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Buch über Abiturienten: Nennt uns bloß nicht Krisenkinder

Die Lösung sei einfach: Am Ende müsse man der Beste sein, der mit den besten Sprachkenntnissen, dem besten Abi, der meisten Auslandserfahrung, dem besten Abschluss. Und dabei möglichst wenig verbissen wirken. Überragend ausgebildet, über die Maßen motiviert und flexibel bis zur Selbstaufgabe - das seien, kurz zusammengefasst, die Anforderungen, lästern einige.

Ich hoffe, dass die Krise vorbei ist, wenn ich fertig werde. Und falls nicht, dann setze ich mich auch so irgendwie durch. Ich weiß, was ich kann.
Kevin Graef, 17, Schüler
"Ich hoffe, dass die Krise vorbei ist, wenn ich fertig werde. Und falls nicht, dann setze ich mich auch so irgendwie durch. Ich weiß, was ich kann." Kevin Graef, 17, Schüler
Foto: Max Grönert

Aber ein Großteil nimmt sie an. Das beweisen die Lebensläufe dieser Generation. Die Hälfte der 20- bis 35-Jährigen hat schon mehrere Praktika gemacht, zwanzig Prozent sogar mehr als fünf, so das Ergebnis einer Umfrage der TNS Infratest. Jeder Vierte hat schon mal länger als zwei Monate im Ausland gelebt. Mathias Scheithauer war nach dem Abitur ein Jahr in Australien, jetzt zieht er fürs Studium vom rheinischen Overath nach Passau. "Ich finde es normal, dass man dorthin geht, wo die Möglichkeiten am besten sind", sagt der 20-Jährige. Miriam Müller, 25, hat das vergangene Jahr in Schottland studiert, jetzt geht es weiter nach Italien. Heute könne man es sich nicht mehr leisten, unflexibel zu sein, sagt sie.

So sehen es die meisten: Für eine Arbeitsstelle würde jeder zweite junge Deutsche innerhalb Europas auswandern, 42 Prozent sogar weltweit. Drei Reaktionen auf die Krise sind denkbar: resignieren, rebellieren oder ranklotzen. Die meisten Jugendlichen haben sich für Letzteres entschieden.

Ich beginne jetzt ein Studium der Germanistik in Bonn und freue mich schon drauf. Manche sagen, das sei brotlos, aber ich habe genug Selbstvertrauen, um zu entgegnen: Wenn man gut ist, wird man immer genommen. Dominika  Solecka, 19, Abiturientin
"Ich beginne jetzt ein Studium der Germanistik in Bonn und freue mich schon drauf. Manche sagen, das sei brotlos, aber ich habe genug Selbstvertrauen, um zu entgegnen: Wenn man gut ist, wird man immer genommen." Dominika Solecka, 19, Abiturientin
Foto: Max Grönert

Option A: Resignieren kommt nicht in Frage. Dafür sind sie zu jung und die Zeiten noch nicht bitter genug, finden sie. "Auf meine persönliche Lebenssituation hat die Krise bisher keinerlei Auswirkungen gehabt. Im Sommer hatte ich sogar noch einen Ferienjob in der Automobilindustrie", sagt die 20-jährige Cristina Imbrenda. Auch sie beginnt jetzt ihr Studium und schaut hoffnungsvoll nach vorne.

Was die Generation eint, ist die Ablehnung aller Ideologien

Und was ist mit B? Rebellieren? Dafür ist diese Generation zu pragmatisch - auch dieses Adjektiv ist eines, was Jugendforscher Hurrelmann immer wieder anführt wenn er die 20 bis 30-Jährigen beschreiben soll. Gegen die Krise demonstrieren? Was soll das bringen? Die Welt, wie sie heute sei, verändere nicht mehr ein Kanzler, sondern der Markt. Und der lasse sich nicht umstimmen - der reagiere bloß verstimmt, argumentieren sie. Überhaupt sei es heute schwieriger, eine eindeutige Haltung einzunehmen, weil die Welt komplexer geworden ist, sich nicht mehr in Schwarz oder Weiß einteilen lässt, in gläubig oder gottlos, in Kapitalismus oder Kommunismus, in links oder rechts.

Was diese Generation eint, ist nicht eine Ideologie, wie sie früher die Jungen gemein hatten, sondern die Ablehnung aller Ideologien. Sie wollen keine dogmatischen Entscheidungen treffen, sondern logische und pragmatische. Sie wollen sich die Möglichkeit offenhalten, nach Sachlage zu entscheiden, nicht nach Bibelvers oder Parteibuch. Dazu passt, dass zwar 70 Prozent angeben, regelmäßig wählen zu gehen, selber Mitglied in einer Partei oder einer politischen Initiative sind aber nur 16 Prozent. Einfach nur "dafür" oder "dagegen" zu sein, fällt ihnen schwer. Es gibt immer ein "aber". Laut einer Umfrage des Instituts mindline media anlässlich der Krise sind über die Hälfte der jungen Menschen unter 35 Jahren gegen Rettungspakete vom Staat für von der Krise gebeutelte Unternehmen. Andererseits: dann verlören Menschen ihren Job, die selbst nur Opfer der Krise sind und sie nicht verursacht haben. Denn das waren die Banker und Topmanager, sagen 74 Prozent. Vielleicht ist auch die Globalisierung schuld, aber diese wiederum ist unvermeidlich, sagen 66 Prozent, aber die richtigen Antworten darauf seien noch nicht gefunden. 70 Prozent sind der Meinung, der Kapitalismus schaffe wenig Reiche und zu viele Arme. Aber 60 Prozent meinen auch: Zum Kapitalismus gibt es keine gute Alternative.

Und überhaupt: nur weil es einmal gekracht hat, gleich das ganze System in Frage stellen? Einen Neustart erzwingen, womöglich lautstark und gewalttätig? Nein. Da rebooten sie eher ihr eigenes System und fahren die Ansprüche noch ein bisschen runter, wie der der 24-jährige Benni Russ: "Ich kann mich während des Studiums auch finanziell einschränken, so lange ich die Hoffnung habe, dass es danach irgendwann mal besser wird. Und die habe ich", sagt er.

Kathrin Kluckner plant ihre Zukunft ähnlich: "Ich bin bereit, mich richtig reinzuhängen, länger zu bleiben, weniger zu verdienen - und hoffe, dass sich das in ein paar Jahren auszahlt", sagt die 25-Jährige.

Augen zu und volle Power - das ist ihre Antwort auf die schlechte Wirtschaftslage. Für das bisschen, was zu holen ist, geben sie alles. Aber so lange sie mehr leisten, mehr hinnehmen und weniger verdienen, bleibt ein Wort auf ihren Partys tabu: Krise.

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Autor:  Lara Fritzsche
Datum:  28 | 9 | 2009
Seiten:  1 2
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