Bielefeld. Drei Verdachtsfälle auf Schweinegrippe in Bielefeld haben sich am Montagabend als unbegründet erwiesen. In zwei Fällen gab das Bielefelder Klinikum Entwarnung. Ein zunächst von den Behörden bestätigter dritter Verdachtsfall entpuppte sich als offenbar Fehlinformation.
Schnelltests am Montag seien bei zwei Fällen negativ ausgefallen, sagte ein Sprecher des Klinikums Bielefeld. Dort liegt ein Geschwisterpaar auf der Isolierstation. "Damit kann nahezu ausgeschlossen werden, dass sie Schweinegrippe haben", so der Sprecher. War zunächst von drei möglichen Patienten die Rede, stellte sich später heraus, dass nur bei dem Geschwisterpaar Verdachtssymptome festgestellt worden waren, wie das Presseamt der Stadt auf Anfrage mitteilte. Wie es zu der Fehlinformation gekommen war, wurde am Montagabend noch geprüft.
Vorläufige Entwarnung auch in Mainz: An der Universitätsklinik hat ein erster Schnelltest bei einem Patienten mit Verdacht auf Schweinegrippe ein negatives Ergebnis gebracht. Der Medizinische Vorstand der Klinik, Norbert Pfeiffer, sagte am Montag, daher sei eine Infektion mit der Schweinegrippe nach allem bisher verfügbaren Wissen als sehr unwahrscheinlich einzustufen. Der Mann bleibe aber isoliert. Endgültig könne die Erkrankung nach einem weiteren molekularbiologischen Test ausgeschlossen werden. Nach Angaben der Klinik wurde der Patient mit "weitgehend unspezifischen Symptomen" aufgenommen. Da er aus Mexiko kam, wo die Schweinegrippe derzeit grassiert, habe man besondere Vorsicht walten lassen und ihn isoliert, sagte Pfeiffer. Zugleich seien alle hygienischen Maßnahmen zum Schutz anderer Patienten und Mitarbeiter getroffen worden.
In Großbritannien sind zwei Fälle der Schweinegrippe bestätigt worden. Die Behörden gaben am Montag die positiven Testergebnisse bekannt. Bei einer Kanadierin, die ebenfalls in Großbritannien auf die Schweinegrippe untersucht wurde, konnte der Erreger unterdessen nicht festgestellt werden.
Zuvor war der erste europäische Schweinegrippe-Fall aus Spanien gemeldet worden. Es handele sich um einen Mann, der vor kurzem von einer Reise aus Mexiko zurückgekehrt war, erklärte Gesundheitsministerin Trinidad Jimenez.
In Frankreich sind vier weitere Verdachtsfälle von Schweinegrippe gemeldet worden. Es handelte sich dabei um Patienten, die kürzlich nach Mexiko beziehungsweise in die Vereinigten Staaten gereist waren, wie es bei einer Pressekonferenz im Gesundheitsministerium am Montag hieß. Bei den ersten vier am Wochenende bekannt gewordenen Verdachtsfällen hatte die französische Regierung am Montagmorgen Entwarnung gegeben.
40 Fälle in den USA
In Mexiko sind vermutlich mindestens 149 Menschen an der Grippe gestorben. Dies teilte der mexikanische Gesundheitsminister José Ángel Cordova am Montag in Mexiko-Stadt mit. Unklar war, ob alle Todesfälle auf das H1N1-Virus zurückzuführen sind. Zuvor war die Zahl mit knapp über 100 angegeben worden. In den USA nahm die Zahl der bestätigten Fälle unterdessen weiter zu. Die esundheitsbehörden sprachen am Montag von 40 Fällen in fünf Bundesstaaten. Der Anstieg habe aber nichts mit einer Ausbreitung der Schweinegrippe, sondern mit einer besseren Diagnose zu tun. Verdachtsfälle gibt es auch in Israel und Neuseeland.
WHO hebt Warnstufe an
Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation hat sich das Risiko für eine weltweite Ausbreitung der Schweinegrippe deutlich verschärft. Die UN-Organisation hob ihre Pandemie-Warnung am Montagabend um einen Rang auf Stufe vier an. Damit warnte sie vor einer um sich greifenden Übertragung unter Menschen, die den Boden für einen Ausbruch innerhalb größerer Gemeinschaften bereite. Bisher galt die Warnstufe drei, mit der sporadische, voneinander unabhängige Fälle an verschiedenen Orten festgestellt werden. Die höchste Stufe sechs bedeutet den weltweiten Ausbruch einer Krankheit.
Die WHO hatte die Definition ihrer Warnstufen kurz vor Bekanntgabe der Entscheidung geändert. Durch die Verschärfung treten weitere Vorsorge- und Koordinierungsmaßnahmen in Kraft.
Warnungen vor übertriebener Hysterie
Das Schweinegrippevirus wird sich nach Experten-Einschätzung auch nach Deutschland ausbreiten. "Ich denke, wir können davon ausgehen, dass wir das Virus auch bei uns bald sehen werden", sagte der Virologe am Paul-Ehrlich-Institut, Michael Pfleiderer, am Montag dem Bayerischen Rundfunk.
