Peking. Die Sache mit den Adventskränzen hat Frau Zhou nie so ganz verstanden. Vor drei Jahren sah die Blumenhändlerin im Pekinger Stadtteil Chaoyang, wo viele Europäer und Amerikaner leben, in Konkurrenzläden Nadelzweigkränze mit Schleifen und Kerzen. "Ich habe mich erkundigt und erfahren, dass Ausländer diese Gestecke im Winter gern kaufen, weil sie irgendwas mit Weihnachten zu tun haben", erzählt die Floristin. "Also habe auch ich solche Kränze gebunden."
Doch seltsamerweise blieb sie auf ihren Gewinden sitzen. Erst nach einigen Wochen wurde Zhou auf ihren Fehler aufmerksam gemacht: Statt vier hatte sie nur drei Lichter aufgesteckt. "Drei fand ich schöner, und billiger war es auch", sagt sie. "Wie soll einer ahnen, dass Ausländer ausschließlich Kränze mit vier Kerzen wollen?" Seitdem produziert auch sie normgerechten Adventsschmuck - und macht damit jeden Dezember ein gutes Extrageschäft.
So wie die Blumenhändlerin gehen viele Chinesen mit Weihnachten um: Man nimmt es mit, ohne recht zu durchschauen, was es damit eigentlich auf sich hat. Traditionell spielt Weihnachten in China keine Rolle. Aber da in den Großstädten westliche Trends gern imitiert werden, ist das christliche Fest der Liebe für wohlhabende Chinesen ein Anlass, es sich gut gehen zu lassen.
Weihnachten heißt Konsum. Einkaufszentren drapieren Tannenbäume und Rentierschlitten in Schaufenster oder setzen Angestellten rotweiße Mützen auf. Restaurants werben um Kunden, indem sie Girlanden und Bärtige aufhängen oder Kunstschnee an die Scheiben sprühen. Oft hängt der Schmuck das ganze Jahr und wird je nach Saison um chinesische Neujahrsscherenschnitte, Valentinstagsherzen und Halloweenmasken ergänzt.
Wörtlich übersetzt: Greis
Paare nutzen Weihnachten als Anlass fürs Rendezvous bei Kerzenschein. Im Fernsehen laufen West-Weihnachtsfilme, Radiosender spielen "Jingle Bells". Pate des Spektakels ist der "Shengdanjie Laoren", wörtlich der "Weihnachtsgreis", sprich: der Weihnachtsmann. Fortschrittliche Kindergärten oder Grundschulen inszenieren eigene Bescherungen, um den Kindern westliche Lebensart nahe zu bringen.
Dass Weihnachten in der Volksrepublik vor allem als Konsumfest gilt, könnte dem Westen zu denken geben: Schließlich machen die Chinesen nur nach, was sie im Ausland sehen. Chinesische Firmen merken die weltweite Konsumbereitschaft zur Weihnachts außerdem in ihren Auftragsbüchern. Vorige Woche meldete die Nachrichtenagentur Xinhua, China habe allein im Oktober 58456 Tonnen Weihnachtsartikel für 157 Millionen Dollar exportiert.
Doch es gibt auch Chinesen, für die Weihnachten mehr ist als Kitsch und fremde Folklore: Die Zahl chinesischer Christen wird auf 50 bis 130 Millionen geschätzt. Viele von ihnen sind mehr als Christnachtkirchgänger. Die Mehrheit der chinesischen Gläubigen gehört sogenannten Untergrund- oder Hauskirchen an, weil sie die offizielle, streng kontrollierte Staatskirche scheuen. Dafür nehmen sie oft harte Sanktionen in Kauf. 2008 zählte die christliche Organisation "China Aid Association" 2027 Fälle von Repressionen gegen Christen. Im Vorjahr waren es erst 788 gewesen. 2009 dürfte die Statistik weiter ansteigen, - die Regierung hat ihr Vorgehen gegen inoffizielle Religionsgemeinschaften verschärft.
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