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Campino über Dennis Hopper: Ein ungezähmtes Leben

Dennis Hoppers Fotografien aus den 60ern sind jetzt in einem opulenten Bildband erschienen. Der schwer kranke Schauspieler spricht von seinem "Vermächtnis". Eine Hommage von Campino ( Mit Trailer)

Vor der Kamera: Hopper, wie ihn der Fotograf Terry Richardson im   Jahr 2000 sah.
Vor der Kamera: Hopper, wie ihn der Fotograf Terry Richardson im Jahr 2000 sah.
Foto: Taschen Verlag

Kann uns der Anblick eines Fahrrads traurig stimmen? Die Frage ist nicht so absurd, wie sie zunächst scheinen mag. Denn Fahrräder, wie Dennis Hopper sie sieht, können uns sehr wohl in eine melancholische Stimmung versetzen. Sein Schwarz-Weiß-Foto von einem einsamen Reifen, gespiegelt in einer Pfütze, in der eine ausgetretene Zigarettenkippe schwimmt, ist wie ein Stillleben. Oder wie die Eröffnung zu einem großen Film, von dem wir nicht wissen, welche Geschichte er uns erzählen wird.

Wenn wir uns dieses Foto ansehen, ahnen wir - uns erwartet keine fröhliche Geschichte. Das Foto "Bicycle", aufgenommen 1961, hat eine Tiefe, in die man abtauchen kann, sich versenken möchte. Es berührt uns, weil es eine Seele zu haben scheint. Genauso wie uns Hoppers Foto von einer zersplitterten Scheibe aufwühlt, als verstörendes Symbol für ein Drama, das wir nicht kennen, aber nachspüren.

Zu den Personen

Dennis Hopper, 73, hat sich nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Pop-Art-Künstler und Fotograf einen Namen gemacht. Im Kino war der US-Amerikaner 2008 in dem Wenders-Film "Palermo Shooting" zu sehen. Sein Bildband "Photographs 1961 - 67" ist im Taschen Verlag erschienen (546 Seiten, 500 Euro).

Campino, 47, ist Sänger der Toten Hosen. 2008 spielte er die Hauptrolle in "Palermo Shooting". Zuletzt erschien das Fotobuch "Machmalauter: Die Toten Hosen Live" (216 Seiten, 52 Euro), mit je zwei Live- CDs und -DVDs von der letzten Tournee.

Hinter der Kamera: Die Stars, wie Hopper sie sah - und fotografierte: Jane Fonda 1965 ...
Hinter der Kamera: Die Stars, wie Hopper sie sah - und fotografierte: Jane Fonda 1965 ...
Foto: Taschen Verlag

Es ist nicht leicht, Dinge des Alltags so zu fotografieren, dass sie den Betrachter emotional ansprechen. Dennis Hopper schafft das, weil er durch seine Perspektive, den bestimmten Ausschnitt, Geschichten andeutet - Geschichten vom Verlassensein oder von Zerstörung.

Es sind Fotos aus seinem jüngst erschienen Bildband "Photographs 1961 - 67". 546 Seiten dick, 20 Kilo schwer, bräuchte man fast vier Arme, um es gleichzeitig halten und durchblättern zu können. Hopper selbst hat diese opulente Werkschau sein "Vermächtnis" genannt - was durch die aktuellen Meldungen über seine schwere Krebserkrankung in diesen Tagen noch eine ganz andere, beunruhigende Bedeutung bekommt. Die Neugier trieb den Fotografen Hopper in den 60ern überall hin - über die Grenze nach Mexiko, vorbei an den Billboards der Highways, zu politischen Kundgebungen von Martin Luther King, in die Kunst-Galerien, die Rock-Szene, an Drehorte und auf Hollywood-Partys. Ein Wanderer zwischen Schein und Sein. Neben den Bildern, die der Fotograf Hopper gemacht hat, zeigt das Buch auch zahlreiche Fotos, die andere von dem Schauspieler Hopper gemacht haben. Ein ungezähmtes Leben in Bildern, wir blättern uns durch seine Jahrzehnte, sehen wie er sich verändert, die Jahre Spuren hinterlassen - und wie er doch immer Dennis Hopper bleibt.

