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03. Oktober 2014

Brasilien Abtreibung: Tabuthema Abtreibung

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Die brasilianischen Katholiken haben viel Geld investiert - und für ihren Kampf gegen die Abtreibung einen künstlichen Fötus anfertigen lassen.  Foto: REUTERS

Abtreibung ist in Brasilien nur unter bestimmen Bedingungen legal. In der Folge sterben Hunderte Frauen, weil sie zu Pfuschern gehen. Zwei besonders furchtbare Todesfälle bewegen zurzeit die Öffentlichkeit in Brasilien. Im Wahlkampf wird das heikle Thema jedoch ausgeklammert.

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Über das Thema wird eisern geschwiegen: Bis zu eine Million Frauen unterziehen sich jährlich in Brasilien einer Abtreibung, so die Schätzungen, und Hunderte von ihnen sterben, weil sie zu Pfuschern gehen. Zwei besonders furchtbare Todesfälle bewegen zurzeit die Öffentlichkeit, aber über die Liberalisierung der derzeit restriktiven Regelung mag, Minderheiten ausgenommen, niemand auch nur diskutieren.

Besonders im Wahlkampf, den ja im Wesentlichen zwei Frauen bestreiten, will sich am Thema Abtreibung niemand die Finger verbrennen. Die wichtigsten Kandidaten mieden es – „aus Dogmatismus, Pragmatismus oder schlichter Feigheit“, schreibt die liberale „Folha de S. Paulo“, „und dadurch werden sie zu Komplizen der Schlächterei“. Mag sein. Aber 79 Prozent der Brasilianer sind gegen eine Liberalisierung. Sich dafür auszusprechen ist politischer Selbstmord.

Die Grünen und eine Linkspartei, die offen dafür sind, haben je ein Prozent der Stimmen. Umgekehrt versuchen konservative Kandidaten zu punkten, indem sie sich als Gegner einer Liberalisierung präsentieren – obwohl die zurzeit gar nicht zur Debatte steht. Erlaubt ist Abtreibung in Brasilien nur, wenn die Mutter vergewaltigt wurde, wenn der Eingriff Lebensgefahr für die Mutter abwendet oder wenn die Leibesfrucht nicht lebensfähig ist. Dem Gesundheitsministerium zufolge kam es im vergangenen Jahr zu 1523 Abtreibungen, auf die diese Bedingungen zutrafen, die also legal waren.

Die Realität sieht ganz anders aus. Ausgehend von den Krankenhaus-Internierungen nach herbeigeführten Abbrüchen schätzt der Sozialmediziner Mario Giani Monteiro, dass es in Brasilien 2013 zu zwischen 685.000 und 857.000 Abtreibungen gekommen ist. Die Weltgesundheitsorganisation WHO nennt für 2013 sogar über eine Million Abbrüche. Einer bereits etwas älteren Studie zufolge beginnen die Frauen typischerweise die Abtreibung Zuhause, durch Einnahme eines Medikamentes. Danach gehen sie zur Ausschabung ins öffentliche Krankenhaus.

Das Risiko ist eine Geldfrage

Ende September sind die sterblichen Überreste von Jandira dos Santos Cruz beerdigt worden. Die 27-jährige Mutter zweier Kinder war im vierten Monat schwanger, als sie Ende August, begleitet von ihrem Ex-Mann, in einem Vorort von Rio de Janeiro zum Treffpunkt ging, von dem aus sie zu einer geheimen Abtreibungsklinik gebracht werden sollte. Der Eingriff ging schief, Jandira starb, ihre Leiche wurde tags drauf in einem Auto gefunden – verbrannt und zerstückelt, um die Identifizierung zu erschweren, die am Ende durch eine DNA-Analyse gelang.

Am 21. September, kurz vor der Identifizierung von Jandira, wurde Elizângela Barbosa, die 32-jährige Mutter dreier Kinder, tot aufgefunden. Sie lag in einem Graben in São Gonzalo, einer ärmlichen Nachbarstadt von Rio de Janeiro. Auch sie hatte sich, für 1200 Euro, einer illegalen Abtreibung unterzogen, die mit ihrem Tod endete. Die Autopsie brachte eine Plastikröhre in ihrem Uterus zutage.

Schätzungen zufolge kommt in Brasilien jeden zweiten Tag eine Frau bei einer missglückten Abtreibung um – wobei das Risiko eine Frage des Geldes ist. Schwarze Frauen, so Sozialmediziner Monteiro, gingen ein 2,5 Mal größeres Risiko ein als weiße, wegen der „sozioökonomischen Umstände“.

In Rio de Janeiro wurde vor kurzem eine illegale Abtreibungsklinik geschlossen, die offenbar von den oberen Schichten frequentiert wurde – im Stadtteil Botafogo, wo viele der berühmten Schönheitschirurgen ihre Praxen haben. Dass das Bürgertum keine großen Probleme hat, eine diskrete und medizinisch sichere Lösung für eine unerwünschte Schwangerschaft zu finden, steht außer Zweifel.

Wenn Jahr für Jahr bis zu einer Million Brasilianerinnen eine Schwangerschaft abbrechen, dann müssten eigentlich unter den 79 Prozent, die sich gegen die Liberalisierung aussprechen, auch Frauen seien, die abgetrieben haben. Das ist nicht unlogisch; Reue mag dazu führen.

Aber Befürworter der Liberalisierung werden darin eher den Beleg für Heuchelei und Verlogenheit einer Gesellschaft sehen, die insgeheim die Regeln bricht, die sie nach außen beschwört. Das belegt auch die Strafverfolgung, deren Praxis erheblich laxer ist als das Gesetz: In 20 der 26 brasilianischen Bundesstaaten sitzen, wie die Zeitung „O Globo“ recherchierte, zurzeit nur vier Frauen wegen Verstoß gegen das Abtreibungsgesetz im Gefängnis.

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