Wäre es nach John Lennon und Ringo Starr gegangen, dann hätte Ben Kingsley nie einen Oscar für "Gandhi" bekommen. Ebenso wenig wäre er für seine Gangsterrolle in "Bugsy" für einen Oscar nominiert worden. Er hätte auch nicht die rechte Hand von Oskar Schindler gespielt oder einen psychotischen Ganoven in "Sexy Beast". Und er würde nicht einmal weniger bedeutenden Figuren Leben einflößen, wie derzeit einem russischen Polizisten in dem Thriller "Transsiberian".
Hammer und Meißel
Sir Ben Kingsley kam 1943 in Scarborough, Yorkshire, zur Welt. Er wuchs auf als Sohn eines in Kenia geborenen Arztes indischer Abstammung. Seine Mutter hatte englische und russisch-jüdische Vorfahren. Sie arbeitete als Mannequin und Schauspielerin.
Eigentlich wollte Kingsley wie sein Vater Arzt werden, doch der Besuch einer Aufführung der Royal Shakespeare Company änderte sein Leben.
Mit dem Oscar wurde der Schauspieler 1984 ausgezeichnet, er spielte damals die Hauptrolle in dem Monumental- film "Gandhi". Kingsley ist für seine Wandlungsfähigkeit und seine Darstellung historischer Persönlich- keiten bekannt. Außer Gandhi spielte er auch Perikles und Lenin.
Denn 1966 hatten die beiden Popikonen andere Karrierepläne für den aufstrebenden Schauspieler. Der komponierte seinerzeit Folk-Melodien für die BBC und präsentierte sein Talent als Sänger und Schreiber im Theaterstück "Smashing Day". Das Stück wurde von Beatles-Manager Brian Epstein produziert. Der Manager und die beiden Musiker waren von den Fähigkeiten des damals 23-Jährigen höchst angetan: "Sie sagten, ich sollte mit ihrem Aufnahmemanager Dick James sprechen. Der bot mir prompt einen Plattenvertrag an. Aber da bekam ich es mit der Angst zu tun, denn ich musste mich entscheiden. Und das, was ich wirklich machen wollte, war Theater."
Ein Jahr später wurde Kingsley in die renommierte Royal Shakespeare Company aufgenommen, die Karriere des vielleicht wandlungsfähigsten Charakterdarstellers seiner Generation konnte beginnen. Aus Kingsleys Sicht war es zugleich eine musikalische Laufbahn: "Ich finde Musik in den Mustern menschlichen Verhaltens, ich liebe den Rhythmus und die Tonalität von Stimmen. Letztlich mache ich weiterhin das Gleiche wie damals."
Kingsley hat sich immer wieder Gedanken darüber gemacht, wie man den Beruf des Schauspielers beschreiben kann. Gerne vergleicht er sein Fach mit der Bildhauerei: "Du haust auf einen Block mit Hammer und Meißel ein. Es kann dir passieren, dass du dir auf den Daumen schlägst oder deinen Meißel zerbrichst, aber wenn du das Ganze mit Abstand betrachtest, dann sagst du dir vielleicht: Das war ein sehr kreativer Tag."
Kingsley gehört nicht zu den Schauspielern, die die Anforderungen ihres Berufs nonchalant herunter spielen - wie viele Hollywood-Stars. Er sagt: "Schauspielerei ist eine extrem schwierige Disziplin. Es ist grausam, wenn man einem 19-Jährigen, der auf einem Magazincover toll aussieht, erklärt: Du kannst es!' Diese Leute sind bald wieder out. Kein Wunder, dass so viele junge Menschen im Showbusiness abstürzen."
Wer sich aufs Podest der Kunst stellt, dem darf man ein großes Ego zutrauen. Dieser Ruf geht auch dem in vierter Ehe verheirateten Kingsley voraus. Seit er 2001 zum Ritter geschlagen wurde, soll er bei der Anrede - wie immer wieder kolportiert wird - auf dem "Sir" bestehen. Aber im persönlichen Gespräch ist von derlei Allüren nichts zu erkennen: "Reden Sie mich an, wie immer Sie wollen," sagt er entspannt.
Auch bei der Arbeit setzt er nicht zwangsläufig auf Hochkultur. Immer wieder gibt er sich für krude Actionproduktionen wie "Species" oder die Videospielverfilmung "Bloodrayne" her. Doch er zeigt keinerlei schlechtes Gewissen: "Jede Rolle ist für mich eine Gelegenheit, mein Talent zu erproben. Und wenn ich diese Gelegenheit ablehne, kommt sie vielleicht nie wieder." Selbst der Hinweis, dass er für "Bloodrayne" eine Nominierung für den Raspberry Award als schlechtester Darsteller bekam, entlockt ihm nur ein amüsiertes Staunen: "Ich bin mir desssen gar nicht bewusst."
Applaus fürs Kochen
Natürlich mag so etwas Lippenbekenntnis sein - Schauspielerei eben. Doch wenn Kingsley weiter erzählt, was ihm an seinem Beruf tatsächlich gefällt, was er glaubt, besonders gut zu können, dann wird klar, warum ihm das Spiel mit verschiedenen Charakteren so gut gefällt. "Seit frühester Kindheit kann ich mit anderen Personen tief mitempfinden, egal welchen. Als ich in der Schule das Märchen ,The Water Babies' las, eine Geschichte über die Abenteuer eines armen Kaminfegers, musste ich weinen, weinen, weinen. Oder im Kino bei Bambi' heulte ich so sehr, dass man mich aus dem Saal brachte, weil ich die anderen Kinder verstörte." Im Familienkreis indes konnte er seine Gefühle nicht mitteilen, dafür ging es dort zu unruhig zu: "Ich war nur eines von vier Kindern, und ich vermochte mir einfach kein Gehör zu verschaffen. Ich konnte nur erzählen, wenn sich die anderen auf mich konzentrierten."
So wohnt in dem Oscarpreisträger die Seele eines empfindsamen Kindes, das seine Befindlichkeiten artikulieren möchte. Was er auch selbst zugibt: "Das Einfühlungsvermögen ist das gleiche wie früher. Und ich will immer noch die Menschen erreichen und ihnen meine Geschichte erzählen." Doch um Aufmerksamkeit zu erzielen, braucht er inzwischen nicht unbedingt sein schauspielerisches Talent, auch als Koch ist er begabt. Das sagt er zumindest: "Ich mache eine sehr gute Entenbrust - mit Rosmarin, etwas Orangensaft und Weißwein. Wenn ich das serviere, dann kriege ich großen Applaus."
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