Jede Stunde ist der Raum ein bisschen dunkler geworden. Es ist halb zwei und die Musik ist nicht mehr so cool wie zu Beginn der Party, aber dafür tanzen jetzt ein paar Leute und in der Ecke knutschen zwei, die sich eben noch nicht kannten. Eine Gruppe von jungen Menschen sitzt zusammen, sie sind Schüler, Studenten, Praktikanten, einer von ihnen ist angestellt, aber nur noch bis zum kommenden Januar. Auf dem Tisch eine Flasche, aus der sich alle einschenken, längst achtet keiner mehr darauf, nur eine Sorte Alkohol zu trinken. Ein paar haben schon die Schuhe ausgezogen, sorgfältig toupierte Haare wurden kurzerhand mit Zopfgummis zusammengefasst und verschwitzte Kappen abgelegt. Inzwischen sind alle Gesprächsthemen zulässig, Freundschaft und Neid, Sex und Betrug, Liebe und Stolz. Nur das eine Wort bleibt tabu: Krise.
Das hören sie den ganzen Tag, seit Wochen, Monaten, im Winter ein Jahr. Sie lesen davon, wenn sie die Zeitung aufschlagen oder online gehen, sie hören davon, wenn sie den Fernseher einschalten oder das Radio. Und jede dieser Meldungen hat Auswirkungen auf das Land, in dem sie noch 60 Jahre leben wollten. Jede schlechte Nachricht verändert ihre Welt. Ein Personalchef, der sparen muss, kündigt zuerst die jungen Mitarbeiter ohne Kinder - die Neuen halt. Eine Firma, die pleite geht, kann sie später nicht mehr einstellen. Und die Millionen, die der Staat an Schulden anhäuft, müssen sie wieder reinholen. Mit Deutschland geht es bergab, die Lage ist mies, alle sind pessimistisch und ängstlich, sagen laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts mindline media drei Viertel der jungen Menschen. Und obwohl sie am stärksten betroffen sind von der Rezession - wollen sie in den kollektiven Klagegesang nicht einstimmen.
Lara Fritzsche, 25, Autorin, war bis zum Beginn ihres Psychologie-Studiums Redakteurin im Magazin des Kölner Stadt-Anzeigers. Außerdem arbeitet sie als freie Journalistin unter anderem für Die Zeit, Neon und Geo.
Ausgezeichnet wurde sie für ihre Arbeit unter anderem dem Axel-Springer- Preis, dem Emma-Journalistinnen- Preis und dem Hanns-Seidel-Preis. Noch als Volontärin des "Kölner Stadt-Anzeiger" und somit jüngste Preisträgerin in der Geschichte gewann sie den Theodor-Wolff-Preis, eine der renommiertesten Auszeichnungen der deutschen Zeitungsbranche gilt.
Ihr erstes Buch ist gerade unter dem Titel "Das Leben ist kein Ponyhof" bei Kiepenheuer und Witsch erschienen. Ein Jahr lang hat Fritzsche dafür eine Abschlussklasse begleitet. Die Zeit reicht von Silvester über die Prüfungen, die wohlverdiente Abi-Fahrt in den Süden, zahlreiche Bewerbungen bis zum Umzug und dem ersten Tag an der Uni. Fritzsche zeichnet darin das Bild einer leistungsbereiten Generation, die trotz Krise nicht resigniert, sondern nach neuen Lebensplänen sucht.
Lara Fritzsche: "Das Leben ist kein Ponyhof" Kiepenheuer und Witsch, 224 Seiten 17,95 Euro.
