Ich glaube, dass das bis heute die Klasse von Springsteen ausmacht - und schon damals ausmachte: Ich hörte ganz klar, dass er selbst ein ebenso großer Pop- und Rockfan war wie ich. Was könnte es Wichtigeres für einen Musikliebhaber geben?
Was dagegen Springsteens Texte angeht: Ich weiß, dass sie oft voller Klischees sind und dass ihnen oft Humor oder Ironie fehlen. Aber mir war das nie so wichtig. Das ist bei mir trotz (oder gerade wegen) meines Berufs immer so: Ich halte Songtexte nicht für vertonte Poesie, und vielleicht mochte ich darum Springsteen immer lieber als Bob Dylan und seine verrätselten Zeilen. Denn Springsteen beherrscht dagegen die Kunst des Schlagwortes. Ein starker Vers, eine zeitlos wahre Zeilen, dazu passende Musik - schon kreiert ein Song eine Atmosphäre, die genau das Gefühl spiegelt, das man in sich trägt.
In "Thunder Road", einem meiner absoluten Lieblingssongs aller Zeiten, singt Springsteen am Ende: "Dies ist eine Stadt voller Verlierer, und ich haue hier ab, um zu gewinnen." Das höre ich auch nach einem Vierteljahrhundert noch, um mich aufzuheitern! Ich habe Autos immer gehasst und mich ewig geweigert, selbst eins zu fahren. Aber ich habe Springsteen immer dafür geliebt, die passende Atmosphäre zu schaffen für die Momente, in denen man einfach in den Chevy springen und über die staubige Straße davonrasen will.
Leider kam Springsteen sehr lange nicht nach England, nachdem ich ihn für mich entdeckt hatte. Das erste Mal, dass ich ihn live sah, war erst auf der "The River"-Tour 1981, im Londoner Wembley-Stadion. Und es war ganz, ganz, ganz eindeutig die beste Show, die ich je in meinem Leben gesehen hatte. Meine Kumpels und ich hatten fantastische Plätze direkt am Bühnenrand, so dass es uns gar nicht vorkam wie ein Stadionkonzert. Es war eine so kraftvolle dreistündige Reise, auf die er uns mitnahm - es hat sich angefühlt, wie einen packenden Film mit spannenden, emotionalen, rasanten Momenten im Kino zu sehen - nur noch viel aufwühlender. Ich hatte noch nie einen Künstler gesehen, der mir so real bei seinem Auftritt vorkam, so ungekünstelt - und dem doch gleichzeitig so sehr bewusst war, dass er ein Entertainer ist, der da ist, um die Leute zu unterhalten. Das klingt vielleicht selbstverständlich, aber denken Sie mal darüber nach: Die meisten Bands reden auf der Bühne miteinander, als sei gar keiner da, sie stimmen Gitarren, stehen mit dem Rücken zum Publikum - so was gibt es bei Springsteen nicht.
"Ich habe mir das erarbeitet, es hat sich für mich immer ganz natürlich angefühlt, weil ich mich wohlfühle vor Menschen und finde, man muss sich immer bewusst sein, dass da gerade eine Show läuft", sagte er mir, als ich ihn darauf ansprach.
Ja, ich habe ihn einmal höchstpersönlich treffen dürfen! Vor vier Jahren habe ich ihn vor einem Konzert in London für den Observer interviewt. Ich war unheimlich nervös - obwohl er da ja schon wusste, wer ich bin, weil er einen Gastauftritt in der Verfilmung meines Romans "High Fidelity" hatte. Für einen Mittfünfziger sah er unheimlich jung aus, er ist offensichtlich wahnsinnig fit (wie ich sehen konnte, als er in der Garderobe sein Hemd wechselte), und er war sehr freundlich und angenehm - wenn auch leider nicht so verplaudert, wie ich gehofft hatte. Er wirkte kein bisschen wie einer, der sich bewusst ist, eine so große Legende zu sein. Aber er war doch sehr professionell. Es hat mich daran erinnert, wie ich damals Tony Blair für ein paar Minuten traf: Ich dachte gleich, aha, er funktioniert offenbar besser, wenn er vor einem großen Publikum steht.
Nun wird er also 60, das klingt ziemlich alt, aber ich bezweifle, dass das für ihn viel ändert. In der Phase seines Alterswerks ist er ja schon lange: Ich finde, es gab einen großen Wandel, 1982, mit seiner düsteren, introvertierten LP "Nebraska". Obwohl er noch jung war, überwand er mit der stillen Akustikplatte die wilden Sturm-und-Drang-Tage als Bar-Rocker aus New Jersey und wurde zum ernsthaften Künstler.
Ich bewundere, wie Springsteen es geschafft hat, seitdem in Würde zu altern. Keiner würde ihn je - anders als bei Leuten wie Mick Jagger - beschuldigen, er benehme sich wie ein Kind. Das liegt wohl daran, dass er einsieht, dass das Älterwerden Teil seines Lebens ist, also auch zu den Themen seiner Songs gehören muss. Die Rolling Stones wirken ja deshalb so peinlich, weil sie immer noch über Frauengeschichten singen. Sie haben keinerlei Material an Bord genommen über das, was nun wirklich mit ihnen geschieht. Auf Springsteens neuer CD gibt es zwar auch noch Songs übers Verknalltsein, aber eben auch über den Tod eines guten Freundes.
Ich hoffe, dass ich selbst, wenn ich zu meinem Alterswerk übergehe, es auch hinkriege wie Springsteen: dass die neuen Werke immer mehr zur Kulmination dessen werden, was man bisher gemacht hat - und man sich gleichzeitig genug Jugend, genug Rock´n´Roll bewahrt. Allerdings meine ich mit Jugend nicht etwa faltenfreie Gesichter, Waschbrettbäuche und volles Haar. Das können die jungen Leute gern für sich allein haben, das ist mir nicht mehr wichtig.
Ich meine mit Jugend Energie, diese unbestimmte Sehnsucht, grundlose Heiterkeit, das Gefühl, unsterblich zu sein, das man als junger Mensch noch hat - all das ziehe ich aus seinen Platten.
Vermutlich geht es mir da wie meiner Figur Rob, dem Rock-Fan aus "High Fidelity", der an einer Stelle des Buchs sagt: "Ich hätt´s gern, wenn mein Leben wäre wie ein Bruce-Springsteen-Song. Ich weiß, ich bin nicht ,born to run´; ich weiß, dass meine kleine Straße nicht die Thunder Road ist. Aber das Gefühl kann doch dasselbe sein, oder?"Aufgezeichnet von Steven Geyer
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