Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

09. November 2012

Buchhandel: Buchläden in Zeiten von Amazon und Co.

 Von Petra Ahne
Billige Bücher vom Ramschtisch. Foto: Imago

Die Welt des Buches wird durchgeschüttelt, und ein Beruf droht zu verschwinden - der des Buchhändlers.

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Die Welt des Buches wird durchgeschüttelt, und ein Beruf droht zu verschwinden - der des Buchhändlers.

Berlin –  

Bernhard Rieger hat schon Platz genommen auf dem Sessel neben dem Büchertisch, da springt er nochmal auf, zeigt auf die bunten Rücken der Suhrkamp-Bücher im Regal, auf das neue Buch von Slavoj Zizek, dem Philosophen, und auf die schmalen Gedichtbände des Insel-Verlags. „Vor zehn Jahren hatten wir das auch alles“, sagt er. Er sagt es sachlich, nicht wehmütig. Es sind nicht die sich ändernden Zeiten, die ihm wehtun. Sondern das, was dabei Menschen wie ihm widerfährt und einem Beruf, der auch seiner ist: Buchhändler.

Darüber will er sprechen, deswegen sitzt er jetzt im Obergeschoss eines gemütlichen kleinen Buchladens nahe dem Münchener Marienplatz zwischen dem Philosophie-, dem Kunst- und dem Lyrikregal, auf einem der zwei Lesesessel. Es ist ruhig hier oben. Hin und wieder kommt ein Kunde die steile Holztreppe rauf und bleibt dann lange, studiert die Titel im Regal, zieht ein Buch heraus, blättert darin.

Einfach Bücher auslegen funktioniert nicht mehr Frithjof Klepp vom Buchladen Ocelot
"Einfach Bücher auslegen funktioniert nicht mehr" Frithjof Klepp vom Buchladen Ocelot
Foto: Markus Wächter / Waechter

In der Buchhandlung Lentner, die sich seit 1945 in die Seitenwand des mächtigen Münchener Rathauses duckt, kann man fast vergessen, dass die Welt des Buchs gerade mächtig durchgeschüttelt wird und niemand weiß, wie sie am Ende aussieht. Wie kommt das Buch in Zukunft zum Menschen? Das ist die Frage, die sich gerade eine ganze Branche stellt. Werden Bücher nur noch Datenpakete sein? Wird es noch Buchläden geben? Und was bleibt von einem Beruf, der zum Buch zu gehören schien wie die Seiten aus Papier?

Nichts, sagt Bernhard Rieger, jedenfalls nicht dort, wo er arbeitet, beim Großfilialisten Hugendubel. Aber da sind auch noch Buchhändler wie Franz Klug von der Buchhandlung Lentner, in der die Welt auf den ersten Blick noch in Ordnung zu sein scheint. Und Frithjof Klepp, dessen Antwort auf die Frage, ob sein Beruf Zukunft hat, in Berlin-Mitte zu besichtigen ist: Da hat er soeben einen Buchladen ganz eigener Art eröffnet.

Kritik am „Schmalspur-Topseller-Sortiment“

Bernhard Rieger, der so gründlich über die Dinge nachdenkt, dass er sich manchmal etwas in ihnen verliert, hatte vorgeschlagen, sich in der kleinen Buchhandlung Lentner zu treffen, die so ziemlich das Gegenteil von seinem eigenen Arbeitsplatz ist. Einen gemeinsamen Gang durch eine Hugendubel-Filiale wollte er nicht, aus Sorge, sich noch mehr Ärger mit seinem Arbeitgeber einzuhandeln, als er ohnehin schon hat.

Rieger spricht aus, worüber seine Kollegen öffentlich lieber nicht reden wollen, auch wenn sie es genauso empfinden. Bei Veranstaltungen, in Blogs, in offenen Briefen kritisiert er das „Schmalspur-Topseller-Sortiment“, und auch, wie es zustande komme: durch den zentral gesteuerten Einkauf. Buchhändler wie er fühlten sich zu Regalauffüllern degradiert.