Depression lassen sie nicht zu, lieber feiern sie kleine Erfolge. Ein Partygast berichtet vom Angebot des Professors, für ihn zu arbeiten, eine andere von einem spannenden Studium im Ausland, für das sie zugelassen wurde, und wieder einer von einer freien Mitarbeit in der Werbeagentur, wo er die vergangenen drei Monate Praktikum gemacht hat. Alles wird anerkennend nickend honoriert. Für einen Zyniker muss diese Gesprächsrunde anmuten wie ein Treffen der Anonymen Krisenkinder, die jeden kleinen beruflichen Erfolg beklatschen. "Hallo ich bin Mathias, 20, und arbeite gerade bei einer Produktionsfirma und sammele dort tolle Erfahrungen." "Hallo ich bin Dominika, 19, und wurde für meinen Wunschstudiengang zugelassen." Dabei wissen die Betroffenen, dass sie es schwer haben werden, den Standard, den sie von Zuhause kennen, auch selbst aufrechtzuerhalten.
Denn während in ihren Familien seit den 50er Jahren der Wohlstand wuchs, die Häuser größer wurden, die Autos breiter und der Besuch im Restaurant zur Gewohnheit, ist der Aufschwung nun gebremst. Für die jungen Leute dieser Generation gilt das alte Versprechen vom stetigen Wachstum nicht mehr. Sie ahnen, dass der ideale Lebensplan von einer sicheren Anstellung, einer eigenen Immobilie und zwei Kindern für sie nicht mehr aufgeht. Die Top Ten der Ängste dieser Generation wird von ökonomischen Sorgen angeführt: Fast drei Viertel fürchten sich laut aktueller Shell-Studie vor schlechter Wirtschaftslage und Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg, 80 Prozent laut einer Umfrage von mindline media gar vor Altersarmut und davor, keinen Job zu finden oder ihn nicht halten zu können. Aber das lähmt sie nicht, das versetzt sie nicht in Panik und das rechtfertigt noch lange kein Krisen-Gespräch auf einer ansonsten gelungenen Party.
Trotz allem ist ihre Stimmung zuversichtlich. Als Opfer sehen sie sich nicht und Krisenkinder wollen sie auch nicht heißen. Weil sie sich so nicht fühlen. Über die Hälfte schätzt ihre persönliche Zukunft positiv ein. Bei den unter 20-Jährigen ist der Trend sogar noch ausgeprägter: Drei Viertel schauen voller Zuversicht nach vorne und sind davon überzeugt, dass sie schon irgendwie ihren Weg machen werden - auch in der Krise. "Ich bin selbstbewusst, weil ich weiß, was ich kann", sagt der 17-jährige Kevin Graef. Momentan geht er noch zur Schule, danach würde er gerne bei Ford ein duales Studium absolvieren. "Da bewerben sich 900 Leute auf eine Handvoll Plätze, aber ich denke, dass meine Chancen ganz gut sind", sagt er. Auch die 24-jährige Luise Aedtner will sich von ihrem Wunsch, Fotografin zu werden, nicht abbringen lassen, nur weil gerade die Krise herrscht: "Man sollte sich von den vielen anderen Bewerbern um seinen Traumjob nicht einschüchtern lassen. Ich finde, aus Konkurrenz kann man sogar einen gewissen Ansporn ziehen."
Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist da. Wer was könne, der setze sich auch durch, meint sie. Das denkt auch Dominika Solecka. "Ich beginne jetzt ein Studium der Germanistik, manche sagen, das sei brotlos, aber ich hab genug Selbstvertrauen, um zu entgegnen: Wenn man gut ist, wird man immer genommen", sagt die 19-Jährige.
Damit ist sie nicht allein. Ein Großteil der jungen Deutschen teilt die Ansicht, dass man alles erreichen kann, wenn man nur wirklich will und sich anstrengt. Soziologe Klaus Hurrelmann verleiht der Jugend gerne das Prädikat: besonders leistungsbereit. Sie können nicht anders. Sie folgen dem Weg, den ihre Eltern vorgegeben haben, als sie eine gute Schule für sie auswählten, bei den Hausaufgaben halfen, wegen einer Drei in Mathe Nachhilfestunden organisierten und für die Osterferien eine Sprachreise buchten. Lernen, Leistung und Engagement - das wird sich immer auszahlen, glauben sie. Je besser, desto besser.
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