Bald ist wieder Buchmesse in Frankfurt. Bei der Buchmesse pflegt man die Tradition, ein Land zum Ehrengast zu küren, das dann mittels Fotoausstellungen, mäßig besuchter Gesprächsrunden und breiter medialer Berichterstattung (Was wissen wir über den Ehrengast? Was weiß der Ehrengast über uns? Dein Nachbar, der Ehrengast - 15 migrierte Ehrengast-Ureinwohner erzählen aus ihrem Leben) auf sich aufmerksam machen darf. Dieses Jahr ist die Türkei dran.
Ich persönlich halte grundsätzlich nicht viel von diesem Ritual. Einzelne über die Maßen aus der Menge hervorzuheben, führt fast immer zu Problemen. Das lässt sich beispielsweise bei Kindergeburtstagen beobachten. Mach ein Kind über Tage und Wochen spitz auf sein Fest, setz ihm dann beim Frühstück eine Papierkrone auf den Kopf und lass seine Behauptung unwidersprochen, dieser Tage gehöre ihm allein und sonst gar keinem - und du findest spätestens zwei Stunden nach Partybeginn ein schreiendes Geburtstagskind am Boden, das mit roten Flecken im Gesicht die Papierkrone zerfetzt, weil andere Kinder beim Topfschlagen auch mal den Löffel in der Hand halten durften. Ich bekenne, ich spreche aus eigener Erfahrung.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur ein einziger Ehrengast-Schriftsteller ein Buch mehr verkauft, nachdem sein Land Ehrengast der Frankfurter Buchmesse gewesen ist. Womöglich würde eine Recherche das Gegenteil beweisen, aber dazu habe ich jetzt keine Lust, man muss sich auch mal zu meinen trauen. Andere Menschen verdienen damit viel Geld.
Übernächstes Jahr ist Argentinien Ehrengast in Frankfurt. Weil die Argentinier nicht nur ein melancholischer, sondern auch überaus leidenschaftlicher Haufen sind, ist nun ein Streit darüber entbrannt, wer bei der Buchmesse 2010 die "Argentinidad", das Argentiniertum, personifizieren soll. Das ist in fünffacher Hinsicht bemerkenswert. Die ersten vier Hinsichten haben mit den Protagonisten zu tun, auf die die Wahl der Präsidentin Cristina Kirchner gefallen ist: Evita Perón, Carlos Gardel, Diego Maradona und Ernesto "Che" Guevara - vier Menschen, von denen drei nicht mehr leben und mindestens zwei nie eigenhändig ein Buch verfasst haben. Die fünfte Hinsicht verweist auf den schmalen Grat, der zwischen Leidenschaft und Wahnsinn verläuft, wenn man sich bereits zwei Jahre im Vorfeld einer Geburtstagssause die Köpfe einzuschlagen beginnt.
Nun gibt es sicher wenige Menschen, die weniger auf Che Guevara kommen lassen als ich. Gleiches gilt für den grandiosen argentinischen Autor Julio Cortázar. Aber es hat schon seinen Grund, warum das Gesicht des einen, wenn auch nicht ausschließlich, so doch vornehmlich auf Hausfassaden, Plakaten und Transparenten zu sehen ist, das des anderen dagegen vor allem auf Buchdeckeln. Kirchner jedenfalls hätte dieser Umstand zu denken geben können, und wir hätten pustend assistiert, um die Gedanken der Präsidentin auch noch zu Jorge Luis Borges und Roberto Arlt zu tragen.
Wer einmal versucht hat, ein Kindergeburtstagsmassaker zu verhindern, weiß, dass in solchen Augenblicken nur noch hilft, was ohnehin selbstverständlich sein sollte: Papierkronen für alle.
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