Um zu verstehen, was er meint, muss man keine hundert Meter weit gehen, in die größte Hugendubel-Filiale des Landes, fünf Stockwerke hoch. Allein in die Fläche der Belletristik-Abteilung würde die ganze Buchhandlung Lentner hineinpassen, und trotzdem hat man das Gefühl, bei Hugendubel weniger Auswahl zu haben. Mit einem Blick ist der Großteil des Sortiments erfasst, was auch daran liegt, dass viele Bücher mit der Frontseite nach vorne in den Regalen stehen.

„Große Gefühle“ und Buddha-Figuren

Es sind meist Neuerscheinungen bekannter Verlage, ebenso auf den Tischen, wo Bücher zu Stapeln aufgeschichtet sind. Nicht viele, dafür jedes dutzendfach. Außerdem gibt es jede Menge Krimis, und zwei wandhohe Regale sind überschrieben mit „Große Gefühle“, dort stehen Liebesromane. In anderen Etagen gibt es neben Büchern noch alles Mögliche, in der vierten etwa beginnen die Buchregale hinter Tischen, die vollgepackt sind mit Buddha-Figuren, Räucherstäbchen, Klangschalen und Yogamatten. Non-Books heißt das in der Branche.

Man kann all das konsequent finden angesichts einer Lage, deren Ernst die Statistik zu beweisen scheint. Beunruhigend für den Buchhandel sind noch nicht so sehr die Zahlen selbst, eher das Tempo, in dem sie sich verändern. 15 Prozent der Bücher wurden 2011 im Internet bestellt, eine Steigerung um fünf Prozent in einem Jahr. Bei den klassischen Buchhändlern sank der Umsatz um drei Prozent. Ein Prozent der Bücher wurde digital gelesen. Nicht viel, aber doppelt so viel wie im Jahr zuvor.

Konzentration auf die Bestseller

Die Verlage bringen sich in Stellung, Random House und Penguin verkündeten vor wenigen Tagen, zum weltgrößten Verlag für Belletristik und Sachbücher fusionieren zu wollen – vor allem, um das Geschäft mit E-Books nicht Amazon zu überlassen. Ist es da nicht verständlich, dass sich Hugendubel und Thalia, die für ihre Läden oft Mieten in teuren Innenstadtlagen zu bezahlen haben, auf das konzentrieren, was noch am ehesten Gewinn verspricht?

Man kann das so sehen – oder Bernhard Rieger zuhören, 57 Jahre alt und seit 27 Jahren – mit Unterbrechungen – bei Hugendubel beschäftigt. Dann fragt man sich, ob es nicht einen Zusammenhang gibt: zwischen dem, wie sich seine Arbeit in den letzten Jahren verändert hat und der Tatsache, dass die beiden Marktführer Hugendubel und Thalia zurzeit eine Filiale nach der anderen schließen.

Die Veränderungen begannen vor etwa sechs Jahren, sagt Bernhard Rieger. Ungefähr zu der Zeit, als der 119 Jahre alte Familienbetrieb Hugendubel sich mit der Verlagsgruppe Weltbild zusammentat und man zur Finanzholding DBH verschmolz. Bis dahin hatte Rieger sehr gern bei Hugendubel gearbeitet. Er mochte die Leitlinien des Unternehmens, die bis vor ein paar Jahren jeder neue Mitarbeiter bei seiner Einstellung überreicht bekam. Rieger zieht ein dünnes, blau gebundenes Heft aus der Tasche, „Die Unternehmensgrundsätze“ steht darauf.

Gewohnt, das Buch als Ware zu sehen

Von flachen Hierarchien ist die Rede, von großer Eigenverantwortung der Mitarbeiter und davon, dass die Arbeit Freude machen soll. So sei die Atmosphäre auch gewesen, sagt Rieger, jeder Mitarbeiter habe sein Sortiment mit Engagement und Leidenschaft gepflegt. Auch er, der im Haupthaus am Marienplatz anfing und dann in der Filiale eines Einkaufszentrums im Münchener Stadtteil Neuperlach viele Jahre für den Bereich Modernes Antiquariat zuständig war. Im Modernen Antiquariat werden im Preis herabgesetzte Bücher verkauft.

