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Bergbau: Goldrausch im Erzgebirge

Vor zwanzig Jahren war der Bergbau im Erzgebirge so gut wie tot. Nach einem zwanzigjährigen Winterschlaf beginnt die Renaissance im Erzgebirge. Die Geschichte einer Wiederauferstehung.

Nach 20-jährigem Winterschlaf beginnt im Erzgebirge die Wiederauferstehung des Bergbaus.
Nach 20-jährigem Winterschlaf beginnt im Erzgebirge die Wiederauferstehung des Bergbaus.
Foto: dapd

Die Tunnelbrust ist heilig, sagen die Bergleute. Bis zu ihr kommen nur Menschen, die stark genug sind. Die dem Berg etwas abtrotzen konnten. Die Tunnelbrust ist die Wand, bis zu der man gehen kann. Die Wand, hinter der die Schätze liegen. Sie wandert jeden Tag um ein paar Meter. Sie ist die Grenze zwischen erobertem und noch zu eroberndem Gebiet.

Selbst für jemanden wie Wolfgang Schilka, der sich in seinem Leben durch so viele Tunnel und Stollen gegraben hat, ist es noch immer ein erhebendes Gefühl, den Fuß auf den frisch errungenen Boden zu setzen. Der Erste zu sein, der so weit vorgedrungen ist. Schilka, ein drahtiger, schweigsamer Mann, steht an diesem Vormittag an der Tunnelbrust des Niederschlager Gebirges und prüft die Sprengkanäle, die von den Drillern gerade zweieinhalb Meter tief in den Fels gebohrt wurden. Es ist stockfinster, nur der Lichtkegel von Schilkas Helmlampe wandert wie ein gleißender Zeigefinger über den grauen Stein. Das Plätschern des Wassers, das aus dem Fels läuft, ist zu hören. Sonst herrscht tiefe Stille.

Gleich wird der Sprengmeister kommen, seine TNT-Hülsen in die Kanäle stecken, die Zünder anbringen. Dann werden alle den Berg verlassen, und es wird von draußen nur ein dumpfes Grollen zu hören sein, wenn die Ladungen explodieren. Eine halbe Stunde später, wenn der Staub sich gelegt hat, wird ein Räumkommando reinfahren, die 250 Tonnen Geröll rausbringen. Und der Tunnel wird wieder drei Meter länger sein.

Wiederauferstehung im Erzgebirge

Wolfgang Schilka setzt seinen Helm ab, wischt den Schweiß von der Stirn. Er ist zwar nicht direkt ein Heiliger, aber er spielt eine wichtige Rolle bei einer Wiederauferstehung, die gerade im Erzgebirge stattfindet. Weil es nämlich so ist, dass der vor mehr als zwanzig Jahren für mausetot erklärte sächsische Erzbergbau auf einmal wieder lebendig wird. Schilka ist der Chef der Erzgebirgischen Fluss- und Schwertspatcompagnie, die vor einem Jahr in der Nähe von Oberwiesenthal das erste neue Bergwerk eröffnet hat. Er ist ein Pionier, der an eine achthundert Jahre alte Tradition anknüpft. Man könnte auch sagen, er steht gerade an der Tunnelbrust der Industriegeschichte.

Dass Wolfgang Schilka heute im Berg graben kann, liegt vor allem an einem Mann, der in den Sechzigerjahren als Austauschstudent des Pekinger Geologischen Instituts ein zweimonatiges Praktikum in einer sächsischen Zinngrube absolvierte. Dieser Mann heißt Wen Jiabao und ist heute nicht nur promovierter Geologe, sondern auch chinesischer Ministerpräsident. Vor etwa sechs Jahren beschloss Wen Jiabao, die schier unermesslichen chinesischen Bodenschätze nicht mehr in alle Welt zu verkaufen, sondern zu behalten. „Unsere Bodenschätze sind unsere Zukunft“, sagte er 2005 vor dem chinesischen Volkskongress. Diese strategische Entscheidung schürte global die Angst vor einer Rohstoffverknappung. Seitdem haben sich die Weltmarktpreise für Erz- und Edelmetalle mehr als vervierfacht. Seitdem lohnt es sich auch in Deutschland wieder, Tunnel in Berge zu sprengen.

Die alte Zeit beginnt ganz neu

Und seitdem ist etwas ausgebrochen, was man im Erzgebirge einmal das „Berggeschrei“ und in Amerika den „Goldrausch“ nannte. Überall wird gegraben und geschürft und gebohrt. Es ist so, als beginne eine alte Zeit noch mal ganz neu. In der Lausitz sucht der internationale Minera-Konzern nach Kupfer, das dänische Unternehmen Scandinavian Highlands gräbt in der Nähe von Goslar nach Zink und Blei. Exxon Mobil interessiert sich für Erdgas aus dem Münsterland, RWE-Dea bohrt nach Öl in der Lüneburger Heide.

Die Reihe der modernen Schatzsucher wird immer länger. Die begehrteste Gegend ist das Erzgebirge, weil es dort auf engstem Raum mehr Lagerstätten als irgendwo sonst in Deutschland gibt. Solar World aus Bonn sucht in der Zinnwalder Gegend nach Lithium. Nahe Freiberg entdeckten Mineralogen der Bergakademie kürzlich ein Indium-Vorkommen, das auf tausend Tonnen geschätzt wird und damit groß genug für ganz Europa wäre. Indium zählt es zu den knappsten Rohstoffen überhaupt. In der Nähe der Ortschaften Geyer und Gottesberg wird nach Zinn gebohrt. Es handelt sich um die weltweit größten noch nicht erschlossenen Vorkommen.

Der Freistaat Sachsen ist im Goldrausch

Die Aufzählung ließe sich lange fortsetzen. Sogar nach Silber wird wieder gesucht. Die Sachsenerz Bergwerks GmbH erkundet südwestlich von Chemnitz fünf Lagerstätten. Und auch der Freistaat Sachsen ist seit drei Monaten offiziell im Goldrausch. Das Sächsische Landesamt für Umwelt und Geologie lässt gerade 25 Sand- und Kiesgruben nach dem Edelmetall absuchen. „Wir sind das einzige Bundesland, das systematisch nach Gold gräbt“, verkündet stolz ein Sprecher der Landesregierung.

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Autor:  Maxim Leo
Datum:  28 | 1 | 2012
Seiten:  1 2 3 4
Kommentare:  1
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