Wenn Wolfgang Huber in diesen Tagen gefragt wird, ob er sich auf den Ruhestand freue, flüchtet sich der scheidende Bischof von Berlin-Brandenburg und der Noch-Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands gern in eine Notlüge. Der Abschied, behauptet der oberste Repräsentant von 25 Millionen Protestanten dann, falle ihm gar nicht so schwer.
Auch während des Gesprächs in der Bischofskanzlei unweit des Alexanderplatzes gestattet Huber sich keine Wehmut. Er sei froh, mehr Zeit für seine Frau und die Familie zu haben, gönne sich eine Auszeit, werde für einige Wochen in einem Forschungsinstitut in Südafrika sein und alles Weitere müsse sich ergeben.
Wolfgang Huber, 67, stand sechs Jahre lang als Ratsvorsitzender an der Spitze der EKD. Er tritt aus Altersgründen bei der Wahl am kommenden Mittwoch auf der EKD-Synode in Ulm nicht erneut an. Als aussichtsreichste Nachfolgerin gilt die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann. Chancen werden auch den Bischöfen Jochen Bohl, Ulrich Fischer, Martin Hein und Frank Otfried July eingeräumt.
Seit 1993 war Wolfgang Huber Bischof der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg. Auch aus diesem Amt scheidet er im November aus. Zu den herausragenden Ereignissen in Hubers Zeit als EKD-Chef zählt der erste Ökumenische Kirchentag, der vor sechs Jahren in Berlin stattfand. Die Vorbereitungen für das zweite ökumenische Christentreffen im Mai 2010 in München laufen bereits. (fr)
Aus seiner engeren Umgebung wird freilich berichtet, der Abschied von der Doppelfunktion mache ihm zu schaffen. "Er ist doch noch so jung und noch so vital, wär´ er jetzt katholisch, würd´ er Kardinal", reimten jüngst Mitglieder eines brandenburgischen Kirchenkreises auf den 67-Jährigen.
Der Bischof, der vor seinem Wechsel in die Kirchenleitung Wissenschaftler war, zunächst Professor für Sozialethik und dann für Systematische Theologie in Heidelberg, soll gerührt gewesen sein. Er sei "sicher zu sehr rational geprägt, immerzu fordernd", hat er kürzlich eingeräumt. Gelegentlich wird ihm gar eine kühle Intellektualität bescheinigt.
Auch viele Emotionen
"Keiner kann", entgegnet Huber, "in allen Dimensionen gleich präsent sein. In Debatten gebe ich dem Argument den Vorzug vor der ungezügelten Leidenschaft, das ist wahr." Wenn er sich äußere, "schwingt sehr viel Leidenschaft und Emotion mit, auch wenn das dann am Ende argumentativ geklärt wird. Ich glaube, man könnte so eine Aufgabe sonst gar nicht mit der Durchhaltekraft wahrnehmen, die sie erfordert."
In den vergangenen drei Jahrzehnten ist kein evangelischer Kirchenmann so präsent in der Öffentlichkeit gewesen wie Wolfgang Huber, was nicht immer und überall goutiert worden ist. "Ein Gottesdienst in einer kleinen Dorfgemeinde ist mir genauso wichtig wie ein Fernseh-Auftritt."
Welche der selbst gesteckten, ehrgeizigen Ziele haben sich noch nicht umsetzen lassen? "Keines der Ziele kann schon als erreicht gelten - das gilt für die missionarische Ausrichtung unserer Kirche, für den Reformprozess und für wichtige Positionen, die es gilt, in die Öffentlichkeit einzubringen." Was von dem Erreichten trägt besonders klar seine Handschrift? "Der Reformprozess hat eine Dynamik angenommen, dass niemand auf die Idee kommt, ihn abzubrechen oder für beendet zu erklären".
Kaum zu zählen sind die Anstöße, die er gegeben hat, schier endlos die Liste der Themenfelder, in die Huber sich eingemischt hat. Aus Verantwortung, sagt der Bischof, dem seine Kritiker einen Hang zur Eitelkeit und Selbstdarstellung vorwerfen. Gleichgültig, ob er Familienarmut anprangerte, Raffgier von Managern geißelte, sich differenziert zur Sterbehilfe oder zu bioethischen Fragen äußerte - stets waren Hubers Wortmeldungen pointiert und durchdacht.
Freilich ist sein Tonfall hier und da schärfer geworden. Besonders gilt dies im Umgang mit dem Islam. So kritisierte er den christlich-muslimischen Austausch als "Kuschel-Dialog", weil er angeblich heikle Themen ausspare und warnte vor einer "Islamisierung" Europas.
Starke Medienpräsenz
In den sechs Jahren an der Spitze der EKD hat Huber seiner Kirche zu einer stärkeren Profilierung verholfen, und er widerspricht nicht dem Eindruck, dass der Protestantismus heute deutlich selbstbewusster auftritt. "Wir haben Fortschritte darin gemacht, die Stimme der evangelischen Kirche öffentlich klar wahrnehmbar zu machen", sagt Huber.
Seine intellektuelle Vielseitigkeit und die starke Medienpräsenz haben ihn zum Gesicht des Protestantismus in Deutschland gemacht. Eigenständiges Profil und ökumenische Zusammenarbeit schlössen sich nicht aus: "Es geht mir nicht in erster Linie um Abgrenzung." Die Ökumene habe Fortschritte gemacht, befindet Huber - aber er verhehlt nicht, dass die Differenzen mit der katholischen Kirche seit der Vatikan-Erklärung "Dominus Jesus" deutlicher hervorgetreten seien. Was nochmals verstärkt wurde durch die Wahl Josef Ratzingers zum Papst. Huber ist jedoch überzeugt,dass es "keinen anderen Weg gibt als das, was ich Ökumene des wechselseitigen Respekts nenne".
Verhageln die jüngsten katholisch-evangelischen Irritationen um ein internes Thesenpapier seine positive Bilanz? Nein, sagt Huber und wiederholt, dass es sich um einen "missglückten Text" handle, der "dezidiert von keinem Gremium der EKD anerkannt ist und der anonym verbreitet" worden sei. Wer steckte dahinter und wem sollte geschadet werden? "Über schnöde Motive schnöder Handlungen", antwortet der Bischof knapp, "zerbreche ich mir nicht den Kopf."
Immerhin räumt er ein, die Analyse aus dem EKD-Kirchenamt enthalte neben manchen "inakzeptablen Wertungen" auch "Darstellungen von Vorgängen, die richtig sind". Den Zwist hält er für ausgestanden.
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.