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Chile: Nach Beben moralische Erschütterung

Neben dem Entsetzen über die Naturkatastrophe wachsen in Chile Wut und Enttäuschung über die Mitmenschen. Von Wolfgang Kunath

Das Militär kam viel zu spät zum Einsatz - Kritik an Präsidentin Bachelet.
Das Militär kam viel zu spät zum Einsatz - Kritik an Präsidentin Bachelet.
Foto: rtr

Concepción. Lupércio Martínez hat den Großteil seines Lebens in Dichato verbracht. In dem kleinen Badeort hat er gelebt, ein Haus gebaut, als Lokalpolitiker den "Fortschritt mitgestaltet", wie er sagt. Als Dichato unterging, war er verreist, und als er zurückkam und die Trümmerlandschaft sah, in die das Meeresbeben den Ort in ein paar Minuten verwandelt hatte, "da habe ich geweint wie ein Kind". Jetzt sitzt der 70-Jährige in Decken gehüllt in seinem Auto am Rand der höher gelegenen Zugangsstraße zum Ort, wo er aus Angst vor einem neuen Tsunami die Nacht verbracht hat. Und wenn er über Dichato und seinen Untergang spricht, treten ihm gleich noch mal die Tränen in die Augen.

Das Meer liegt glatt und grau wie flüssiges Blei, so, als wollte es seine Unschuld beteuern an dem, was es letzten Samstag hier angerichtet hat. Schräg, wie auf Kiel liegende Boote, überragen ein paar nicht völlig zusammengebrochene Häuser diese Schreckenslandschaft. Groteske Anblicke: Ein Eisschrank, den der Tsunami auf ein Zaungitter gespießt hat. Das Boot namens "Estoy contigo" - ich bin bei dir - , das etwa 400 Meter vom Strand entfernt zwischen Hausrat liegt. Reihenweise stehengebliebene Klohäuschen einer sonst zerschmetterten Reihenhaussiedlung. Der nasse, schmutzige Teddybär, den die Welle vor der Kirche der Heiligen der Letzten Tage auf die Straße gelegt hat.

Einsatz in Concepción

Während er seinen Bericht schrieb, habe die Erde acht Mal gebebt, teilte der Korrespondent der Redaktion begleitend mit. Die Stärke des letzten Erdstoßes am Freitag wurde mit 6,6 angegeben, dem stärksten seit dem von 8,8 vor einer Woche. Das Epizentrum lag nahe der Stadt Concepcíon. (hitz)

Ein paar Schritte vor Lupércio Martínez´ Haus hat das Wasser kehrtgemacht; das Haus liegt erhöht. Aber verschont blieb es nicht: Plünderer räumten es aus, kaum dass das Wasser zurückgegangen war. "Es ist völlig leer, alles weg", sagt Martínez kopfschüttelnd. Dass in dem Moment, da die Chilenen in Solidarität hätten zusammenstehen sollen, ein Schwarm von Menschen mit einem Lastwagen von auswärts vorfuhr und das Trümmerfeld systematisch durchkämmte, dass sogar Bewohner des Badeorts bei den Nachbarn plünderten - das beschäftigt den Mann jetzt mindestens so wie die Frage, ob und wie Dichato jemals wieder erstehen wird.

In Concepción, 36 Kilometer südlich von Dichato, wird die Messe auf der Plaza de Armas unter freiem Himmel gelesen; die Kathedrale ist einsturzgefährdet. "Ich würde von zwei Erdbeben sprechen", sagt Erzbischof Ricardo Ezzati, "dem der Natur und dem moralischen - dem der völligen Gewissenlosigkeit vieler". Zwar sind die Folgerungen, die die in Chile reichlich konservativ auftretende Kirche daraus zieht - mehr religiöse Erziehung, mehr katholische Werte -, gesellschaftlich nicht mehrheitsfähig. Aber die Debatte über das, was nach der Naturkatastrophe kam, führt mittlerweile das ganze Land. Wobei der Schrecken über die flächendeckende Plünderei direkt verknüpft ist mit der Enttäuschung und Wut über das katastrophale Krisen-Management einer hilflos und unentschlossen wirkenden Regierung.

Es ist, als wäre Chile erschrocken über sich selber. Denn das Land hat in den vergangenen 20 Jahren wirtschaftlich prosperiert wie kein zweites in Südamerika, bei der Armutsbekämpfung wurden geradezu Rekorde gebrochen. Nach der Pinochet-Diktatur hat es zu einer soliden, auf Konsens und Behutsamkeit bauenden Demokratie zurückgefunden, sein Staatsapparat steht im Ruf geradezu preußischer Perfektion. Wie ist es dann möglich, dass es zu solchen Exzessen mieser Raubgier kommt? Warum haben das die Behörden nicht im Keim erstickt? Warum leisten sie sich die groteskesten Pannen? Warum ist die Hilfe so schleppend angelaufen?

