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Biologe Steve Jones im Interview: "Der Sex wird gewinnen"

Was macht sie da so sicher?

Menschenaffen haben sich in eine andere Richtung entwickelt, sie sind perfekt angepasst - aber an ein komplett anderes Leben als wir Menschen. Eine Spezies, die mit uns konkurrieren könnte, müsste eine ähnliche Kultur entwickeln können. Es gibt aber nichts auf der Erde, das uns nahe käme.

Warum unterscheiden wir uns so stark von allen anderen Lebewesen?

Wenn man unsere DNA mit der von unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, vergleicht, sieht man, dass die Evolution bei ihnen viel stärker gewirkt hat als bei uns. Wir haben uns kaum verändert. Ich lebe in einem rauen Teil von London und wenn sich ein Steinzeitmensch neben mich in die U-Bahn setzen würde, würde ich es nicht merken - vielleicht würde er grunzen, aber das tun die meisten Menschen dort heute noch.

Aber wir haben uns doch ein bisschen weiterentwickelt seit der Steinzeit!

Natürlich, aber die Menschheit hat sich auch schon zu jener Zeit eine Umwelt konstruiert, die sie zumindest teilweise vor der Evolution schützte. Menschen benutzten Werkzeuge, betrieben Landwirtschaft, bauten Hütten. Schon unsere Urahnen schützten sich so vor Hunger und Kälte.

Die Menschheit hat sich eher auf kultureller Ebene entwickelt, körperlich sind wir noch auf Steinzeit-Niveau?

Absolut. Warum bleiben so viele Kinder am Leben, warum können sich alle fortpflanzen? Weil wir das so entscheiden! Nehmen wir das Beispiel der Erbkrankheit Hämophilie. Noch vor wenigen Jahrzehnten war die Chance, dass Bluter selbst Kinder bekamen, sehr gering. Meistens verletzten sie sich und verbluteten, bevor sie erwachsen waren. Heute kann man den fehlenden Blutfaktor ersetzen, die Erkrankten überleben und bekommen selbst Kinder. Biologisch macht das keinen Sinn. Es ist eine kulturelle Entscheidung zu sagen: Jeder hat das Recht zu leben und Kinder zu haben.

Schön, das von einem Biologen zu hören. Ihre Wissenschaft lieferte einst die Argumente für Euthanasie und Rassismus.

Das Problem war: Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Eugeniker ihre Theorien erdachten, wusste man fast nichts. Deshalb würde ich in dem Zusammenhang auch nicht von Wissenschaft reden. Man dachte, schädliche Mutationen würden sich ansammeln und eine Bevölkerung degeneriere deshalb. Heute wissen wir, dass das Unsinn ist, genauso wie der Rassenbegriff. Im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dachten viele Menschen, dass die Rassen sehr unterschiedlich sein müssen. Heute wissen wir, dass es keine großen Unterschiede zwischen den Menschen gibt. Isländer und Aborigines unterscheiden sich weniger als zwei Schimpansengruppen, die 50 Kilometer entfernt voneinander leben.

Warum sehen wir dann so unterschiedlich aus?

Tatsächlich unterscheiden wir uns in der Hautfarbe mehr als alle anderen Säugetierarten. Aber abgesehen davon sind wir weitgehend gleich. In den 60ern arbeitete ich in einem Labor, in dem man die Blutproteine des Menschen untersuchte. Die Leute waren überrascht, dass es zum Beispiel zwischen Afrikanern und Europäern kaum Unterschiede gab.

Das war die Zeit, in der Martin Luther King den Kampf gegen den Rassismus weltweit zu einem beachteten Thema machte. Welche Reaktionen gab es auf diese wissenschaftlichen Erkenntnisse?

Diese Forschungsergebnisse waren definitiv anders als das, was viele Weiße gerne hören wollten. Auf der anderen Seite standen aber all die jungen Linken, ich einer davon, die sagten: Das ist wunderbar, das beweist, dass Rassismus falsch ist.

Mr. Jones, wie schätzen Sie unsere Perspektive ein: Werden wir eines Tages unsere eigene Evolution gestalten, indem wir durch Gentechnik unser Erbgut verändern?

Das ist Science Fiction. Tatsache ist: Menschen sind noch nicht gentechnisch manipuliert worden, außer bei wenigen sehr seltenen Krankheiten. Die Idee, dass wir mit Gentechnik zum Beispiel die Intelligenz unserer Kinder erhöhen könnten, ist Quatsch. Wenn man will, dass Kinder intelligent werden, muss man in ihre Bildung investieren, das ist viel effizienter. Außerdem glaube ich an die heilende Kraft der Lust.

Wie bitte?

Die Menschen haben gerne Sex. Um Kinder genetisch zu verändern, müssten wir Eizellen im Reagenzglas befruchten und manipulieren. Diese müssten dann in die Gebärmutter einpflanzt werden. Das macht doch alles keinen Spaß. Am Ende werden die Ingenieure verlieren und der Sex wird gewinnen.

Interview: Frederik Jötten

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Datum:  23 | 11 | 2009
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