sie dauerhaft für die Schauspielerei zu begeistern. "Es war schon eine tolle Erfahrung, wenngleich ich auch nicht viel über den Beruf gelernt habe. Wong Kar-wai ist einfach so anders als andere Regisseure. Aber es kostet einfach auch so viel Zeit, in der man keine Musik machen kann. Und ich muss mich extrem vorbereiten, weil ich ja keine ausgebildete Schauspielerin bin."
"Auch in den klassischen Songs findet man universelle Gefühle, wie Filme versteht man sie auf der ganzen Welt", sagt die Tochter des großen Sitar-Spielers und Komponisten Ravi Shankar. "Ich bin von amerikanischer Kultur beeinflusst, weit mehr als von der indischen Heimat meines Vaters, dessen Werk ich wirklich bewundere." Shankar hatte in den 60er Jahren großen Einfluss auf die Beatles und den Psychedelic Rock. "Aber für die klassische indische Musik muss man schon besondere Kenntnisse haben, die mir fehlen", gesteht Jones. "Wir haben uns erst wirklich kennen gelernt, als ich 18 war. So gerne ich meinem Vater und meiner Schwester zuhöre, weiß ich doch nicht, was diese Ragas alle bedeuten. Dafür weiß er unendlich viel über Jazz. Er ist ja 89 Jahre alt. Mit der Tanzgruppe seines Bruders spielte er in den 30er Jahren in New York und sah Cab Calloway und diese Legenden. Dafür versteht er wahrscheinlich nicht so viel von Country Musik." Darüber muss sie selbst lachen. "Ich glaube nicht, dass er sich wie ich Hank-Williams-Platten anhört, wenn er in Stimmung ist. Es war Hank Williams und die Plattensammlung meiner Mutter, die den größten Einfluss auf mich hatten."
Norah Jones: "The Fall", EMI, erscheint am 13. November.
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