Kurzfristig habe ich noch einen Flug bekommen, über die Dominikanische Republik erreiche ich Haiti. Anpacken, koordinieren, nach Stuttgart berichten. Vor sechs Jahren habe ich die Folgen des Tsunami und kürzlich die des Bebens im indonesischen Padang hautnah miterlebt. Und doch ist da vor solchen Missionen immer eine große Nervosität.
Mitarbeiter einer Partnerorganisation empfangen mich in Santo Domingo, schon am Nachmittag bin ich dann in Port-au-Prince. Allein am Tag zuvor passierten nach Angaben des haitianischen Zöllners, der mir einen Stempel in den Pass drückt, 300 Ausländer die Grenze.
In Port-au-Prince landen ständig riesige militärische und zivile Frachtmaschinen, Hilfsgüter werden in Helikopter umgeladen und nach Süden geflogen. Es ist ein hektisches Kommen und Gehen rund um den Flughafen. Im Vorort Petion Ville liegt unser Büro, es blieb von der Katastrophe weitgehend verschont. Ringsherum bewegt sich das Leben wieder in etwas geregelteren Bahnen: Einige Supermärkte haben wieder geöffnet. Riesige Menschenschlangen stehen vor einer Bank. Seit drei Tagen gibt es wieder Benzin für den Kompressor. Auch die Müllabfuhr arbeitet wieder. Haiti erwacht langsam aus der Schockstarre.
Auf den freien Plätzen campieren die Menschen weiterhin in notdürftig aus Planen oder Decken gebastelten Unterständen. Die Angst vor Nachbeben ist allgegenwärtig. Einmal erlebe ich im Büro ein Nachbeben, plötzlich wackelt der Tisch, mein Wasserglas schwappt fast über. Alle wollen schnell ins Freie, doch schon hört das Zittern und Wackeln wieder auf.
Der Schock für mich kommt später, als ich in die Innenstadt fahre, das Ausmaß der Zerstörung ist gigantisch, die City eine einzige Ruine. Unsere Mitarbeiter hier in Haiti haben die Katastrophe noch längst nicht verkraftet. Aber sie wollen arbeiten, das ist in dieser Situation offenbar sehr wichtig für sie.
Nach kurzem Schlaf geht es morgens direkt weiter, doch wir stecken dann auf der Straße vor der US-Botschaft fest. Es geht nicht mehr vor und nicht mehr zurück. Menschenmassen überall. Dann erreichen wir doch, mit einer halben Stunde Verspätung, mit Moped-Taxis den Flughafen. Wir fliegen in einem amerikanischen Blackhawk-Helikopter mit unseren Hilfsgütern nach Jacmel, wo uns kanadische Soldaten in Empfang nehmen und die Paletten entladen. Dann beginnt eine Kette: die Kisten kommen auf Lastwagen, werden in eine Lagerhalle gebracht und von dort aus verteilt. Als alles klappt, wird die Stimmung im Team gut, die Hilfsgüter haben ihr Ziel erreicht. Unsere Partner vor Ort in Jacmel sagen, dass zuerst die Sicherheitsfrage geklärt werden muss, das heißt ein gesicherter Zugang zur Ausgabestelle ist erforderlich und das geht am besten durch eine Selbstorganisation der Verteilung.
In Haiti sah es schon vor dem Erdbeben schlimm aus, die Slums, die ich hier in diesen Tagen sehe, zeigen dies in erschreckender Weise. Das Armenhaus der westlichen Welt bekommt jetzt Hilfe, das ist gut. So hilft mir die Hoffnung, dass diese Katastrophe eine Chance ist: nach einem vernünftigen Wiederaufbau müssen endlich stabile Strukturen in diesem Land geschaffen werden. Dazu wollen wir beitragen. Und wir wollen verhindern, dass in einigen Wochen Haiti wieder in Vergessenheit gerät.
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