und Paul Newman 1964.
und Paul Newman 1964.
Foto: Taschen Verlag

Ich habe Dennis vor drei Jahren getroffen. Wir hatten zwei tragende Rollen in Wim Wenders Film "Palermo Shooting". Dennis spielte den Tod, und ich war Finn, ein erfolgsverwöhnter Fotograf, der die Perspektive auf sein Leben verloren hatte. Natürlich kannte ich viele seiner Filme, "Easy Rider", "Apocalypse Now", "Blue Velvet" und "Der amerikanische Freund" . Ich kannte auch viele Hopper-Mythen - von den genialen Höhenflügen bis zu den großen Abstürzen, Ankedoten, die von einem Bierkonsum von 30 Flaschen am Tag und Härterem erzählten. Ich persönlich habe ihn als sehr höflichen, kollegialen und offenen älteren Herren erlebt. Ich wusste, dass er ein guter Fotograf war. Wie gut er war, habe ich allerdings erst begriffen, nachdem ich seinen opulenten Fotoband "Photographs 1961 - 67" gesehen habe. In der Kunstszene und im Feuilleton ist der Fotograf Hopper längst eine feste Größe. Aber in der allgemeinen Wahrnehmung ist er vor allem der geniale Schauspieler und Regisseur. Die Foto-Werkschau zeigt erstmals zusammenhängend, was für ein begnadeter Geschichtenerzähler er auch als Fotograf ist.

Er zeigt uns spektakuläre Bilder, wie ein Stier über einen Torero in Mexiko hinwegtrampelt. Er hat genau diesen Moment erwischt, der wie ein bedrohlicher Schwebezustand wirkt. Man wüsste gerne, wie es weiter ging. Wieder ein Auftakt für eine Geschichte, die Ankündigung eines großen Films, der nur im Kopf abläuft. Das gelingt ihm auch in unspektakulären Momenten, wenn er beispielsweise Fußgänger zeigt, wie sie drei Hunden an der Leine hinterher hecheln. Oder eine übergewichtige schwarze Frau, die auf einer Bank eingeschlafen ist, und deren Gesicht unter einem großen Hut verschwindet. Es ist eine hohe Kunst, in solchen Bildern die kleinen Dramen des Alltags herauszudestillieren - eine Spannung zu erzeugen, die dich immer wieder in dieses Bild hineinzieht.

Und ganz gleich, ob er die dicke Frau auf der Bank zeigt oder einen Obdachlosen, der an den Straßenrand pinkelt - sie alle haben etwas Würdevolles. Er stellt sie nicht bloß, er zeigt sie als Menschen.

Wir haben uns während der Dreharbeiten von "Palermo Shooting" viel über Fotografie unterhalten. Fotografie ist im Film ein wichtiges Thema. Es gibt diese Szene, in der ich ein Porträt-Foto vom Tod schießen soll. Dennis spielt das voll aus, gibt sich wie ein morbides Model: "Come on, now, take a picture of me". In diesem Moment schien er seinen beiden Passionen - Schauspielerei und Fotografie - sehr nah zu sein. Hopper spielt einen empfindsamen Tod, der sich bei dem Fotografen ausweint, weil er darunter leidet, dass alle in ihm nur den Bösen sehen. Er will aber ein freundlicher Tod sein. In solchen Szenen schien er den gesamten Raum, mit allen, die darin standen - mich inklusive - komplett in sich aufzusaugen. Sein Spiel hatte eine unglaubliche Intensität. Da stand er dann oft vor mir, als kahlköpfiger Tod. In solchen Momenten habe ich die Kamera, die Crew, alles andere um mich herum vergessen. Dabei hatte ich den Text zuvor ja zigmal gelesen, ich wusste, was er sagen würde. Und trotzdem war es so, als würde ich es das erste mal hören. Das war so eindringlich - für mich war er in diesem Augenblick wirklich der Tod.

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Autor:  Campino
Datum:  14 | 1 | 2010
Seiten:  1 2
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