Es ist nämlich so, dass sich etwa ein Ladenhüter über Philosophiegeschichte wieder sehr gut verkaufen kann, wenn er nur noch 2,95 Euro kostet. Oder ein Band über Französische Impressionisten für zehn Euro auch von Menschen gekauft wird, die noch nie eine Kunstbuchabteilung betreten haben. Es hat Bernhard Rieger Spaß gemacht, für Bücher verantwortlich zu sein, die vor allem der Preis interessant macht. Er ist durchaus gewohnt, das Buch als Ware zu sehen.

Wer gut war, sagt Rieger, auch wirtschaftlich, durfte seinen Bereich ganz selbstständig verwalten. Er war gut, sagt er, und wenn man ihn reden hört, zugleich bedächtig und wendig im Denken, kann man sich gut vorstellen, wie er sein kleines Reich engagiert und ideenreich betreut hat. Er tauschte das Angebot oft aus, die Kunden sollten das Gefühl haben, dass es immer was Neues zu entdecken gab. Er ließ sich Statistiken von anderen Filialen geben, um herauszufinden, was gut lief. Er experimentierte: Erotische Bildbände etwa hatte kaum ein Hugendubel-Laden in München, er bestellte welche und stellte fest, dass sie sich, sofern sie nicht zu anstößig waren, eindrucksvoll verkauften.

Abkehr von festen Zuständigkeiten

Durch die Filiale zogen sich unsichtbare Grenzen, teilten sie in viele solcher Reiche, für jedes war ein anderer Kollege zuständig. Wenn an einem Tag vier Kunden das gleiche Buch wollten, war klar, dass irgendwo eine Rezension erschienen war und man bestellte gleich nach. Jeder Vertreter durfte mit seinem Bücherkoffer vorbeikommen, auch wenn er nur Bücher von kleinen, unbekannten Verlagen dabei hatte. Vielleicht war ja eine Entdeckung zu machen. Was man unbedingt im Angebot haben musste, Standardwerke und Bestseller, kam aus dem Zentrallager, alles andere konnte jeder selbst zusammenstellen. Die meisten Kollegen kannten ihr Sortiment so gut wie die eigene Bücherwand zu Hause.

Die Veränderungen, sagt Rieger, begannen scheinbar harmlos. Eines Tages hieß es, die Zuständigkeiten würden ab sofort auch mal wechseln, man müsse auch öfter mal an der Kasse einspringen. Einige Zeit später wurden die Angestellten darüber informiert, dass in Zukunft nicht mehr jeder Einzelne für den Einkauf in seinem Bereich zuständig sein würde. In Riegers Filiale gibt es jetzt zwei Einkäufer für das ganze Sortiment. Um zu zeigen, was noch passierte, nimmt er ein Buch und stellt es mit dem Buchdeckel nach vorne aufs Regal: „Passt ja gleich viel weniger hin.“

Die „Frontalpräsentation“ ist nun zentraler Teil der Verkaufsstrategie, genauso wie die „Pyramide Topseller“ und der „Bodenstapel, nur bei absoluten Toptiteln im Einsatz“. Solche Dinge stehen in dem Handbuch, das im Aufenthaltsraum von Riegers Filiale liegt. Bücher zu drapieren ist eine der Aufgaben, die noch geblieben sind. Außerdem muss er kassieren und am „Info-Point“ die Kunden beraten. Früher gab es im Laden vier dieser Positionen, jetzt noch eine, was die Qualität der Beratung nicht verbessert hat.

