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10. Dezember 2013

Billig-Kleidung aus Textilfabriken: Ausgebeutet für schnelle Mode

 Von 
Angehörige und Mitarbeiterinnen trauern.  Foto: afp

Die dunkle Seite von „Made in Italy“: Der Brand einer Textilfabrik in der toskanischen Stadt Prato verdeutlicht, dass nicht nur in Asien, sondern auch in Europa unter katastrophalen Bedingungen gearbeitet wird.

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Prato –  

China liegt direkt vor der mittelalterlichen Stadtmauer von Prato, nicht weit vom Dom mit den berühmten Fresken des florentinischen Renaissancemalers Filippo Lippi. Hier, in den Straßen rund um die Via Pistoiese, leuchten Schilder mit chinesischen Schriftzeichen, sind die Namen der Geschäfte zweisprachig. Der Schönheitssalon heißt „Centro Estetica Fang“, der Friseur „Parucchiere Yu Li“, die Restaurants „Wengzhou“, „Wu Mei“ oder „Xin Dou“. In den Läden ist getrockneter Fisch im Angebot, auch chinesische Heilkräuter, lackierte Pekingenten. An der Bushaltestelle steht ein Hinweisschild: „Aus hygienischen Gründen bitte nicht auf die Straße spucken“. Und es ist weit und breit kein Italiener zu sehen. Die Passanten, die Verkäufer in den Geschäften, die Gäste der Restaurants – alle sind Chinesen.

Prato, 20 Kilometer nordwestlich von Florenz, ist seit dem Mittelalter ein Zentrum der Stoffherstellung in Italien. Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein Industriezweig mit Tausenden kleinen Webereien, Färbereien und Nähereien, die der Stadt das Etikett „Manchester der Toskana“ einbrachten. Heute hat Prato 190.000 Einwohner – und 15.000 davon sind chinesische Staatsbürger. Tatsächlich leben hier aber wohl zwischen 20.000 und 40.000 Chinesen, die Angaben schwanken. Das heißt, jeder vierte bis fünfte Einwohner stammt vermutlich aus China.

Die ersten kamen vor etwa 20 Jahren, um in kleinen Betrieben Billigkleidung „Made in Italy“ zu nähen. Sie leben in der Toskana fast wie in ihrer Heimat, in einer Art Enklave. Und sie werden ebenso ausgebeutet wie Textilarbeiter in China, Kambodscha oder Bangladesch – von ihren Landsleuten. Etwa 3500 von Chinesen geführte Textilbetriebe sind in Prato aktiv.

Sieben Tote bei dem Brand

An diesem Winternachmittag tritt, einige Kilometer entfernt im Industriebezirk Macrolotto, die Kommissarin Flora Leoni aus einer kleinen Fabrikhalle. Das Gebäude aus roten Ziegelsteinen in der Via Toscana ist mit rot-weißen Bändern abgesperrt, vor dem Eingang sind verkohlte Kleiderbügel, verbrannte Stoffballen und Teile von Kleiderständern aufgeschüttet. Dutzende rote Kerzen flackern, am Tor zeigen Fotos die Gesichter von sieben chinesischen Männern und Frauen. Die Textilarbeiter sind hier am ersten Dezembersonntag gestorben, weil ein Feuer ausbrach, während sie schliefen.

Polizisten und Feuerwehrleute vor der Fabrik in Prato.  Foto: afp

Kommissarin Leoni, Chefin einer 18-köpfigen Sondereinheit der Prateser Polizei, ist am Unglücksort, um gemeinsam mit Kollegen der Feuerwehr erneut nach Spuren zu suchen. Noch ist unklar, was das Feuer auslöste. „Es kann ein Gasbrenner gewesen sein, mit denen die Arbeiter kochen und heizen. Oder eine achtlos weggeworfene Zigarette“, sagt Kommissarin Leoni, während sie die Atemmaske abstreift und sich aus dem weißen Schutzanzug schält, unter dem ihre blaue Uniform und lange blonde Haare zum Vorschein kommen.

Flora Leoni weiß genau, wie es in der ausgebrannten Halle der Firma „Teresa Moda“ ausgesehen haben muss. Seit vier Jahren tut sie nichts anderes, als chinesische Textilbetriebe zu kontrollieren. Fast alle funktionieren nach demselben Prinzip, sagt sie. „In 95 von 100 Fällen wohnen die Leute an ihrem Arbeitsplatz.“ In den Hallen sind Verschläge aus Gipsplatten und Karton eingebaut, in denen die Arbeiter schlafen. Gekocht und gegessen wird meist direkt neben den Nähmaschinen. Sie arbeiten 14 bis 16 Stunden, auch nachts.

