Tausende Menschen strömen durch die Straßen der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince - ziellos, hoffnungslos, apathisch. Während die einen in Richtung Flughafen ziehen und hoffen, dort Hilfe zu bekommen, verlassen andere Betroffene die Stadt, die vielerorts einem Trümmerhaufen gleicht. Aber: Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erleben weder Feindseligkeit noch Plünderungen in ihrem Umfeld.
Die Innenstadt ist zerstört und der Gestank verwesender Leichen wird Stunde um Stunde stärker. "Die Stadt Port-au-Prince, wie wir sie kennen, hat aufgehört zu existieren", hat meine Kollegin Astrid Nissen gestern verzweifelt gesagt. Die Leichen, die aus den Trümmern geborgen wurden, werden an den Rändern der Hauptstraßen abgelegt, mit Schaufelbaggern aufgesammelt und auf Lkw geladen. Sie bringen die Toten auf das zentral gelegene Gelände eines Krankenhauses im zerstörten Zentrum, wo Familien nach ihren Angehörigen suchen, um ihnen zumindest ein würdevolles Begräbnis geben zu können.
Besonders prekär ist die Situation für die Verletzten. Vor einem Krankenhaus in der Stadt müssen mehr als 100 Verletzte unter freiem Himmel ausharren und auf Hilfe warten. Es gibt weder ausreichend Medikamente noch genügend Ärzte, um die Menschen zu versorgen. Zudem fehlt es an Wasser und Lebensmitteln. Läden oder Supermärkte, die nicht zerstört wurden, blieben aus Angst vor Plünderungen geschlossen.
Von Brot für die Welt / Diakonie Katastrophenhilfe kommen bis zum Wochenende die Hilfslieferungen über den Landweg aus der benachbarten Dominikanischen Republik, am Montag wird dann ein mit Hilfsgütern beladenes Flugzeug in Port-au-Prince eintreffen, welche die medizinische Versorgung von 80.000 Menschen sicherstellen soll und Decken, Zelte, Plastikplanen bringt. Eine Koordination läuft im Rahmen des globalen kirchlichen Hilfsnetzwerks ACT (Kirchen helfen gemeinsam), aber auch mit der UN ist der Kontakt aufgenommen. Der Bedarf an Medikamenten ist groß, auch Ärzte werden dringend gebraucht, vor allem für die chirurgische Versorgung. Und es geht jetzt darum, schnell ein Verteilnetzwerk für Hilfsgüter aufzubauen.
Zwei Kollegen haben sich mit dem Auto auf den Weg nach Jacmel im Südosten des Landes gemacht. Von dort hat ein Team einer Partnerorganisation aus der Dominikanischen Republik, das die Stadt per Boot erreicht hatte, schwere Zerstörungen gemeldet. Die Stadt liegt in unserem Projektgebiet, wir könnten dort das Management eines Camps übernehmen. Bis zu 30.000 Familien sollen dort obdachlos sein. Es ist jetzt wichtig, mit Hilfsmaßnahmen die ländlichen Regionen zu erreichen, damit diese nicht aus dem Blick geraten und sich die Hilfe nur auf die Hauptstadt konzentriert.
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