Zu meiner Kindheit gehört Lakritzwasser, das meine Oma aus kleinen, sorgfältig von einem großen schwarzen Brocken abgeschnittenen Stückchen herstellte. Und das von mir ebenso gerne getrunken wurde wie eine Generation später von meinem Sohn die Orangenlimonade. Zu meiner Kindheit gehört der Nudelsalat, der am Abend vor Familienfesten mit Tomaten, hartgekochten Eiern und Gewürzgurken angesetzt wurde und erst kurz vor seinem Verzehr die Mayonnaise hinzubekam.
Zu meiner Kindheit gehört aber auch der Kochlöffel. Nicht als Küchenutensil, sondern als Schlaginstrument. Immer dann, wenn ich tagsüber irgendwie „muksch“ gewesen war, nicht pariert hatte – wie es so schön hieß –, dann wurde mein Vater, da hatte er sein Jackett noch nicht an die Garderobe gehängt, schon mit den Worten begrüßt: Das Kind hat heute Widerworte gegeben.
Eine Information, die ihn mit einem genervten Seufzen die Küchenschublade aufziehen und den Kochlöffel herausholen ließ. Dann ging es ab ins Wohnzimmer, wo ich schon dessen harrte, was nun folgen würde. Und dann setzte es was. Aber nicht zu knapp. Ich hatte, wenn man so will, eine für die 50er- und auch die 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts ganz normale Kindheit.
Sonja war fünf Jahre alt und spielte mit einer Freundin in der Garage ihrer Eltern. Zu der Zeit wurde noch hauptsächlich mit Kohle geheizt. Und so waren dort Briketts für den Winter gestapelt, zum Entzücken der beiden Mädchen. Die packten sie sich, diese schwarzen, rechteckigen Klötze, ohne Rücksicht auf ihre sauberen Anziehsachen, stapelten sie gekonnt und bauten aus ihnen eine Sitzgarnitur.
Mit Tischen und Stühlen, mit allem, was dazu gehört. Stolz betrachteten beide anschließend ihr Werk, kletterten daran rauf und runter, ohne sich groß darum zu scheren, dass sie sich dabei immer mehr mit den Briketts einstaubten und dreckig machten. „Das war Anfang der 50er-Jahre. Meine Mutter hatte keine Waschmaschine und musste für uns drei Kinder zu Hause mit der Hand waschen“, erinnert sich Sonja.
Dementsprechend aufgebracht war die Mutter, als sie die verschmierte Kleidung der Tochter sah – und schlug zu. „Das war das erste Mal, dass sie den Rohrstock rausgeholt hat.“ Für den Berliner Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz eine in der damaligen Zeit normale und auch gesellschaftlich anerkannte Reaktion.
„Es war durchaus klar, dass man das hinnehmen musste, wenn es passierte. Körperliche Strafen, die berühmte Ohrfeige oder auch mal das „an den Ohren ziehen“ – solche Sachen waren üblich in den 50er- und 60er-Jahren und dementsprechend allgemein akzeptiert. In den Medien, überhaupt in der Öffentlichkeit, ja auch in den Gesprächen der Erwachsenen untereinander galten Schläge als erzieherisch wirksames Mittel.“
Das Ritual der Misshandlung spielte sich immer gleich ab. Die Mutter sagte, wenn etwas schiefgegangen war: „Du weißt ja, was jetzt passiert. Hol schon mal den Rohrstock.“ Der lag stets griffbereit so weit oben auf einem Schrank im Esszimmer, dass die kleine Sonja ihn gerade mal zu fassen bekam. Sie reckte sich, holte ihn. Dann musste sie vorgehen, die Treppe runter in die Waschküche.
„Dort wurde ich verprügelt. Röckchen hoch. Also nicht gerade auf den nackten Po. Aber auf die Unterhose.“ Der gewalttätige Umgang mit ihr gab Sonja das Gefühl, in ihrer Familie eine Außenseiterin zu sein. Jemand, der nicht richtig dazu gehörte, der einfach von Natur aus böse war, dem man das Schlechte durch Prügelei austreiben musste. Dabei hatte sie eine Freundin, der es ähnlich schlimm erging, auch wenn deren Eltern nie handgreiflich wurden. „Aber die musste, schon als sie noch sehr klein war, in den Kohlenkeller gehen und wurde dort eingesperrt. In den dunklen Keller. Bis das Trotzköpfchen wieder ruhig war.“
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