Precht statt Zizek

Feste Zuständigkeiten gibt es in seiner Filiale nicht mehr. Welche Bücher im Laden stehen, sieht er erst, wenn er sie in die Regale räumt. Im Wesentlichen sind es populäre Titel großer Verlage. Richard David Precht statt Slavoy Zizek. Anfangs seien die Kollegen noch aufgeregt ins neue Einkäuferbüro gelaufen, wenn Bücher fehlten, die sie für unverzichtbar hielten. Es wurden dann Formulare ausgelegt, in die man seine Vorschläge eintragen konnte. „Bittstellerzettel“, sagt Bernhard Rieger, „entwürdigend.“

Es ist ein Wort, das oft fällt, während Rieger redet. Er hatte eine Aufgabe, er hat sie mit Kenntnis und Leidenschaft erfüllt. Er glaubt daran, dass die Ware, die er verkauft, solche Zuwendung nötiger hat als eine Packung Waschmittel oder eine Dose Thunfisch. Rieger steht auf und streicht über den Einband einer Lyriksammlung: „Kein anderes Produkt ist nach außen so ähnlich und innen so unterschiedlich.“ Ein Buchdeckel vorn, einer hinten, dazwischen ganze Welten. Erst der Leser erweckt sie zum Leben, jeder für sich. Die Bücher und die Leser zusammenzubringen, auch das war bisher die Aufgabe der Buchhändler.

Zunehmende Resignation

Viele Kollegen hätten resigniert, sagt Rieger. Er mischt sich ein. Vielleicht aus dem gleichen Grund, aus dem er, der junge Germanist, der Buchläden liebte, nach dem Studium entschied, nun mal etwas wirklich Nützliches zu machen. Etwas für die Gesellschaft. Er lernte Krankenpfleger und arbeitete ein paar Jahre in dem Beruf, dann wurde er Buchhändler.

Er hat nun wieder das Gefühl, sich nicht raushalten zu dürfen. Nicht hinnehmen zu dürfen, was ihn, wie er sagt, immer noch fassungslos macht. Schon 2007 hat er „Pro.Buch“ gegründet, eine Initiative, die die Veränderung des Buchmarkts kritisch begleiten will. Auf der Frankfurter und der Leipziger Buchmesse gab es Podiumsdiskussionen, im vergangenen März unter dem Titel: „Braucht die Branche noch gelernte Buchhändler?“

Zurzeit kommen die Dinge überhaupt etwas in Bewegung: Im Mai hielt der Schriftsteller Norbert Niemann, Bachmann-Preisträger, bei einer Demonstration von Hugendubel-Buchhändlern, die den Erhalt ihrer Arbeitsplätze forderten, eine Rede. Er warnte davor, dass die Übertragung der Discounter-Mentalität auf das Buchgeschäft die vielfältige literarische Landschaft in eine Monokultur mittelmäßiger Produkte verwandeln würde. Er kritisierte die zentrale Steuerung des Einkaufs, der die buchhändlerische Arbeit aufs Niveau einer Hilfskraft reduziere.

Kommerz statt kultureller Auftrag

Kurz darauf gab Rieger der Branchenzeitschrift Buchmarkt ein Interview, in dem er im Wesentlichen sagte, wie recht Niemann habe. Rieger und Niemann nahmen Kontakt zueinander auf und beschlossen, den Präsidenten des deutschen PEN-Zentrums von der Dringlichkeit ihres Anliegens zu überzeugen. Mit Erfolg, im Juni veröffentlichte das PEN-Zentrum eine Resolution, die betonte, dass sich der Buchhandel in Deutschland in einer ernsten Krise befinde: „Verkäuflichkeit besiegt die einstige Vielfalt, Renditekriterien bedrohen den kulturellen Auftrag.“ Ein Warnruf der internationalen Schriftstellervereinigung, das hat Gewicht. Im nächsten Frühjahr soll es einen Kongress geben, bei dem es um den Buchhandel als Kulturvermittler geht.

