Er hat mich mit seinem Spiel damals ebenso verblüfft, wie später mit seinen Bildern in seinem Fotoband, die auch etwas Unvorhersehbares, Überwältigendes haben. Hopper ist zwar meistens ein entspannter Zeitgenosse. Aber das kann sich von einem Moment auf den anderen ändern. Ich erinnere mich an einen Augenblick, kurz vor Beginn der Dreharbeiten: Wir hatten gerade noch mal über seine Rolle gesprochen, dann verschwand er plötzlich in der Maske. Und kam dann lange, sehr lange, einfach nicht wieder heraus. Am Set wurden alle unruhig. Plötzlich ging die Tür auf und ein völlig kahler Dennis Hopper stand vor mir. Er hatte sich alle Haare abrasiert, sogar die Augenbrauen. "Findest du nicht auch, dass der Tod irreal aussehen muss?", fragte er mich mit einem Augenzwinkern. Es war eine atemraubende Darstellung vom Tod - wir waren alle geschockt, weil von dieser Radikalrasur überhaupt nicht die Rede war. Er hat es einfach gemacht - ohne Rücksicht auf Eitelkeit, und ohne sich zu überlegen, dass er mehrere Wochen kahlköpfig herumlaufen würde. Eine Konsequenz, wie er sie auf ähnliche Weise auch in seiner Fotografie immer wieder zur Kunst erhoben hat.
Die Fotos von Dennis beziehen ihre Strahlkraftaus dem wahren Leben, oft auch, wenn man so will, aus dem prallen Leben. Ganz gleich, ob er die hoffnungslosen mexikanischen Wanderarbeiter zeigt oder Jane Fonda als Bogenschützin im Bikini. Man spürt, dass die porträtierten Menschen nicht wirklich damit rechnen, in diesem Moment fotografiert zu werden. Solche Bilder haben etwas Direktes, Unverfälschtes, das mich fasziniert. Um solche Momente festzuhalten, musst du einerseits frech sein, andererseits aber auch charmant und höflich, damit man dir deine Rücksichtslosigkeit nicht übel nimmt. Foto-Künstler wie Dennis beherrschen die Kunst dieser Grenzüberschreitungen spielerisch, sie wissen, wie weit sie gehen können, um noch dieses eine Bild zu machen, das sich von allen anderen unterscheidet. Dennis schreibt in dem Buch, das Fotografieren habe ihm in den 60er Halt gegeben, weil er schüchtern war. Die Kamera habe ihm geholfen, leichter mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und seine Kreativität beflügelt - auch in den Jahrzehnten danach. Bis heute. Das glaube ich ihm sofort. In Palermo habe ich ihn beobachtet, wie er in den Drehpausen fotografierte, die Stadt mit der Kamera für sich entdeckte. Er war immer beides, Schauspieler und Fotograf, Akteur und Beobachter.
Das ist etwas, was ich an ihm bewundere - umso mehr, weil ich im Gegensatz zu ihm nie zu diesen Grenzüberschreitungen in der Lage wäre. Ich habe mich mehrere Jahre immer wieder mit Fotografie beschäftigt. Zunächst, weil ich in den letzten drei Jahrzehnten selbst tausendfach fotografiert worden bin und viele Abläufe kenne. Ich war zu unterschiedlichen Zeiten mit zwei Fotografinnen - Gabo und Slavica - liiert und habe dabei viel über die Möglichkeiten, aber auch die Zwänge dieses Berufs erfahren. Als Vorbereitung für den Wenders-Film bin ich vorher mit dem Foto-Künstler Andreas Gursky herumgezogen, habe Kirchen und Fußböden und was-weiß-ich-nicht-alles abgelichtet. Ich würde sagen: Ich habe mich beim Fotografieren nicht dumm angestellt. Der Beruf des Fotografen hat mich schon immer begeistert, einfach weil du mit der einer Kamera die Welt für dich anders entdecken kannst, indem du Blickwinkel wählst, die anderen entgehen. Ich habe Fotografen wie Dennis Hopper immer bewundert für dieses Talent, Menschen, Ereignisse oder Gegenstände so abzubilden, das sie beim Betrachter einen Film, eine Geschichte entstehen lassen. Aber um das zu erreichen, fehlt mir dieser Instinkt, der Antrieb, mich einen Schritt näher heranzuwagen, um irgendetwas einzufangen. Nur so kannst du oft ein besonderes Motiv zu erwischen. Du musst auf gewisse Weise frech und aufdringlich sein. Ich habe als Fotograf zu viel Respekt. Ich frage die Leute immer erst, ob ich ein Foto von ihnen machen kann - dann aber ist der entscheidende Moment meist schon verpufft.
