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09. November 2012

Buchtipp „Tanzen auf Beton“: Badah dadah damm da-damm

 Von Barbara Weitzel
Volle Lotterliebe („Whole Lotta Love“): Sänger Robert Plant (l.) und Bandmanager Richard Cole von Led Zeppelin. Foto: Getty Images

Iris Hanikas dritter Roman „Tanzen auf Beton“ ist eine furiose Analysereise von Led Zeppelin über Russland bis ans Ende einer Liebe.

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Iris Hanikas dritter Roman „Tanzen auf Beton“ ist eine furiose Analysereise von Led Zeppelin über Russland bis ans Ende einer Liebe.

Am Anfang ist Irritation, und am Ende auch. Also zurück. Wie fing es an? Gar nicht, und es endet auch nie. Steht auch im Untertitel: „Weiterer Bericht aus der unendlichen Analyse“. Es hört nicht auf, nie, sagt Iris Hanika. Nach der endlichen Analyse auf der Couch folgt die unendliche. Und die hat nicht nur keinen Anfang und kein Ende, sondern, ihr neues Buch „Tanzen auf Beton“ legt davon rasant Zeugnis ab, sie flattert, spreizt sich, schleppt sich, tanzt, und dann schlurft sie wieder.

In alle Richtungen. Denn die Analyse fliegt, einmal gelernt und entfesselt, weit weg von der Couch. „Tanzen auf Beton“ ist kein Heilungsprotokoll, kein Seelenstriptease. Von der Behandlung nach Lacan, die Hanika sechseinhalb Jahre durchlaufen hat, ist recht wenig die Rede. Und doch wäre ohne diese, das steht in vielen Halbsätzen und knallehrlich in dem Buch „Die Wette auf das Unbewusste“, das sie 2006 mit ihrer Analytikerin Edith Seifert schrieb, wäre ohne die Analyse der neue Roman nicht möglich gewesen.

Iris Hanika: Tanzen auf Beton. Weiterer Bericht von der unendlichen Analyse. Droschl, Graz 2012. 167 S., 19 Euro
Iris Hanika: Tanzen auf Beton. Weiterer Bericht von der unendlichen Analyse. Droschl, Graz 2012. 167 S., 19 Euro
Foto: Droschl

Doch um es gleich zu sagen: „Tanzen auf Beton“ mit ihren gefeierten Werken „Treffen sich zwei“ und „Das Eigentliche“ in eine Reihe zu stellen, führt in die Irre. Tut dem neuen Unrecht. Auch daher vielleicht die anfängliche Irritation. Man erwartet ja etwas vom sogenannten „Hanika-Sound“. Gemeint ist damit wohl der Blick der 1962 geborenen Autorin, der, vertraut und verehrt, derselbe ist in den drei Büchern. Ihr Blick auf die, die da versuchen, zurechtzukommen. Mit sich, dem anderen, der Vergangenheit, den Zumutungen des Jetzt, das immer gleich vorbei ist.

„Alles ereignet sich in der Gegenwart, darum versteht man sie nicht. Sie ist zuviel“, heißt es in „Tanzen auf Beton“. Hanikas Blick auf dieses Zuviel ist licht, ironisch und doch nie spöttelnd-distanziert. Sie schont nicht Senta und Thomas, die zwei, die sich treffen und miteinander ringen, und auch nicht Hans Frambach und das Eigentliche, die Vergangenheit, Auschwitz.

Auch sich selbst schont Hanika nicht. Doch kann sie sich, und das macht ihren dritten Roman so anders, nicht als Protagonisten, als literarische Handlung erzählen. „Tanzen auf Beton“, dieser Tanz durch die Länder und Städte, durch eine zerfetzte Liebesgeschichte, die beinahe die Autorin zerfetzt hätte, durch Reflexionen über Musik, Ikea, das Wort Sex und diese kleinen Alltagsmomente, in denen die Zeit stillsteht, dieser Tanz ist keine Geschichte, nicht mal eine unendliche.