„Egal, was kommt, ich kann jetzt sagen, ich habe etwas erreicht“, sagt Bernhard Rieger. So sieht er es in den hellen Momenten. Es gibt auch mutlosere, da fragt er sich, wie es weitergehen soll. Vor Kurzem hat Bernhard Rieger die Kündigung bekommen, „aus personenbedingten Gründen“. Er ist sicher, dass man ihn loswerden will, weil er unbequem ist. Er hat sich einen Anwalt genommen. Das Verfahren Bernhard Rieger gegen Hugendubel läuft.

Handgeschriebene Empfehlungen

Die Holztreppe knarzt, diesmal ist es Franz Klug, der Geschäftsführer der Buchhandlung Lentner, der mal schauen will, weil das Gespräch in seinem Obergeschoss nun ja schon sehr lange dauert. Er hatte gleich zugestimmt, seine beiden Lesesessel an diesem ruhigen Vormittag unter der Woche zur Verfügung zu stellen. Solidarität mit einem Kollegen. Klug ist ein launiger Grazer, meinungsstark und eine gewisse Strenge ausstrahlend. Direkt neben der Kasse liegt ein Stapel von Peter Nadas’ 1 700 Seiten dickem Roman „Parallelgeschichten“, Klug sagt, er habe mehr Exemplare davon verkauft, als jede andere Buchhandlung in Deutschland – im Verhältnis zur Ladengröße. Die Statistik habe er sich besorgt.

Seine Werbemaßnahme? Ein handgeschriebener, auf das zuoberst liegende Exemplar geklebter Zettel, auf dem steht: „Ein Jahrhundertwerk – unbedingt lesen.“ Es funktioniert also immer noch? Der Buchhändler, der kundig und sanft lenkend dafür sorgt, dass Buch und Mensch zusammenfinden? „Es ärgert mich, wenn ich höre, dass sich Qualität nicht verkauft. Man muss sie natürlich erst mal anbieten“, sagt Klug. Allerdings gebe es den Laden in dieser prominenten Lage nur, weil der Vermieter, die Stadt München, eine recht bescheidene Miete verlange. Plötzlich wirkt die Buchhandlung mitsamt ihrem eigensinnigen Buchhändler wie eine Reise in eine heile Bücherwelt. Eine Welt, die es eigentlich nicht mehr gibt.

Mit Kalendern Kasse machen

Unten im Erdgeschoss liegt dann noch eine große und besondere Auswahl an Kalendern, mit denen Klug einen nicht unerheblichen Teil des Umsatzes macht. Er versuche die Zahl der Produkte, die keine Bücher sind, klein zu halten. „Bin ich Buchhändler geworden, damit ich Non-Books verkaufe?“ Franz Klug schweigt einen Moment, damit der Satz seine schöne Absurdität entfalten kann.

Er bekommt ja einiges mit von seinem Nachbarn Hugendubel. Er erzählt von ehemaligen Hugendubel-Mitarbeitern, die bei ihm einkaufen, weil es sie unglücklich macht, ihren alten Arbeitsplatz zu betreten und zu sehen, wie das Sortiment geschrumpft ist. Von Vertretern kleinerer Verlage, die ihm erzählen, dass sie bei Hugendubel schon lange keinen Termin mehr bekommen. Und von Vertretern größerer Verlage, die sagen, dort würden sie wenigstens die Ratgeberbücher los, mit denen viele Unternehmen jetzt versuchen, Kasse zu machen.

Läden schaffen sich selbst ab

Komisch nur, dass bei Hugendubel ebenso wie beim Konkurrenten Thalia, wo alles auf größtmöglichen Gewinn ausgerichtet wurde, dieser sich trotzdem nicht einstellt. Nach einer Zeit der Expansion, in denen die Ketten riesige Filialen in den Innenstädten eröffneten, sich auch Familienbetriebe einverleibten und als Verdränger kleiner Buchläden galten, ziehen sich nun beide in erstaunlichem Tempo zurück. Thalia schloss zuletzt eine fast 200 Jahre alte Buchhandlung in Essen, im Januar 2013 sind zwei Läden in Wuppertal dran und im August die Bonner Universitätsbuchhandlung Bouvier, die dem Konzern noch nicht lange gehört. Hugendubel machte dieses Jahr Filialen in Kassel zu, sein Stammhaus am Münchener Salvatorplatz und das mehrstöckige Haus am Berliner Tauentzien. Die Filiale am Potsdamer Platz gibt es nur noch bis Ende Januar. Viele Verkaufsflächen werden verkleinert oder untervermietet, bei Thalia ist etwa ein Spielzeugladen mit eingezogen.

