Wenn es um Rockmusik geht, bin ich gegen alte Helden. Der sicherste Weg, sich den Spaß am Pop zu verderben, ist, jungen Bands keine Chance gegen die wenigen großen Originale des Rock zu geben und ein Leben lang nur noch die Karriere seiner Lieblingsbands zu verfolgen. Das kann eines Tages nur enttäuschend oder langweilig werden, also mache ich das überhaupt nicht - außer bei Bruce Springsteen.
Es gibt nur wenige, die es geschafft haben, eine so dauerhafte, abwechslungsreiche, spannende Karriere aufzubauen wie "der Boss" aus New Jersey. Er hat fast 300 Songs geschrieben, über 120 Millionen Alben verkauft, er gewann den Oscar, den Grammy und etliche Emmys. Heute wird er 60 Jahre alt - und ist immer noch kein Mann von gestern.
Nick Hornby, 52, schreibt immer wieder über seine Begeisterung für US-Rockstar Bruce Springsteen - etwa im Essayband "31 Songs" (wo er auch gesteht, dass er lieber Musik als Bücher schriebe) und in seinem Weltbestseller "High Fidelity". In dessen Verfilmung hat Springsteen sogar eine Gastrolle übernommen. Hornbys neuer Roman um einen obsessiven Rockfan und einen alten Rocker, "Juliet, Naked", ist jetzt bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.
Bruce Springsteen steht mehr im Zentrum des amerikanischen Kulturlebens denn je: Er war Headliner bei etlichen wichtigen Festivals, er hat zu Barack Obamas Amtseinführung gespielt, er trat beim wichtigsten US-Live-Event, dem Superbowl, auf. Er hat all das geschafft, indem er immer hart gearbeitet hat. Er hat keine Platte gemacht, die faul gewesen ist. Er hat niemals das Gleiche zweimal getan. Sogar Projekte, die mich vor Erscheinen nicht interessierten - wie 2006 sein Tribut an sein Vorbild, den Folkstar Pete Seeger - hatten immer irre viel Leben und Freude in sich.
Springsteen hat es geschafft, 36 Jahre Gehör zu finden - sogar bei Leuten, die nicht zu seiner eigenen Generation gehören. Das gelang ihm, weil er es schaffte, durch jeden Wandel des Zeitgeistes, der Popmusik, der US-Gesellschaft, die Stimmung im Land einzufangen: sein aktuelles Album "Working On A Dream" feiert die Rückkehr des liberalen Amerikas unter Obama, 2002 sang er auf "The Rising" der am 11.September verletzten Nation aus der Seele, sein "Born In The U.S.A." passte 1984 genau zur bleiernen Zeit der Reagan-Jahre.
All die Jahre blieb er prototypisch amerikanisch - und gerade deshalb funktioniert seine Musik weltweit. Weil wir alle eine Beziehung zu Amerika haben: Es fasziniert uns, es begeistert uns, es erschreckt uns auch oft. Aber Springsteen stand immer für die Version der USA, die wir uns wünschten. Er selbst hat es nach Obamas Wahlsieg so gesagt: "Ich habe 35 Jahre lang über Amerika gesungen, heute Nacht hat es sein Gesicht gezeigt." Natürlich war auch George Bush das Gesicht Amerikas.
Aber wie Obama steht auch Springsteen für das Amerika eines Bob Dylan, eines Martin Scorsese, eines Raymond Carver. Ich habe nie begriffen, dass einige Ignoranten dachten, Springsteen repräsentiere das andere, das hurrapatriotische, machohafte Amerika - wegen seines Stadionrock-Hits "Born In The U.S.A.", das sogar Reagan für eine Jubelhymne hielt und im Wahlkampf einsetzte. Das muss Springsteen verrückt gemacht haben, es hat ja schon mich als Fan verrückt gemacht.
Dabei war schon seit 1975, seit seinem Durchbruch mit der LP "Born To Run" klar, dass er das Amerika des kleinen Mannes besang: Bei Springsteen kannst du entweder in der Provinz bleiben und verrotten oder fliehen und verbrennen. Das ist ein Bild, das mich als jungen Kerl begeisterte.
Allerdings nicht sofort. Als ich damals, durch "Born To Run", zum ersten Mal von Springsteen hörte, ging ich noch zur Oberschule. Ich hatte eine amerikanische Freundin, und deren Bruder hatte sich die LP gekauft. Mich hatte schon als Kind alles Amerikanische fasziniert, weil es so ganz anders war als die britische Provinz in den 60ern. Was aus den USA kam, war modern, selbstbewusst, vulgär und bunt. Also interessierte mich auch dieser Bluesrocker, von dem die Amerikaner plötzlich alle so begeistert waren. Doch gleichzeitig misstraute ich dem riesigen Hype, den die englische und die US-Musikpresse um die Platte veranstaltete. Also hörte ich sie ein paar Mal mit halbem Ohr und legte sie dann beiseite. Ich war wohl noch nicht reif für ihn.
Doch dann kam ich aufs College. Ich studierte in Cambridge, habe gebügelte Hosen getragen und mir sofort die langen Haare abgeschnitten. Aber gleich in meinem ersten Jahr freundete ich mich mit ein paar älteren Jungs an, die viel mehr über Musik wussten als ich. Und als sie sahen, dass ich mich dafür interessierte, fingen sie an, mir Platten zu geben. Und "Born To Run" war ihnen unheimlich wichtig. Ich schätze, weil ich ihrem Urteil so sehr vertraute, gab ich dem Album eine neue Chance. Ich habe mich ganz darauf eingelassen - und seitdem ließ er mich nie mehr los.
Mich faszinierte, wie Springsteen all die Musik, die ich je gemocht hatte, zusammenführte. Ich fand bei ihm Phil Specter wieder, den Soul von Stax-Records, alten Rock´n´Roll. Springsteen hatte keine Scheu, zu zeigen, woraus seine Musik erwuchs, er hatte keine Angst vor Vergleichen, die sich aufdrängen würden. Es ist jetzt mehr als 30 Jahre her, dass der US-Kritiker Jon Landau seinen Artikel über ein Konzert von Springsteens E-Street-Band schrieb, der den berühmten Satz enthält: "Ich habe die Zukunft des Rock´n´Roll gesehen, und ihr Name ist Bruce Springsteen." Ich habe den Text vor einer Weile zum ersten Mal gelesen, und ich fand darin auch den Satz: "Vor meinen Augen blitzte meine ganze Rock´n´Roll-Vergangenheit auf."
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