Er warnte aber vor Panikmache. Man habe es zwar mit einer weltweiten gesundheitlichen Bedrohungslage zu tun. "Das heißt aber nicht, dass wir das Ganze in dunklen bis schwarzen Farben malen sollen." Normale Hygienemaßnahmen reichten zur Vorbeugung aus, sagte der Viren-Experte am Bundesinstitut für Sera und Impfstoffe.
Zudem seien "die Gesundheitsbehörden bis auf die kleinste lokale Region vorbereitet". Impfstoffe gegen das Virus gibt es noch nicht. Derzeit werde aber untersucht, inwieweit die vorhandenen saisonalen Grippeimpfstoffe eine schützende Wirkung haben könnten. "Unsere stärkste Waffe sind die antiviralen Arzneimittel, mit denen man spezifisch Influenzainfektionen auch mit diesem H1N1-Virus behandeln kann - und davon gibt es hinreichend Vorräte."
Die in den USA und Mexiko ausgebrochene Schweinegrippe stellt nach Angaben der Bundesregierung für Deutschland derzeit keine akute Gefahr dar. "Eine unmittelbare Gefährdung besteht nicht", sagte der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Klaus Vater, am Montag in Berlin.
Auswärtiges Amt verschärft Reiseempfehlung
Das Auswärtige Amt hat seine Reiseempfehlungen für Mexiko verschärft. "Von nicht unbedingt erforderlichen Reisen nach Mexiko wird derzeit abgeraten", heißt es seit Montagnachmittag auf der Internet-Seite des Auswärtigen Amtes. Zugleich wird allen Mexiko-Reisenden empfohlen, die Berichterstattung über die Schweinegrippe genau zu verfolgen. Eine formelle Reisewarnung vor Aufenthalten in Mexiko gibt es aber weiterhin nicht.
Die Behörden der verschiedenen Länder stünden aber unter anderem über Videokonferenzen in engem Kontakt. Reisende in die USA und nach Mexiko würden an den Flughäfen mit Merkzetteln über Verhaltensregeln informiert. Ärzte in Deutschland würden ebenfalls informiert, ein Verdachtsfall auf die Grippe habe sich aber nicht bestätigt.
Reiseanbieter streicht Flüge nach Mexiko-Stadt
Deutschlands größter Reisekonzern Tui hat wegen der in Mexiko grassierenden Schweinegrippe für die kommenden Tage alle Flüge in die Hauptstadt Mexiko-Stadt gestrichen. Bis einschließlich 4. Mai werde die Metropole nicht mehr angesteuert, teilte ein Tui-Sprecher am Montag mit. Dies gelte auch für Besuche innerhalb von Rundreisen. Allen Kunden mit Reiseziel Mexiko würden bis ebenfalls 4. Mai gebührenfreie Umbuchungen angeboten. Kunden der Tui können sich für nähere Informationen an eine eigens eingerichtete Telefonhotline unter der Nummer 0511-5678000 wenden.
Die Verbraucherzentralen raten Reisenden, sich an ihre Veranstalter zu wenden, um Umbuchungsmöglichkeiten zu prüfen. Urlauber, die eine Reise nach Mexiko gebucht haben, könnten diese unter Berufung auf höhere Gewalt stornieren. Diese Option bestehe immer dann, wenn eine Reise erheblich erschwert, gefährdet oder beeinträchtigt sei und dies zum Zeitpunkt der Buchung noch nicht absehbar war.
Nach Ausbruch der Schweinegrippe in Mexiko will EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou ein Sondertreffen der verantwortlichen EU-Minister einberufen. Die Zusammenkunft solle "so schnell wie möglich" stattfinden, sagte die Sprecherin von Vassiliou der Deutschen Presseagentur auf Anfrage in Brüssel.
Ein Krisentreffen der EU-Gesundheitsminister müsste von der tschechischen EU-Ratspräsidentschaft einberufen werden. Vassiliou will nach Auskunft der Sprecherin noch am Montag die EU-Außenminister bei deren regulärem Treffen in Luxemburg zur Lage informieren.
US-Behörde entwickelt Impfstoff
Die großtechnische Produktion eines neuen Impfstoffs dauert nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts im südhessischen Langen in der Regel zehn bis zwölf Wochen. Im Fall des aktuellen Schweinegrippe-Auftretens sei man aber noch längst nicht so weit, sagte PEI-Sprecherin Susanne Stöcker am Montag. Derzeit sei die US-Gesundheitsbehörde CDC mit der Herstellung eines sogenannten Impfstamms beschäftigt.
Dazu werde das Virus so verändert, dass es sich in Hühnereiern vermehre. Für die industrielle Impfstoffherstellung seien nach wie vor Hühnereier die Basis. Die Zulassung dürfte nach Ansicht des PEI kein Problem sein, zumal es bereits Zulassungen für Pandemie-Impfstoffe gebe, die nur variiert werden müssten. Es sei allerdings die Frage, wie viel Produktionskapazität die Hersteller für einen möglichen neuen Impfstoff hätten. Derzeit werde der Impfstoff für die nächste "normale" Grippewelle produziert. (dpa/ddp/rtr/afp)
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