Dennis Hopper fängt diese magischen Augenblicke ein. Vor allem in seinen Porträts holt er unglaublich viel aus den Gesichtern der Menschen heraus, zeichnet Gesichtslandschaften, in denen man sich verlieren kann. Dass er alles in Schwarz-Weiß festhält, lässt die Bilder wie Relikte aus einer längst vergangenen Zeit wirken. Es sind Bilder, die uns in unserer reizüberfluteten, kunterbunten Medienwelt entschleunigen. Ansehen, verweilen.
Einerseits versetzen uns diese Fotos zurück in eine andere Zeit, andererseits legen sie die Seele von Menschen, Landschaften und ja, sogar Dingen bloß - was sie wiederum völlig zeitlos wirken lässt und über alle Moden des Kunstbetriebs erhebt.
Seine Porträts von Film-, Kunst- und Rock-Stars wie John Wayne, Dean Martin, Andy Warhol oder Brian Jones haben noch mal eine andere Dimension - sie sind gewissermaßen Sinnbild für das duale System Hopper, das Schauspieler und Fotograf vereint. Im Grunde ist er in dieser Kombination ein Unikat - fast könnte man sagen, ein Celebrity-Fotograf im doppelten Wortsinn. Obwohl er als Rebell immer wieder bei den Studio-Bossen in Ungnade gefallen war und auf Schwarze Listen gesetzt wurde, ist er trotzdem immer ein Teil dieser nicht nur schönen Scheinwelt geblieben. Warum? Weil er von seinen Kollegen wie James Dean oder Paul Newman respektiert und geliebt wurde. Vielleicht auch, weil sie erkannten, dass er nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera ein Künstler war, der in ihnen etwas anderes sah und zu Tage förderte als all die Auftragsfotografen der Hochglanzmagazine. Er konnte sich Stars wie John Wayne oder Paul Newman auf eine ganz andere Weise nähern, weil er einer von ihnen war.
Hopper hat eine unglaubliche Porträtaufnahme von Paul Newman gemacht - in einer Drehpause am Set des Films "Cool Hand Luke", in dem beide Sträflinge spielen und Newman bei einer Wette 50 hart gekochte Eier isst. Dazu haben wir zahlreiche Filmbilder im Kopf. Dennis zeigt Newman in einer anderen Pose. Nackt, von der Schulter aufwärts, eine Kette um den Hals, kleine Schweißperlen auf der Stirn. Für einen Moment scheint er neben seiner Rolle zu stehen, als wüsste er nicht, was genau erwartet würde. Ein Moment der Offenheit, magisch. Auch so ein Bild, das man sich immer wieder ansehen kann. Die Schauspielerin Joanne Woodward, die Frau des verstorbenen Paul Newman, hat mal über Hopper gesagt: "Dennis ist ein Genie, ich weiß nicht, warum, aber es ist so." Das würde ich jederzeit unterschreiben.
Am Ende der Dreharbeiten in Palermo haben wir uns innig umarmt - die Arbeit mit ihm gehört zu den schönsten Erlebnissen, dich ich im Zusammenhang mit Schauspielerei je hatte. Statt mich an die Wand zu spielen, hat er mich mitgerissen, getragen, geleitet. Ich werde das nie vergessen. Doch bei aller Höflichkeit und Souveränität, die ihn so auszeichnen, kam doch immer wieder mal der Freak in ihm zum Vorschein, der wilde Empfindsame, der sich nie wirklich zähmen lässt. Als wir an einem Abend alle in einer Bar in Palermo zusammensaßen und Bergfest feierten, war Dennis auch bis spät in die Nacht mit dabei. Wir ließen einen Joint kreisen, er schnappte ihn sich, nahm einen tiefen Zug - und verzog das Gesicht: "There´s nothing in it - da ist ja gar nichts drin."
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
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