Die Erklärungen ähneln sich: Internet und E-Books sind schuld – und sie sind die Zukunft. Beide Unternehmen verkaufen jetzt eigene E-Reader, mit denen sie neben dem Marktführer Amazon und seinem Kindle bestehen wollen. Auf jede Tüte von Hugendubel ist jetzt die Internetadresse gedruckt, für Bestellungen online. So schaffen sich die Läden selber ab.

Ausweichende Antwort

Es wäre nun interessant, mit Hugendubel zu sprechen. Aber von Hugendubel gibt es keinen Gesprächspartner, sondern nur eine E-Mail mit Zitaten, die man, wie einleitend vermerkt ist, Nina Hugendubel zuschreiben darf, Ur-Ur-Enkelin des Hugendubel-Gründers und Mitglied der Geschäftsführung. Auf die Frage, ob es mit der mangelnden Pflege des Sortiments zu tun haben könnte, dass die Kunden woanders oder gleich im Internet einkaufen, sagt Nina Hugendubel also Folgendes: „Der Buchhandel befindet sich in der wohl stärksten Transformation überhaupt und muss sich Herausforderungen wie der Digitalisierung von Inhalten, der zunehmenden Bedeutung von Online-Vertriebskanälen und der Veränderung des Konsumentenverhaltens stellen.

Unser Anspruch ist es, dort zu sein, wo die Kunden sind, und ihnen entsprechende Angebote zu machen – im Internet, über unsere mobilen Angebote und natürlich über die Buchhandlungen vor Ort. Deswegen haben wir zuletzt viel in unseren Internetauftritt, die Modernisierung der Filialen und in unser neues Ladenbaukonzept investiert.“

Eine Antwort, die keine Antwort ist. In der Mail steht außerdem, es werde „je nach Größe der Filiale nur ein kleiner Teil der in unseren Läden vorrätigen Titel von unserem zentralen Einkauf ausgewählt“, der Rest von den Sortimentsleitern vor Ort. Und: „Alle uns bekannten unabhängigen Marktanalysen und Konsumentenbefragungen sehen uns qualitativ an der Spitze des deutschen Buchhandels.“ Wo ist dann das Problem? Man kann sich an Carel Halff halten, Chef des Hugendubel-Mitbesitzers Weltbild. Er hat vor Kurzem angekündigt, dass sein Unternehmen 50 Prozent der Buchhandelsflächen schließen werde und die Zeit der traditionellen Buchhandlung zu Ende gehe. Die Vielfalt vieler Zehntausend Titel zu bieten, das könne das Internet besser.

Erfüllung eines Traums

Es klingt wie eine Kapitulation. Mit der Vielfalt des Internets kann keine Buchhandlung mithalten. Doch warum sitzt dann ein paar Hundert Kilometer von München entfernt Frithjof Klepp in einem saalähnlichen Raum in Berlin-Mitte, über dessen Eingang groß der Schriftzug hängt: „Ocelot – not just another bookstore“? Nicht irgendein Buchladen. So reduziert elegant ist die Ausstattung dieses Raumes, dass man sich hier ohne Weiteres Kleiderständer mit eigenwilliger teurer Mode vorstellen kann, wie man sie in den Boutiquen dieser Gegend zuhauf findet. Aber in den in die Wände eingelassenen Regalen stehen Bücher.