„Hohe Arbeitsintensität, Produktionsmittel von schlechter Qualität, Leute ohne Ausbildung – das ist das chinesische Modell, das nach Prato importiert wurde“, sagt Kommissarin Leoni. Der Staatsanwalt, der gegen die chinesischen Betreiber von „Teresa Moda“ ermittelt, spricht von Zuständen wie im Wilden Westen. Die Arbeiter erhalten Hungerlöhne von einem Euro pro Stunde.

Macrolotto, das in den 80er Jahren angelegte Industrieviertel von Prato, das größer ist als die historische Altstadt, war eigentlich für einheimische Stoffhersteller, Händler, Färbereien, Schnittateliers und Schneidereien gedacht. Doch inzwischen sind in den Hallen nur noch wenige italienische Betriebe zu finden. Dem globalisierten Wettbewerb – unter anderem mit Billigtextilien aus China – konnte die Hälfte der einst 8000 Textilunternehmen in Prato nicht standhalten.

Dass es in der Stadt eine Infrastruktur und Dienstleistungen für die Branche gab, zog ab Mitte der 80er Jahre die Chinesen an. Jetzt sind fast alle Schilder an den Fabrikhallen in Macrolotto zweisprachig. „My Lucky Pronto Moda“, „Molly’s Pronto Moda“, „Ilaria Pronto Moda“, „Luisa Pronto Moda“ steht da, flankiert von chinesischen Schriftzeichen. Nur die Besitzer der Hallen sind Italiener, und sie verdienen mit der Vermietung gutes Geld, wie überall in Prato erzählt wird.

Für Geschäfte in ganz Europa

Alessandro, der seinen Nachnamen nicht nennen will, ist einer der wenigen Einheimischen, die noch in Macrolotto arbeiten. In seinem Lager liegen Hunderte Stoffrollen, von schwarz-grauem Nadelstreifen bis pinkfarbenem Jersey. „Früher haben wir hier selbst hochwertige Wolle produziert“, sagt Alessandro. „Heute kaufen wir die Stoffe in China ein und verkaufen sie weiter an italienische und chinesische Nähereien in Prato.“

Giuseppe erklärt, was Pronto Moda bedeutet, anderswo Fast Fashion, schnelle Mode genannt. „Die Chinesen können sozusagen über Nacht große Mengen Kleidungsstücke liefern. Sie bieten eigene Modelle an oder sie arbeiten auf Bestellung, auch für große internationale Ketten wie zum Beispiel Zara.“ Die Qualität der Stoffe aus China ist schlecht, aber die Kleidung aus Prato ist spottbillig und trägt dazu das Etikett „Made in Italy“. Sie landet in Geschäften in ganz Europa.

Bei „QQ Pronto Moda“, einem der vielen Großhandel in Macrolotto, hängen Hunderte paillettenbesetzte Kleider in verschiedenen Farben und Schnitten. Der chinesische Inhaber spricht kaum Italienisch. Aber den Preis der Kleider kann er nennen: fünf Euro das Stück. Tagsüber sind die meisten Hallen geschlossen, die Fenster mit Sichtschutz verklebt, kaum ein Mensch ist zu sehen. Am Abend belebt sich die Gegend, Lieferwagen mit Kennzeichen aus ganz Europa reisen an, Kleidung wird verladen, erzählt der Stoffhändler Giuseppe. Zu seinen chinesischen Nachbarn in Macrolotto hat er wenig Kontakt. „Das ist eine Welt für sich“, sagt er.

Mit Journalisten will in diesen Tagen nach dem Brandunglück erst recht keiner reden. Selbst die beiden chinesischen Unternehmer, die als einzige Mitglieder des Industrieverbands Confindustria von Prato sind, lehnen ein Interview ab. Und die Chinesen, die man auf der Straße anspricht, reagieren verängstigt. Nur im Kulturzentrum, das von Chinesen finanziert ist und wo auch wieder kein Italiener zu sehen ist, lässt sich im Sekretariat ein junger Mann auf ein Gespräch ein. Er sei seit acht Jahren in Italien, sagt er, aber er fühle sich nicht wohl. „Es ist nicht nur die Sprache, es ist das ganze Denken.“

Es gibt Hoffnungsschimmer, dass sich die beiden Welten annähern könnten. Fast ein Drittel der Kinder in Pratos Schulen gehören zur zweiten Generation der in Italien geborenen Chinesen. Sie sprechen Italienisch, anders als ihre Eltern, sind gute Schüler. Und nach dem Brandunglück fand erstmals eine gemeinsame Trauerfeier von Italienern und Chinesen statt. Doch das Problem ist die Illegalität: Wer kein Aufenthaltsrecht hat, ist schwer zu integrieren.