Er folgt keinem „Sound“, sondern einem randlosen Klangteppich mit einer Vielzahl von Rhythmen, Tempi und Tonarten. Da reihen sich Bekenntnisse an Albernheiten, schlüpfen harte Selbsturteile in heitere, vor Erfahrungslust strotzende Reiseerzählungen, stehen plötzlich in Stein gemeißelte Aphorismen vor dem Leser, klug, klar und bei aller anscheinend ewigen Gültigkeit watteleicht formuliert, wo man eben noch vergnügt mit der Autorin durch Straßen der Banalität spazierte.

Banal ist das Buch, wie die Analyse. „In der Analyse geht es oft beleidigend banal zu“, schreibt sie in „Die Wette auf das Unbewusste“. Da ist es nur konsequent, dass auch der Roman einen an manchen Stellen beleidigt. In dem Nichts-Auslassen und dann wieder ganz viel Weglassen. Über ihr Verhältnis zu „dem über alles Geliebten“, wie sie ihn nennt, mit dem sie nicht reden kann und nicht mal guten Sex hat, schreibt sie: „Einmal haben wir einen Ausflug gemacht. Das war alles.“ Das ist Hanika, wie sie in neun Wörtern eine ganze Geschichte erzählt. Und einen Leser zurücklässt, der nicht weiß, ob das jetzt irre komisch ist oder tieftraurig. Wahrscheinlich beides.

Sex im Berghain

Das Buch ist ein Schock, denn es zeigt, dass nicht nur die Analyse banal ist, sondern das Leben. Die Liebe, die Verstrickung darin, großer Schmerz und das Sprudeln vor Glück. Das Stöhnen und Strampeln der Seele am Nichtbewältigten. Der Trotz des Verstandes, wenn er nicht akzeptieren will. Die Musik und ihre Macht, ihr Zauber, der so peinlich schlicht sein kann und so betörend, zum Heulen, zum Totlachen. Deshalb darf hier alles nebeneinander und durcheinander stehen, denn es gehört zusammen.

„Der Weg von Led Zeppelin zur Klassik beginnt bei Bruckner“, schreibt Hanika. „Badah dadah damm da-damm da-damm“, so hört sich „das grandiose Riff“ an, mit dem der Led-Zeppelin-Hit „Whole Lotta Love“ beginnt, und von Hanikas Betrachtungen und Erleuchtungen zum rumpeldummen Refrain des Stückes führt der Weg bis zur Siebten von Beethoven, zur Neunten von Bruckner („am liebsten im Wechsel mit Ministry“) und schließlich zu Wagner.

Andere Wege führen durch eine Nacht im Berghain, Tanzen zu „Musik aus Beton“, vielleicht „Sex auf Beton“, wieder andere führen nach St. Petersburg, Wien, Schanghai, Würzburg und Schweinfurt, und immer wieder nach Berlin, wo Hanika seit 30 Jahren lebt. Dort hinein in diese Liebesgeschichte, zu dem Mann, von dem man sich fragt, warum der? Der verheiratete Mann, natürlich, der sie versteckt, den sie versteckt. Eine Leidensgeschichte. Liebe ist banal.

Auch Hanika stellt sich die Frage nach dem Warum, gibt analytische Antworten („Neurose“), und gibt solche wie diese: „Wie zart er die Dinge in die Hand nimmt, alle Dinge, jedes Ding. ... Als wolle er die Dinge nicht erschrecken und ihnen nicht wehtun. Es brach mir jedes Mal das Herz, wenn ich das sah. Am liebsten hätte ich ihm immerzu irgendwelche Dinge in die Hand gegeben, nur um zu sehen, wie zart er mit ihnen ist.“ Das Glück ereignet sich eben „außerhalb der Sprache“, ebenso wie das Unglück. Und doch, „um es aufzuheben, ist es gut, es in Sprache zu überführen“. Denn dann kann ein Buch entstehen, das einen anfänglich irritiert, dann beglückt, bis man es zur Seite legt. Griffbereit.

Iris Hanika: Tanzen auf Beton. Weiterer Bericht von der unendlichen Analyse. Droschl, Graz 2012. 167 S., 19 Euro

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