Klepp, 37, hat sich einen Traum erfüllt, er hat im Juni seinen eigenen Buchladen eröffnet. Er sagt, dass er sich ein Jahr lang darauf vorbereitet hat, aber wenn er von sich erzählt, wird klar, dass es eigentlich viel länger war, genau genommen die ganzen 16 Jahre, die Frithjof Klepp nun schon Bücher verkauft. Er hat als Buchhändler-Lehrling miterlebt, wie sein Ausbildungsbetrieb, die große Berliner Buchhandlung Kiepert schließen musste. Er hat als Mitarbeiter des ehrgeizigen Buchversands Kohlibri zu spüren bekommen, wie schwer es ist, sich gegen die großen Online-Händler zu behaupten.

Er hat als Leiter der Zweitausendeins-Filiale in der Friedrichstraße gesehen, wie es mit der fast legendären, von Generationen von Studenten geliebten Kette Zweitausendeins bergab ging – im Juli dieses Jahres hieß es schließlich, dass alle Filialen aufgegeben würden. Er hat mitbekommen, wie sich bis auf zwei alle aus seiner Buchhändler-Lehrlingsklasse Jobs in anderen Branchen suchen mussten. Er hat aus all dem einen überraschenden Schluss gezogen. Der hieß: Buchläden haben Zukunft. Man muss es nur anders machen.

Zielgruppe Bildungsbürger

„Es ist nicht mehr nötig, in einen Buchladen zu gehen, um Bücher zu kaufen. Ich frage: Warum sollte man es trotzdem tun?“, sagt Klepp. Viele kleine Buchhändler und die großen Ketten sowieso hätten die Entwicklungen verschlafen und nicht das richtige Konzept gefunden für die Käufer, die es in Zukunft geben wird. Welche das seiner Meinung nach sind, kann man erspüren, wenn man durch seinen Laden geht. An dem Sortiment, das alle Bereiche abdeckt, und trotzdem ausgesucht wirkt. An der Vitrine, in der signierte Bücher stehen und außergewöhnliche wie Arno Schmidts DIN-A3 großer „Zettel’s Traum“. Daran, dass man an dem langen Holztisch, gleich neben der Vitrine, die das Buch als sinnliches Erlebnis zelebriert, E-Books herunterladen kann. Oder an der im Schaufenster wie ein Schmuckstück inszenierten, in schwarzes Leinen gebundenen Neuausgabe von Bram Stokers „Dracula“.

Wer einen Ratgeber wie „Fit ohne Geräte“ oder „Tipps vom Hundeflüsterer“ sucht, zwei Titel aus der aktuellen Amazon-Bestsellerliste, würde den Laden vielleicht eher nicht betreten, aber dieses Genre sieht Klepp sowieso ans Internet verloren. Gemeint fühlt sich der konsumfreudige, gebildete, Bücher liebende Städter, der von der schönen „Dracula“-Ausgabe im Schaufenster genauso unwiderstehlich angezogen wird wie in der Boutique ein paar Meter weiter vielleicht von einem Schal oder Pullover; und der auch mal ein E-Book liest, aber nur, weil es praktisch ist.

„Einfach Bücher auslegen, funktioniert nicht mehr“, sagt Klepp, dessen Sätze so schnörkellos sind wie die Einrichtung seines Ladens. Er kann kühl klingen, wenn er sagt, dass nur Buchhändler, die genau wissen, was sie tun und für wen, noch eine Chance haben. Der Markt wird kleiner, anspruchsvoller. Verschwinden wird er nicht. Das sehen wohl auch andere so, Klepp ist nicht der Einzige, der in Berlin in den letzten Monaten einen kleinen Buchladen eröffnet hat oder bald eröffnen wird.

In den ersten drei Monaten hat er die Hälfte seines Sortiments verkauft. Das ist gut, aber es bleibt ein Wagnis. In den 265 Quadratmetern stecken Klepps ganze Kraft, sein Geld und am Ende sein schlichter Glaube daran, dass der Mensch immer gern dahin gehen wird, wo andere Menschen sind. Neben der Kasse liegen Lesezeichen zum Mitnehmen. „Hier geht die Geschichte weiter“, steht darauf.

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