Sie geht an ihre Grenzen. Bérengère Lefranc braucht das. Sie tut es immer wieder. "Bis ans Ende gehen", nennt sie es. Was im Grenzbereich passieren wird, weiß sie vorher nie. Die Pariser Künstlerin, die mit Körpern und Kleidern experimentiert, meist dem eigenen Körper, den eigenen Kleidern, weiß nur, dass sie dort Selbsterkenntnis gewinnt. Kreative Kraft schöpft. Doch was sie erlebt hat, als sie im Juni 2009 einen Monat lang eine Burka trug, lag nicht mehr im Grenzbereich.
"Es war die Hölle", erzählt die 40-Jährige, die ein Buch über ihre Erfahrungen hinter dem Schleier geschrieben hat, das nächste Woche in Frankreich erscheint. Die grünen Augen, die lange, schlanke Nase, die vollen Lippen, die kleine Lücke zwischen den Schneidezähnen - alles war den Blicken entzogen. Doch auch wenn die Leute auf der Straße nicht wussten, was für ein Mensch sich unter der Burka verbarg: sie fällten ein vernichtendes Urteil.
Bérengère Lefranc, 40, hat im Sommer 2009 vier Wochen lang die Burka getragen und die Erfahrungen, die sie in dieser Zeit in den Straßen von Paris gemacht hat, aufgeschrieben. Das Buch der Künstlerin heißt "Un voile" (Ein Schleier), es erscheint nächste Woche in Frankreich.
Nach dem Abitur studierte Lefranc Psychologie. Mit 22 Jahren wurde sie Fernsehjournalistin, erst bei M6, dann bei France-3. Mit 28 Jahren schrieb sie sich in einer Pariser Modeschule ein und entdeckte, was ihr wirklich wichtig ist: Kleider, Körper, Kunst. Das Ergebnis dieser Umorientierung: Skulpturen, Fotos, Videos und Klamotten, "die Ideen transportieren", wie Lefranc sagt.
Derzeit ist in Frankreich eine Debatte entbrannt, ob die Burka verboten werden soll. Am Dienstag hat eine Enquete-Kommission der französischen Regierung die Empfehlung ausgesprochen, den Ganzkörperschleier in öffentlichen Gebäuden zu verbieten. Befürworter des Verbots nennen den Ganzkörperschleier frauenverachtend. Kritiker des Verbots sehen durch die Gesetzesinitiative die Persönlichkeitsrechte und die Religionsfreiheit verletzt.
Auch in Deutschland ist die Burka umstritten: Ein Verbot lehnen die Parteien ab, eine Ächtung des Schleiers sei aber anzustreben. axv/boh
"Ich nahm verächtliche Blicke wahr", erzählt die Künstlerin. Männer hätten vor ihr ausgespuckt, Passanten mit dem Finger auf sie gezeigt, sie geduzt. Ängstliche Kinder seien weggerannt. Mutige hätten sie gekniffen, um zu sehen, ob sie kein Gespenst sei. Ein Wachmann habe ihr den Zutritt zum Supermarkt verwehrt.
Die Schönheit der lilafarbenen Leinenburka - von einer Freundin eigens für den Selbstversuch geschneidert - schien niemanden milde zu stimmen. "Ich hatte Angst, schwitzte, fühlte mich wie ein Hummer in kochendem Wasser", erinnert sie sich an die Zeit unterm Schleier. Ohnehin sei es in ihrem Stoffgefängnis fünf Grad wärmer gewesen als draußen.
Mit der jetzt entbrannten Debatte um das Burka-Verbot habe ihr Selbstversuch nichts zu tun gehabt, betont Lefranc. Es sei eines ihrer Projekte gewesen, um am eigenen Leib zu erfahren, wie wichtig oder unwichtig Mode ist.
Vor längerer Zeit schon hat sie einen Monat lang dieselben Klamotten angezogen. Im vergangenen Sommer dann: das Experiment mit dem Ganzkörperschleier. "Ich wollte nicht wissen, was von Kopf bis Fuß verschleierte afghanische Frauen fühlen, ich wollte mich selbst erproben, so egozentrisch das sein mag", sagt sie. "Ich wollte wissen, was passiert, wenn man sämtlicher Ausdrucksformen beraubt ist."
Was sie erlebt hat, lässt sie nicht mehr los. Hatten frühere Experimente noch allein der Selbsterfahrung gedient, waren Inspirationsquelle gewesen für Kleider, Skulpturen oder Videos, so spürte sie dieses Mal das Bedürfnis, sich mitzuteilen. So entstand ihr Buch: "Un voile", heißt es, "Ein Schleier".
Noch sorgt ihr Buch nicht für Aufsehen; noch tingelt sie nicht durch die Talkshows, um über ihre Erlebnisse unterm Schleier zu berichten. Bislang war sie erst einmal im Fernsehen zu Gast. In schwarzer Hose und weißem Top thronte sie auf einem Barhocker im Studio von France-5 und berichtete von ihrer Aktion.
Der Moderator wirkte unruhig, unzufrieden. Thierry Guerrier wollte mehr, hatte sich vom Studiogast offenbar gesellschaftspolitisch relevante Schlussfolgerungen, provokative Statements erhofft: Warum eine Muslima überhaupt die Burka anlege? Und ob ein Verbot der Ganzkörperverschleierung zu befürworten sei? - Dazu hätte Lefranc Stellung nehmen sollen.
Doch Politik ist Lefrancs Sache nicht. "Ich maße mir nicht an, über andere Burka-Trägerinnen zu urteilen, ich kann nicht für sie sprechen", stellt sie klar. Was dem Parlament empfohlen worden sei, interessiere sie nicht. Sie sei weder Soziologin noch Muslima, sondern Atheistin und Künstlerin.
Denn Monate nachdem sich Lefranc in ihrer Burka schwitzend durch Paris quälte, ist in Frankreich ein Streit um dieses Kleidungsstück entbrannt. Immer lauter erschallt der Ruf nach einem Verbot des als frauenverachtend und islamistisch empfundenen Ganzkörperschleiers.
Zwei Drittel der Franzosen wollen die Burka aus dem Straßenbild verbannen. Aber es gibt auch Gegenstimmen. Juristen und Soziologen geben zu bedenken, dass es unverhältnismäßig sei, wegen geschätzter 1900 Burka-Trägerinnen im Lande die Religionsfreiheit einzuschränken. Islamforscher weisen darauf hin, dass nicht wenige Musliminnen den Schleier aus freien Stücken anlegten, um sich ihrer religiösen Identität zu vergewissern.
Die am Dienstag dem Parlament unterbreitete Empfehlung einer Enquete-Kommission, die Burka aus öffentlichen Gebäuden, Bussen und Bahnen zu verbannen, hat die Gemüter nicht besänftigen können. Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen, noch hat Staatschef Nicolas Sarkozy nicht entschieden.
Bei aller Zurückhaltung: Eines glaubt die Künstlerin dann doch über Frauen zu wissen, die sich von Kopf bis Fuß verschleiern: "Wer die Burka aus freien Stücken trägt, muss sehr gute Gründe dafür haben, und diejenigen, die dazu gezwungen werden, sind von ganzem Herzen zu bedauern."
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