Mr. Pitt, für Ihre Darstellung eines Jungen, der als Greis auf die Welt kommt und dann immer jünger wird, sind Sie jetzt für den Oscar nominiert. Haben Sie schon eine Rede vorbereitet?
Wissen Sie, die größte Anstrengung besteht für mich immer darin, einen Film zu machen, auf den ich stolz bin, der mir auch nach Jahren etwas bedeutet. Das ist der eigentliche Gewinn für mich. Deshalb mache ich Filme wie "Der seltsame Fall des Benjamin Button". Aber Auszeichnungen sind immer ganz nett. Und der Oscar ist natürlich die größte Ehre, wenn dein Name genannt wird, ist es fantastisch.
Und wenn er nicht genannt wird?
Dann werden wir immer noch mit der Gewissheit nach Hause gehen, einen guten Film gemacht zu haben. Das ist, glaube ich, die gesündeste Herangehensweise an so eine Veranstaltung.
Normalerweise setzt ein Schauspieler seinen ganzen Körper ein. Als Sie das Kind mit dem Greisengesicht spielten, wurde Ihr Kopf mit Tricktechnik auf einen anderen Körper montiert. Was ist das für ein Gefühl, als Schauspieler körperlos zu sein?
Das ist doch fantastisch. Wissen Sie was, ich würde am liebsten alle meine zukünftigen Filme ausschließlich von meinem Sessel zu Hause aus drehen. Dann müsste nur noch der Kameramann zu mir kommen, und einfach nur den Ausdruck meines Gesichts filmen.
Welche Facette Ihrer Rolle hat Sie mehr gereizt - der jünger werdende oder der steinalte Benjamin Button?
Die jüngere Version meiner selbst kenne ich ja schon, das habe ich bereits hinter mir. Das war nicht so interessant, wie den Ausblick in die Zukunft zu wagen. Die Maskenbildner haben sehr intensiv an meiner älteren Hülle gearbeitet. Wir haben uns immer wieder angeschaut, wie das aussehen würde, noch bevor die Dreharbeiten begannen. Ich sehe in dem Film ein bisschen wie mein Großvater aus. Meine Kinder haben mich mal am Set besucht. Als sie kamen, saß ich da in der Maske des alten Mannes. Ich hatte ihnen vorher zwar erklärt, worum es in dem Film ging und wie ich aussehen würde. Aber da standen sie dann, Mami versuchte ihnen klar zu machen: Der alte Mann dort, das ist Daddy. Aber sie haben es überhaupt nicht kommentiert. Das war schon seltsam.
Haben Sie Angst vorm Älterwerden?
Ich habe mehr Angst davor, auf welche Weise ich älter werde. Wie ich dann gehen werde.
"Benjamin Button" ist bereits Ihre dritte Zusammenarbeit mit dem Regisseur David Fincher, der Sie diesmal allerdings ganz anders inszeniert als in martialischen Thrillern wie "Seven" oder "Fight Club".
Die Öffentlichkeit hat ein anderes Bild von David, aber er ist ein Regisseur mit vielen Eigenschaften. David und ich, wir sind seit "Seven" befreundet. Ich fand es faszinierend, dass er sich jetzt die Verfilmung der Fitzgerald-Kurzgeschichte vorgenommen hatte - ein Projekt, das von unterschiedlichen Filmleuten seit den 90ern immer wieder geplant worden ist. Aber erst David hat es hinbekommen. Das Leben ist kurz, da will ich mit Leuten arbeiten, die ich liebe und respektiere. David ist einer davon. Und wenn du wie ich Kinder hast, überlegst du dir sehr viel genauer, für welche Filme du deine Zeit opferst. Zeit hat inzwischen einen anderen Wert für mich - ich möchte sie nicht verschwenden.
"Benjamin Button" ist ein Film, der die Leute zum Taschentuch greifen lässt. Was bringt Sie selbst zum Weinen? Die Geburt Ihrer Kinder?
Ich weine nicht. Ich bin knallhart. Nein, im Ernst, natürlich hat sich mein Leben sehr stark verändert, seit ich sechs Kinder habe. Wenn ich nicht Vater wäre, hätte ich einen solchen Film gar nicht machen können.
Inwiefern haben die Kinder Ihr Leben verändert?
Ich liebe Babys. Ich habe inzwischen ja einige von ihnen. Es ist mit einer großen Verantwortung verbunden, Menschen in diese Welt hineinzusetzen. Und Eltern haben die Aufgabe, sie auf das Leben vorzubereiten. Es ist eine Ehre. Und ... manchmal bringen sie mich auf die Palme.
Mr. Pitt, Sie haben sich nach Obamas Wahlsieg dessen Rede im Grant Park in Chicago angesehen. Fühlt es sich zurzeit wieder besser an, Amerikaner zu sein?
Es ist eine neue Ära für uns. Das scheint jeder in der Welt mit uns zu fühlen. Obama bestätigt für mich die eigentliche Idee Amerikas. Es ist sehr aufregend. Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt. Und obwohl sehr viele schwere Herausforderungen vor uns liegen, gibt es jetzt im Land diese Stimmung, die Ärmel hochzukrempeln. Das ist etwas ganz anderes als die zynische Atmosphäre, die sich in den letzten acht Jahren der Bush-Administration über das Land gelegt hatte. Es ist eine gute Zeit für alle. Ich habe während des US-Wahlkampfs und auch danach viel in Berlin an meinem neuen Film mit Quentin Tarantino "Inglorious Bastards" gearbeitet. Und alle Amerikaner am Drehort wurden nach dem Wahlsieg von den Europäern am Set beglückwünscht. Das war großartig.
Ist es anstrengend, sich nach einem melancholischen Film wie "Benjamin Button" auf eine abgedrehte Kriegs-Geschichte von Quentin Tarantino umzustellen?
Nein. Ich arbeite gerne mit Geschichtenerzählern, mit Menschen, die von ihrem Metier besessen sind. Regisseure wie David Fincher und Quentin Tarantino sind beide Geschichtenerzähler.
(Aufgezeichnet von Martin Scholz)
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