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Biologe Steve Jones im Interview: "Der Sex wird gewinnen"

Darwin-Experte Steve Jones über die Überlistung der Evolution durch den Menschen, Steinzeitmenschen in der U-Bahn und darüber, was uns "Die Entstehung der Arten" nach 150 Jahren noch zu sagen hat.

Steve Jones hat bereits vier Bücher über Charles Darwin geschrieben.
Steve Jones hat bereits vier Bücher über Charles Darwin geschrieben.
Foto: Dominik Gigler

Mr. Jones, in diesem Jahr ist Ihr viertes Buch über Charles Darwin erschienen - haben Sie sonst keine Interessen?

Ich behaupte immer, dass ich keine Obsession für Darwin habe, aber das ist natürlich eine Lüge. Für mich ist er der erstaunlichste Kerl, der je gelebt hat. Er hat ja nicht nur die Evolutionstheorie entwickelt, er hat auch entdeckt, wie aus Korallen Atolle entstehen, wie Regenwürmer Humus produzieren und warum manche Pflanzen Tiere fressen. 19 Bücher hat er geschrieben, alle sind zentral für die Biologie. Aber mein neues Buch ist endgültig mein letztes Wort über Darwin. Jedem seiner Werke sind einige Seiten gewidmet.

Zur Person

Steve Jones, 65, Biologe, erforscht an Schnecken, warum es eine so große Vielfalt der Lebensformen gibt - "einige Hunderttausend" hat er in ganz Europa gesammelt, um die große Frage zu beantworten.

Jones, gebürtiger Waliser, lehrt am University College in London.

Charles Darwin fasziniert den britischen Forscher seit Jahrzehnten. Zuletzt schrieb Jones "Darwin’s Island" (Little, Borwon Book Group, 2009).

Heute vor 150 Jahren erschien "Die Entstehung der Arten". Darwins Buch war in der ersten Auflage - 1250 Exemplare - sofort ausverkauft, ein populärwissenschaftlicher Bestseller. Heute steht es u.a. im Internet: www.textlog.de/darwin-entstehung.html

Dann können Sie sicher auch in aller Kürze erklären, warum "Die Entstehung der Arten", das heute vor 150 Jahren veröffentlicht wurde, ein so wichtiges Buch ist?

"Die Entstehung der Arten" ist das Buch eines Genies, das ist das einzige Wort dafür. Darwin machte unzählige Beobachtungen während seiner fünfjährigen Reise, er brachte viele Tiere und Pflanzen mit nach England - und er deutete einfach alles richtig.

Was trieb ihn an?

Darwin war immer voller Zweifel, ob seine Evolutionstheorie stimmte. Ein Physiker schrieb ihm: "Die Erde ist nur drei bis vier Millionen Jahre alt, es gab nicht genug Zeit für Evolution." Darwin machte sich darüber sehr viele Gedanken - er konnte nicht wissen, dass der Physiker total falsch lag mit seiner Schätzung. Man wusste damals auch nicht, wie Vererbung funktioniert. Man glaubte, das Blut der Eltern werde vermischt. Jemand schrieb Darwin, wenn man das Blut der Eltern mischte, dann würden die Unterschiede zwischen den Menschen immer weiter verdünnt und schließlich verschwinden. Und Darwin dachte: Oh mein Gott, meine Theorie wird widerlegt.

Ein großer Zweifler?

Ja, noch die sechste und letzte Auflage des Buches, das zu Darwins Lebzeiten erschien, ist voll von "vielleicht", "wenn" und "aber". Er reagierte auf hunderte von Briefen mit Einwänden, die er bekam. Manches konnte er nicht widerlegen, weil er der Wissenschaft seiner Zeit voraus war. Wenn ich die Chance hätte, ihm irgendetwas mitzuteilen, ich würde ihm sagen: "Am Ende hattest du Recht."

Zuletzt machten Sie Schlagzeilen mit der Behauptung, die Evolution des Menschen sei beendet - "Darwins Albtraum" titelte eine Zeitung.

Ich habe der Lehre Darwins mit keinem Wort widersprochen. Im Einklang mit der Evolutionstheorie habe ich gesagt: Es wird in absehbarer Zeit keine Anpassung an äußere Bedingungen geben. Die Evolution des Menschen ist beendet.

Warum arbeitet die Natur nicht daran, dass kommende Generationen gesünder, schlauer und schöner sind als wir?

Weil wir sie nicht lassen. Im Einführungskurs für meine Studenten sage ich immer: "Schaut euch eure Banknachbarn links und rechts an: Zwei von euch dreien werden an Krankheiten sterben, die mit euren Genen zusammen hängen: Herzkrankheiten, Diabetes, Krebs!"

Einen hoffnungsvollen Studienbeginn stellt man sich anders vor.

Ich heitere die Studenten gleich wieder auf, indem ich sage: "Wenn ich diese Vorlesung zu Shakespeares Zeiten gehalten hätte, wären zwei von dreien jetzt schon tot." Die Mehrzahl der Kinder in Europa starb an Infektionskrankheiten oder durch Hunger. Menschen, die widerstandsfähiger waren als andere, überlebten und deren Gene verbreiteten sich in der Population. Das hat sich komplett verändert. Heute werden 99 Prozent der Menschen so alt, dass sie sich fortpflanzen können. Keine Unterschiede in der Überlebensrate bedeutet: keine Chance für natürliche Selektion. Außerdem unterscheiden sich die Menschen nicht mehr in ihrem Fortpflanzungserfolg. Wenn aber jeder zwei Kinder hat, gibt es keine Evolution.

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Datum:  23 | 11 | 2009
Seiten:  1 2 3
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