"Ich war heilfroh, als das Militär endlich hier auftauchte", sagt der Bauingenieur Julio Palma, der mit seiner Frau Antonieta und dem Einjährigen dessen Buggy die Nachmittagssonne zum Spaziergang nutzt; die Ausgangssperre in Concepción dauert immer noch von 18 Uhr bis Mittag. Er hat zusammen mit seinen Nachbarn - "da hat man sich endlich mal kennengelernt" - eine Art Bürgerwehr organisiert, um sich gegen die Horden von Plünderern zu wappnen, die das Mittelstandsviertel Lomas de Andrés schon umkreisten, bevor sie dann abdrehten, als sich die Bewohner durch ein Hupkonzert gegenseitig warnten. "In Concepción sind arme und mittlere Viertel nah beieinander, insofern ist die Stadt sehr demokratisch", sagt die Informatikerin Antonieta, "aber eben zugleich auch ein Pulverfass".

"Wir leiden am chilenischen Übel"

"Lumpen" - dieses deutsche Wort ist auch im Spanischen geläufig, als Präfix von "Lumpenproletariat". Julio Palma spricht es mit einem Anflug von Hass aus, und das, obwohl er vorher die Arbeitslosigkeit und die extreme Ungleichheit in der Verteilung des neuerlichen Wohlstands für die Misere verantwortlich gemacht hat. Eine typische Ambivalenz, denn irgendwie weiß ja jeder, dass der Wohlstand viele arme Chilenen erbarmungslos ausschließt, und die meisten beschleicht dabei wohl auch ein schlechtes Gewissen. Aber lässt man sich deswegen das Haus von "el lumpen" ausräumen?

"Wir leiden am chilenischen Übel, an der Habgier. Wenn ich ein Kilo Salz habe, will ich sofort zehn haben, weil mein Nachbar 15 hat", räsonniert Lupércio Martínez, und der Erzbischof klagt über den überhand nehmenden Individualismus. Das klingt konservativ. Aber ist Mehrhabenwollen nicht tatsächlich das besinnungslos wiederholte Mantra des Aufstiegs? Dann wäre die Niedertracht, die sich in den Gewalt- und Plünderexzessen Bahn bricht, die andere, finstere Kehrseite einer konsumgierigen, oberflächlichen Shopping-Gesellschaft. Dann wären Plünderungen weder Klassenkampf noch sozialer Protest, sondern nur eine andere, wenn auch amoralische Form des Auchhabenwollens.

Maria Cecilia Jaque koordiniert die Hilfsaktionen und Reparaturarbeiten der Stadtverwaltung von Concepción, und auf die Frage nach der Qualität des Krisenmanagements antwortet sie kurz und bündig: "Auf Regierungsebene fürchterlich". Das kann man so sagen. Die Behörden haben sich schlimme Fehler geleistet. Kurz nach dem Beben hatten offizielle Stellen den Tsunami ausdrücklich ausgeschlossen, der Dichato und andere Orte zerstörte, dafür lösten sie Tage später mit einem Tsunami-Fehlalarm Panik aus. Obwohl Chiles hervorragende Autobahnen nur ein paar Risse kriegten, obwohl die anderen Straßen frei waren, lief die Hilfsaktion erschütternd schleppend an. Und US-Außenministerin Hillary Clinton brachte, als besuchte sie ein armes Entwicklungsland, Satellitentelefone mit, in der Annahme, dass die Behörden zu wenig davon haben.

Präsidentin Michele Bachelet wird zwar zugute gehalten, dass sie gleich nach dem Beben vor Ort war. Aber dass sie zögerte, die Militärs zur Wahrung der Ordnung loszuschicken, wird ihr übel angekreidet. Für die Angst der Sozialistin, die letzten Tage ihres sonst so erfolgreichen Mandats mit einem womöglich aus dem Ruder laufenden Militäreinsatz zu beflecken, ist das Verständnis gering.

"Campamento Mama Rosa" steht auf dem Pappschild am Zaun. Auf einem Wochenendgrundstück am hochgelegenen Ortsrand von Dichato haben sich 20 Leute unter Planen niedergelassen. "Wir haben alles verloren, alles", sagen die Erwachsenen. Zwei Kilo Reis, eine Flasche Mineralwasser, Milch, Brühwürfel, ein paar andere Kleinigkeiten haben sie bekommen - keinen Zucker, keine Nudeln, kein Öl, keinen Kaffee, und das alles für 20 Leute.

Autor:  Wolfgang Kunath
Datum:  5 | 3 | 2010
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