Langsam schält er sich aus dem Morgengrauen, der herrische Kegel, 5000 Meter hoch, knapp unter dem Himmel, durchlöchert, durchwühlt, von Abraumhalden übersät, ein rotbrauner Flickenteppich aus Erde und Gestein. Unter den löchrigen Schuhen von Doña Julia Flores schmatzt der Schnee. Sie trägt zwei Pullover und weite Röcke in mehreren Schichten, und ihre zwei grauen Zöpfe unter der Wollmütze baumeln im Wind. Schnaufend steigt sie den kahlen Berg hinauf, so wie jeden Tag, seit 53 Jahren. Sie hat mehr Zeit am Berg verbracht als in ihrem Haus am Rande der Stadt.
Vor einer Stunde brach sie auf. Weiß und gefroren lag das Gras da, und auf den Straßen Potosís schliefen noch die Hunde. Leichter Regen fiel, als Doña Julia Flores den Bus bestieg. Es würde schlammig werden dort oben, windig und ganz sicher kalt. "Meine Kinder sagen, ich solle aufhören. Aber ich kann nicht. Es ist mein Leben", sagte sie und blickte zum Fenster hinaus. Der Bus hielt überall, wo ein Mensch mit erhobener Hand an der Straße stand und hinauf wollte, hinauf zu ihm, zum Berg, der immer nur anderen Reichtum bringt und nicht denen, die ihn heben.
Auf Ketschua, der Sprache Doña Flores, heißt er Sumaj Orcko, schöner Berg. Die spanischen Kolonialherren tauften ihn Cerro Rico, reicher Berg. Sie entrissen ihm Silber, so viel, dass sie damit Straßen pflasterten. Der Berg machte sie reich, so reich, dass sie an diesen kalten und öden Ort in den Anden Teppiche aus Persien und Diamanten aus Sri Lanka importierten.
Fünf Kinder - keine Rente
An einem Verschlag aus Stein und Wellblech entfaltet Doña Julia Flores eine Plastikplane, setzt sich darauf, holt aus dem Tragetuch einen zwei Kilo schweren Hammer, nimmt einen der Steine in die schwielige Hand, die so wettergegerbt ist wie ihr Gesicht, wiegt ihn, prüft seine Farbe und schlägt ihn in Trümmer. Doña Julia Flores, vor 69 Jahren in Potosí geboren, Witwe des Antonio Flores, der auf der Suche nach Metall von einem Felsen im Bauch des Cerro Rico erschlagen wurde und sie, 34-jährig, mit fünf Kindern ohne Rente allein ließ, ist eine Palliri, eine Steineklopferin. Sie sucht Blei, Zinn, Zink, Wismut. Sie findet es in Steinen, die so wenig Erz enthalten, dass sie keiner haben will.
Als Mädchen lernte sie Steine klopfen und ihre Kinder erlernten es ebenfalls, als sie ihr halfen, die Metalle zu finden, die die Welt benötigt, für Batteriekontakte, Konservendosen, Halbleiter und Gewehrkugeln. Heute klopft sie allein. Sie lebt bei Juana, ihrer jüngsten Tochter. Ihre anderen Kinder leben in La Paz und Cochabamba, sie können lesen und schreiben, sie verkaufen Gemüse in Markthallen und sitzen in Büros. "Ich bin stolz auf sie", sagt Doña Flores, die zwei Jahre zur Schule ging.
Sie nimmt einen Stein in die Hand, wiegt ihn, prüft seine Farbe, schlägt ihn in Trümmer und legt das wenige Erz, das sie findet, auf einen Haufen. Sie kann Blei von Wismut unterscheiden, erkennt Zink an der bläulichen Farbe, und wenn sie manchmal, wenn auch selten, Silber findet, dankt sie Pachamama und der heiligen Jungfrau, die doch ein und dasselbe sind, und wickelt den Stein in ihr Tragetuch, um die Silberkörner in Potosí zu verkaufen.
Stein voller Silber - ein Traum
"Einen Stein zu öffnen, der voller Silber ist, davon träumen wir", sagt Doña Flores. Aber Pachamama erhört ihre Träume nicht. Auch nicht die der anderen acht Palliris der Bergbaukooperative Maria, der acht Witwen und Großmütter, die wie Doña Flores am Cerro Rico im Staub hocken und Geröll durchwühlen, Steine sortieren und sie zu Kies zerschlagen, jeden Tag, sommers wie winters, bei Regen und bei Schnee.
Das Gestein erhält Doña Flores von den Männern der Kooperative Maria. Es ist Abfall, wertlos, es hat acht, neun Prozent Erz, das sich aus verschiedenen Metallen zusammensetzt, zu wenig, zu verunreinigt für die Kooperative, um es gewinnbringend zu verkaufen. Auf Loren bringen es die Mineros ans Tageslicht und schütten es neben Stolleneingängen auf.
In einem Sack schleppt Doña Flores das Gestein an ihren Platz. 400 Meter sind das, hin und zurück. Und 20 Kilo auf dem Rücken. Das macht 200 Kilo pro Tag. Manchmal, wenn die Männer der Kooperative ihr nichts lassen, sammelt sie auf den Pisten und Hängen Steine, die herabfielen von Loren oder Lastautos. Oder sie bettelt bei den Mineros anderer Kooperativen. Sie hat zwei Hammer und eine Schaufel auf dem Mercado de los Mineros gekauft. Dort gibt es Bohrer, Schubkarren, Dynamitstangen, Handschuhe, Jacken und Stiefel, Dinge, für die Doña Flores kein Geld besitzt.
Sie kauft Kokablätter, ohne die es keine Palliri aushält und auch kein Minero. Gearbeitet wird, solange die Kokablätter reichen. Sie töten den Hunger und halten wach. Und sie nähren den Gleichmut. Regnet oder schneit es, klopft Doña Flores in ihrem Verschlag, in den sie, klein und knöchern, gerade so hineinpasst. Über ihr liegt ein rostiges Wellblech, um sie herum hat sie Steinbrocken zu einer Wand aufgeschichtet, durch die ein eisiger Wind pfeift, hier oben auf 4500 Metern. "Ich bin zufrieden mit meinem Leben", sagt Doña Flores. "Wenn nur die Kälte nicht wäre und das Schleppen der Steine."
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