Ich bin immer noch in Buenos Aires. Während sich im Norden der Sommer zum Herbst neigt, kämpft auf der Südhalbkugel der Frühling gegen den Winter an, und wer dieser Tage aus dem Fenster sieht, kommt nicht umhin zu konstatieren, dass jede lateinamerikanische Widerstandsbewegung der vergangenen fünf Jahrzehnte erfolgreicher gewesen zu sein scheint als dieses Projekt, inklusive die in Bolivien. Am Tag meiner Ankunft zeigte das Thermometer 30 Grad und schmierte dann in der ersten Nacht um die Hälfte ab. Dabei ist es bisher geblieben.
Weil es viel regnet, fahre ich viel Bus. Ich halte Busfahren für eine Königsdisziplin des Reisens, jedenfalls im Ausland. Buslinien sind so gut wie nie deutlich im Stadtplan eingezeichnet, in reklamesatten Metropolen sind die Haltestellen am Straßenrand meistens kaum auszumachen, und weil es keine Fahrkartenautomaten gibt, lassen sich Gespräche mit dem Busfahrer selten vermeiden. In Buenos Aires zum Beispiel muss man vor Fahrtbeginn nicht etwa sagen, wohin man will, sondern wie viel man zahlen möchte. Ich habe bisher mit 1,25 Peso gute Erfahrungen gemacht, aber das heißt nicht viel. Wenn der Busfahrer etwas erwidert, bedeuten seine Worte meistens: Ich hab kein Wechselgeld. Es gibt für Busse auch keine handlichen Linienfahrpläne, denen man entnehmen könnte, wie viele Haltestellen es bis zum Ziel sind. Klar, dafür gibt es große Fenster. Aber an eben jenen sieht man seine Endhaltestelle dann auch vorbeirauschen, wenn man sich im Berufsverkehr nicht rechtzeitig bis zur Tür vorgearbeitet hat.
Busfahren erteilt dem Ortsfremden Lektionen in Demut. Wer nicht beizeiten eine gewisse Schicksalsergebenheit entwickelt, ist verloren. Vor ein paar Tagen fuhr ich eine halbe Stunde lang in die falsche Richtung. Dafür weiß ich jetzt, in welchem Straßenabschnitt der Stadt sich die Fachgeschäfte für Schaufensterpuppen befinden. Und ohne das Versehen hätte ich nie das Café betreten, in dem ich mit einem Mann ins Gespräch kam, der mir erklärte, er habe zu Hause ein Foto von Che Guevara, das noch niemals überhaupt irgendwo veröffentlicht worden sei, und wissen wollte, wie viel Geld er dafür in Europa bekommen würde. Der Mann dachte in fünfstelligen Beträgen. Und obwohl wir am Ende doch auf das gemeinsame Absingen der Internationalen verzichteten, glaube ich doch, ihn davon überzeugt zu haben, dass sich das Bild auch in seinem Wohnzimmer gut machen würde.
Ich habe Busse in Buenos Aires mit beträchtlichen Mengen an Kugelschreibern, Heiligenbildern und Tempotaschentüchern verlassen, weil ich die ambulanten Händler ungern umsatzlos gehen sehe. Ich bin von kleinen Fahrgastdelegationen zu meinem Ziel begleitet worden, wenn ich die Haltestelle verpasst habe, und habe während der Rush-Hour mehr Genitalien an meinem Oberschenkel gespürt als bei allen Knutschpartys meiner Adoleszenz zusammen.
Vielleicht ist das Leben eine Busfahrt, eine Reise mit vagem Verlauf und unverhofften Wendungen, bei der man nie genau weiß, ob man sein Ziel am Ende erreicht. Aber wenn man Glück hat, führt die Fahrt immerhin durch Buenos Aires.
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