Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

17. Juni 2014

booking.com: Unangenehmes lieber verschweigen

 Von 
Eine Jakobspilgerin vor dem Hotel Parador de San Marcos in León. Nur wenige Gäste kennen die schauerliche Geschichte des Gebäudes.  Foto: dpa

Ein deutscher Tourist wollte andere Reisende auf die unrühmliche Geschichte eines spanischen Luxushotels aufmerksam machen. Das Buchungsportal ließ ihn nicht.

Drucken per Mail

Wer auf booking.com ein Hotel in der nordwestspanischen Stadt León sucht, findet als erste Empfehlung den Parador: ein staatliches Fünfsternehotel, untergebracht im ehemaligen Kloster San Marcos aus dem 16. Jahrhundert. Die Kommentare der meisten Nutzer sind überschwänglich: „Vorzügliche Architektur, geräumige und ruhige Zimmer und sehr gutes Frühstück“, schreibt ein Chilene. Wilfried Stuckmann war nicht ganz so begeistert. „Ein gutes Hotel, ja“, sagt der 63-jährige Hauptschullehrer aus Kleve am Niederrhein, der Mitte April gemeinsam mit seiner Frau zwei Nächte im Parador von León verbrachte. „Aber ein ziemlicher Massenbetrieb.“ Doch schockiert hat ihn etwas anderes.

Vor dem Abendessen am zweiten Tag schlenderte er mit seiner Frau durch den Kreuzgang des Klosters und stieß in einer Ecke auf eine Gedenktafel mit der Überschrift „Konzentrationslager“. „Die dunkelste Epoche in der fünfhundertjährigen Geschichte des Klosters San Marcos ist in nur vier Jahren konzentriert“, stand da. Während des Spanischen Bürgerkriegs sei „jede letzte Ecke“ des Gebäudes als Kerker genutzt worden.

Bis zu 7000 Männer und 300 Frauen seien zwischen Juli 1936 und Ende 1940 gleichzeitig in dem ehemaligen Kloster inhaftiert gewesen, insgesamt durchliefen 20.000 Republikaner das improvisierte Gefängnis. In der Provinz León seien der Repression (durch die siegreichen Franquisten) 3000 Menschen zum Opfer gefallen, „ein guter Teil davon in den Kerkern von San Marcos“.

Wilfried Stuckmann verschlug es beinahe den Appetit. Er nahm sich vor, nach seiner Rückkehr nach Deutschland einen Kommentar beim Hotelportal booking.com zu hinterlassen, über das er das Zimmer in León gebucht hatte. Das tat er auch: „Leider erst während unseres Aufenthaltes erfuhren wir, dass das Kloster San Marcos, welches das Hotel beherbergt, im Spanischen Bürgerkrieg in den Jahren 1936 bis 1940 von den Franco-Faschisten als Konzentrationslager missbraucht wurde. Hier starben Tausende, wurden gefoltert oder ermordet. Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir niemals in diesem Hotel ein Zimmer gebucht!“

Doch booking.com, nach eigener Angabe das größte Hotelbuchungsportal der Welt mit Sitz in Amsterdam, weigerte sich, Stuckmanns Anmerkungen zu veröffentlichen.

Was folgte, war ein ausführlicher E-Mail-Verkehr zwischen Stuckmann und verschiedenen booking-Mitarbeitern, die dem Lehrer immer wieder eines erklärten: „dass solch sensible politische und historischen Themen nicht in den Bewertungen diskutiert werden sollten, da dies für einige Menschen verletzend sein könnte“. Worauf Stuckmann antwortete: „Die bittere Erkenntnis, in einem Konzentrationslager übernachtet zu haben, hat mich mehr verletzt, als es die üblicherweise beschriebenen Mängel jemals könnten.“ Es half alles nichts. Booking.com nahm sich das Recht heraus, Stuckmanns Kommentar nicht erscheinen zu lassen.

Für den Lehrer ein klarer Fall von Zensur. „Damit sind Kundenbewertungen auf den Seiten von booking.com generell absolut wertlos, weil sie nicht objektiv sind, sondern zensiert und manipuliert“, schrieb er in einer Mail. „Diese haben eine Alibi-Funktion, führen die Kunden bewusst hinters Licht und dienen ausschließlich einer besseren Vermarktung durch booking.com.“

Das Buchungsportal wollte sich mit dem unzufriedenen Kunden gern versöhnen. Es bot ihm an, die Übernachtungskosten zurückzuerstatten. Stuckmann akzeptierte – und überwies die 396 Euro an den spanischen Verein zur Wiedererlangung des Historischen Gedächtnisses, der sich seit dem Jahr 2000 um die Exhumierung der Zehntausenden irgendwo im Land verscharrten Franco-Opfer kümmert.

Und noch etwas hat der geschichtsbewusste deutsche Tourist erreicht: Die Website des Paradors von León erinnert jetzt in einem Halbsatz an die „tragische Etappe“, als aus dem Kloster „ein Konzentrationslager während des Spanischen Bürgerkriegs“ wurde.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft.

 

Kalenderblatt 2016: 3. Dezember

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 3. Dezember 2016: Mehr...

Times mager

Lichtjahre

Von  |
Leuchtender Stern oder einfach nur eine Tankstelle? Manchmal liegt das im Auge des Betrachters.

„Genießt die seidige Luft“, hatte Kollege C., der alte Poet, zum Abschied in den Urlaub gerufen. Und wie. Mehr...

 

Anzeige

Reisewetter
Reisewetter

Anzeige