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21. Januar 2016

Bürgerkrieg : Wie steht es um Afghanistan?

 Von 
Kinderarbeiterinnen in Kabul.  Foto: Getty Images

Amin Farhang war ein ranghoher Politiker in Afghanistan. Dort sind die Taliban wieder auf dem Vormarsch, Tausende Menschen fliehen nach Europa. Wie schaut der einstige Minister auf die Krise?

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Ganz am Schluss erzählt Amin Farhang von früher, also: von ganz früher. Gemeint sind die 1960er und frühen 1970er Jahre. Und es klingt etwas wie ein Märchen aus 1001 Nacht. Damals ist der heute 75-Jährige zweimal von Köln nach Kabul gefahren, und zwar mit dem Auto entlang jener Strecke, die man heute die Balkan-Route nennt – durch das ehemalige Jugoslawien, die Türkei und den Iran, der seinerzeit einen Schah hatte und keine Ayatollahs. Er hat in Istanbul Halt gemacht und in Teheran, um auszuruhen und aus Vergnügen. Es waren knapp 7000 Kilometer, eine Strecke.

Einmal hat es zwei Wochen gedauert. Da war Farhang mit einem Freund unterwegs. Das zweite Mal einen Monat. Denn da hatte er seine sieben Monate alte Tochter dabei. Sicher, die Straßen waren schlecht, sagt er. „Aber es war überall ruhig.“ Und Kabul sei so schön gewesen, dass diejenigen, die sich noch daran erinnern könnten, geweint hätten. In der Altstadt hätten verzierte Holzhäuser gestanden, und der Kabul-Fluss sei voll mit Wasser gewesen. Jetzt sei da nur Dreck. „Afghanistan war wie ein Paradies“, sagt Farhang. Was 2016 Angst und Krieg und Terror verheißt, verhieß einst die große Freiheit. Hippies wussten das.

Heute sind wir weder in Köln noch in Kabul, sondern im ersten Stock eines Nachkriegshauses in der Bochumer Innenstadt, unweit des Schauspielhauses. Auf dem Tisch stehen Kaffee, Tee und bester deutscher Bienenstich, von Tochter Leila ebenso dezent wie liebenswürdig serviert. Im akkurat aufgeräumten Wohnzimmer mit seiner ausladenden Couch-Garnitur verweist lediglich ein Detail auf die muslimische Herkunft der Bewohner: ein kleines türkisfarbenes Schild auf dem Sideboard inmitten der Familienfotos. „Was steht denn darauf?“, frage ich. „Allah“, antwortet Farhang. Später wird er sagen, dass er „von Kopf bis Fuß deutsch geprägt“ sei. Und: „Ich habe sehr gute Erinnerungen an Köln – sehr, sehr gute.“

Wir sind gekommen, weil der Mann nicht irgendwer ist. Er war in der ersten Hälfte des vorigen Jahrzehnts Minister in Afghanistan – einer von mehreren, die aus dem Ausland zurückkehrten, als im Winter 2001 die Taliban gestürzt waren. Farhang war Aufbauminister, Wirtschaftsminister und schließlich Industrie- und Handelsminister in einem Land ohne Industrie und wenig Handel, bevor er im Zorn von Präsident Hamid Karsai schied. Der habe zu viel auf die alten Eliten gesetzt und zu wenig auf Teamwork, beklagt Farhang.

Vor allem wollen wir mit ihm sprechen, weil zuletzt 150 000 afghanische Flüchtlinge nach Deutschland kamen, nachdem sowohl der Westen beim Wiederaufbau des Landes gescheitert ist als auch das Land selbst. Die Afghanen sind die drittstärkste Gruppe unter denen, die derzeit in Deutschland Schutz vor Krieg und eine Perspektive suchen. Wie kann das sein, nach all den Mühen?