"Gnadenlos ausgebeutet"

Im Macrolotto hängen über fast jedem Tor Kameras. So rüsten sich die Inhaber der Textilfabriken gegen mögliche Kontrollen. Kommissarin Flora Leoni kennt das. „Wenn wir anrücken, verschwinden die illegalen Arbeiter.“ Oft gebe es eingebaute Verstecke in den Fabrikhallen, die ihre Leute ausfindig machen müssen. Sechs bis acht Stunden dauert eine Razzia. In den vergangenen vier Jahren wurden 1200 Betriebe kontrolliert und 1100 geschlossen.

In diesem Fall werden die Maschinen stillgelegt, die Halle versiegelt, die Firmenunterlagen beschlagnahmt, die Arbeiter im Polizeipräsidium identifiziert und aufgefordert, innerhalb von fünf Tagen aus Italien auszureisen – was natürlich keiner tut, wie Flora Leoni einräumt. „Auch die Maschinen holen sie nach einigen Tagen einfach aus den Hallen, bringen sie woanders hin und fangen neu an.“ Dahinter stehe eine Organisation in China, die mit Italienern zusammenarbeite. „Die Chinesen reisen mit Touristenvisa ein, dann nimmt man ihnen die Pässe ab.“ Das Heer von versklavten Arbeitskräften sei flexibel einsetzbar, je nachdem, wo sie gerade gebraucht würden.

Gedenken für die getöteten Arbeiterinnen und Arbeiter.  Foto: afp

Erst vor wenigen Tagen sind elf Chinesen und Italiener verhaftet worden, die Aufenthaltsgenehmigungen verkauften – gegen Beträge zwischen 400 und 1000 Euro. Darunter war ein Mitarbeiter der Meldestelle in Prato. Kein Einzelfall, glaubt der für Sicherheit zuständige Stadtrat Aldo Milone. Er ist überzeugt, dass die chinesische Mafia in Prato eine entscheidende Rolle spielt. „Es gibt eine Gruppe, die ihre Landsleute, die meist aus armen ländlichen Gegenden kommen, gnadenlos ausbeutet.“ In Prato sei ein rechtsfreier Raum entstanden und das Phänomen sei viel zu lange ignoriert worden. Er selbst habe schon 1997 darauf aufmerksam gemacht. „Aber erst vor vier Jahren wurden die Kontrollen verfünffacht. Wir machen jetzt eine Razzia pro Tag – immer noch viel zu wenig. Doch die Stadt hat keine Leute.“

Dass es in Prato Chinesen gibt, die zu Reichtum gekommen sind, ist nicht zu übersehen. In der Chinatown rund um die Via Pistoiese fahren junge Chinesen im Porsche Carrera oder in Mercedeslimousinen durch die Straßen. In der Parfümerie bieten chinesische Verkäuferinnen teure französische Markenkosmetik an. Doch ein Großteil des Geldes wird nach China exportiert.

„4,8 Milliarden Euro sind in den letzten vier Jahren aus Prato überwiesen worden“, sagt Bürgermeister Roberto Cenni im mittelalterlichen Rathaus. Er war selbst Textilunternehmer, bevor er 2009 als Parteiloser, gestützt von einem Mitte-Rechts-Bündnis, sein Büro mit freskenbemalter Gewölbedecke bezog. Der Stadt und dem Staat seien außerdem durch Steuerhinterziehung schätzungsweise 2,5 Milliarden Euro vorenthalten worden, schimpft Cenni. „Das System hat sich über Jahre konsolidiert, weil keiner etwas unternommen hat. Es wurde so getan, als sei Zuwanderung eine Chance und ein Gewinn. Und jetzt haben wir eine widerliche Situation.“ Der Vorwurf richtet sich an die Vorgänger von der Linken.

Cenni macht keinen Hehl daraus, wie sehr ihn die Chinesen stören. Er redet sich schnell in Rage. „Sie spucken auf die Straßen, sie werfen ihren Müll überall hin. Sie haben den Handel mit synthetischen Drogen nach Prato gebracht.“ Dass man durch den Brand nun international aufmerksam geworden sei, gebe Anlass zu Optimismus. „Die Legalität muss endlich wieder hergestellt werden“, sagt Cenni. Der Staat müsse massiv eingreifen. „Und die Regierung muss Druck auf Peking ausüben.“

Doch wenn die Billigmode in Prato nicht mehr billig zu produzieren ist, dann werden viele der chinesischen Betriebe sehr schnell verschwinden. Dann werden die Tausenden Hallen in Macrolotto ebenso leer stehen wie die Häuser und Geschäfte der Chinatown an der Via Pistoiese. Das weiß auch der Bürgermeister. Er versucht das Problem kleinzureden. „Dann haben wir eben ein paar wirtschaftliche Schwierigkeiten – aber wenigstens sind Harmonie und Rechtsstaatlichkeit wieder hergestellt.“ Was aus den Tausenden chinesischen Arbeitern und deren in Prato geborenen Kindern wird, fragt er nicht.

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