Für Farhang begann alles 1961 mit einem Partnerschaftsabkommen zwischen den Universitäten Köln und Kabul, dem sich später die Unis in Bochum und Bonn anschlossen. Das Abkommen ermöglichte es ihm, dem Sohn eines afghanischen Politikers und Historikers, 1964 für ein Volkswirtschafts-Studium an den Rhein zu wechseln. Zehn Jahre lang lebte er dort, in der Raumerstraße, in der Moltkestraße, später in Köln-Mühlheim und schließlich in Bochum. Da der Student nicht viel Geld hatte, hat er sich den „Kölner Stadt-Anzeiger“ häufiger vom Nachbarn ausgeliehen und auch mal ein Kölsch getrunken. Nebenbei hat er akzentfrei Deutsch gelernt.

Er hat geglaubt, seine Heimat retten zu können

1975 ist Farhang zurückgegangen an den Hindukusch, um an der Uni in Kabul zu arbeiten. Gemeinsam mit anderen Studenten gründete er eine Widerstandsgruppe gegen das kommunistische Regime, wurde verhaftet, gefoltert und wieder freigelassen. Nach der Invasion russischer Truppen bekam Farhang einen Tipp, wonach er erneut inhaftiert werden sollte. Da reiste er abermals nach Deutschland, wo er längst eine afghanische Frau und Kinder hatte – diesmal nicht mehr als Student, sondern als Flüchtling. Seinesgleichen habe es in jenen Jahren in Deutschland kaum gegeben, sagt der Rentner mit dem grünen Pullover, der dunklen Cordhose und dem grauen Haar. Das habe sich erst geändert, als sich die Mudschaheddin in Afghanistan einen blutigen Bürgerkrieg geliefert und schlussendlich die radikal-islamischen Taliban die Macht übernommen hätten. Aus dem zerstörten Land flohen 60 000 bis 70 000 Menschen in die alte Bundesrepublik, halb so viele wie in den vergangenen Monaten.

Farhang blieb nun 20 Jahre, war als Dozent tätig, sah die Töchter aufwachsen, lernte Freunde kennen und dabei noch besser Deutsch. 1994 wurde er sogar deutscher Staatsbürger. Das alles währte, bis Al-Kaida die Twin-Towers in New York zerstörte, US-Präsident George W. Bush den „Krieg gegen den Terror“ erklärte und die Taliban fielen. „Am 19. Dezember 2001 war ich wieder in Kabul“, sagt Armin Farhang, als habe es nichts Selbstverständlicheres geben können. Sehr erfolgreich ist auch die Rückkehr nicht gewesen.

Farhang hat sich mächtig ins Zeug gelegt. Er hat wie der gesamte Westen geglaubt, seine Heimat irgendwie retten zu können. Ohnehin seien die Afghanen stets ein Volk der Mitte gewesen, das bloß leider immer wieder entweder von innen oder von außen vom rechten Pfad abgebracht worden sei, findet der Mann, der zuweilen Jahreszahlen durcheinanderwirft, sonst aber hellwach ist. Der Aufbau-Minister warb um Investoren und wurde auch für deutsche Medien ein gefragter Gesprächspartner. Denn er konnte druckreif formulieren. Dabei hielt sich Farhang mit Kritik am Westen nicht zurück, was ihm manchmal Ärger einbrachte.

Amin Farhang.  Foto: imago/Xinhua

2008 stand er sogar im Mittelpunkt eines handfesten Skandals. In jenem Jahr wurde publik, dass der Bundesnachrichtendienst die Kommunikation zwischen ihm und einer „Spiegel“-Korrespondentin überwacht hatte. Farhang war außer sich vor Zorn. Der BND entschuldigte sich bei ihr – nicht bei ihm. Das tat Außenminister Frank-Walter Steinmeier von der SPD.

Unbestreitbar ist: Das Engagement des Westens hat das erklärte Ziel ebenso verfehlt wie das Engagement Farhangs. Die Taliban sind erneut auf dem Vormarsch. Damit das Land nicht wieder komplett im Chaos versinkt, hat unter anderem Deutschland den geplanten Abzug gestoppt.

„Ich bewege mich frei in Kabul“, sagt Farhang zwar. „Ich fahre selbst. Ich kaufe ein.“ Der Ökonom ist sogar sicher, dass die Taliban die Macht nicht wieder vollständig zurückgewinnen könnten. 70 Prozent der Afghanen seien junge Leute, über Facebook vernetzt mit der Welt und gegen die Ideen der Islamisten immun. Gleichwohl nehme die Unsicherheit zu, vornehmlich auf dem Land, räumt er ein. Auch sei es nicht gelungen, den Afghanen eine wirtschaftliche Perspektive zu eröffnen. „Es ist nicht gelungen, bessere Bedingungen für die Menschen zu schaffen.“ Das sei eine Tragödie.

So kommt es, dass die Afghanen neuerdings in jenes Land fliehen, aus dem seit 15 Jahren Soldaten in ihre Heimat einfliegen, wobei manche Soldaten tot zurückkehren, und aus dem viel Geld fließt, um nicht zuletzt das zu verhindern. Während Farhang jene Flüchtlinge kennt, die in den 1980er und 1990er Jahren kamen, kümmern sich seine Töchter um die Neuankömmlinge, gehen in Flüchtlingsunterkünfte, bieten Hilfe an. Tochter Leila war zweimal für längere Zeit in Afghanistan, ihr gefällt das Land.

Die hier alt gewordenen Flüchtlinge könnten nicht zurück nach Afghanistan, sagt der Vater. Sie hätten dort keinen Anschluss mehr und keine Aussichten auf eine irgendwie akzeptable Existenz. Auch verstehe er die nun nach Deutschland flüchtenden jungen Leute. „Was sollen sie machen?“, fragt Farhang, fügt jedoch hinzu: „Ich kann nicht verstehen, warum jetzt ältere Leute herkommen. Die können hier gar nichts tun. Die können auch die Sprache nicht lernen.“

Er will kein Flüchtling in Deutschland mehr sein

Farhang selbst jedenfalls bleibt – nein, nicht etwa im komfortablen Bochum wie seine Familie, sondern im umkämpften Kabul, wo sein Herz schlägt. In Deutschland ist er lediglich immer mal wieder zu Besuch mit einem in Frankreich ausgestellten Schengen-Visum, da er die deutsche Staatsbürgerschaft bereits 2004 zurückgegeben hat. Hier freut er sich an seinem Enkelkind, das nur wenige Minuten entfernt lebt, und lässt sich dann und wann ärztlich durchchecken.

Interviews mit dem Ex-Minister sind zur Ausnahme geworden. Das Interesse an seinem ewig chaotischen Land ist erloschen. Die Zeit ist über beide hinweg gegangen.

Amin Farhang hat in Afghanistans Hauptstadt, wo sich seine Familienmitglieder regelmäßig sehen lassen, vor eineinhalb Jahren eine Stiftung gegründet, deren Anliegen darin besteht, zumindest die Hauptstadt wieder aufzubauen – und lebt dort in einem großen Haus mit einem Fahrer, einem weiteren Angestellten und einem „Hund, den ich sehr liebe“.

Er sagt: „Wenn ich hier bleibe, dann muss ich mich jeden Tag in die Angelegenheiten meiner Frau einmischen. Dann gibt es Krach. Und wenn ich hier auf die Straße gehe, dann kennt mich niemand. Wenn ich in Kabul auf die Straße gehe, dann begrüßen mich die Leute und unterhalten sich mit mir. Da fühlt man sich irgendwie anders, wohler. Da weiß man, dass man anerkannt ist.“

Als wir gehen, steht der einstige Aufbau-, Wirtschafts-, Handels- und Industrieminister mit müden Augen in der Wohnungstür. Seine Tochter steht fürsorglich hinter ihm. „Das war ein abenteuerliches Leben“, sagt der hagere Amin Farhang, der in Kabul sterben will. Und dass er am Ende dieses Lebens eines nicht wieder sein wolle: ein Flüchtling in Deutschland.

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