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China: Rentner bitte liegen lassen!

Immer mehr Senioren und auch Schwangere simulieren Unfälle und ziehen ahnungslose Helfer zur Rechenschaft. Mit dieser üblen Betrugsmasche wollen sie schnelles Geld machen, das sie oft leider bitter nötig haben. Darunter leiden die echten Opfer.

Die hoch betagte Chinesin Zhou Benying: Die Versorgung von Rentnern ist in China völlig ungeklärt.
Die hoch betagte Chinesin Zhou Benying: Die Versorgung von Rentnern ist in China völlig ungeklärt.
Foto: dpa/dpaweb
Peking –  

Herr Li starb am helllichten Tage vor den Augen Dutzender Menschen. Am 4. September war der 88-Jährige aus dem zentralchinesischen Wuhan wie jeden Morgen auf den Markt gegangen, wo er stolperte und sich am Kopf verletzte. Obwohl reger Betrieb herrschte und viele Passanten den Alten kannten, kam ihm niemand zu Hilfe. Eine Stunde lag er am Boden, bis irgendwann ein Arzt auftauchte und seinen Tod feststellte. Der alte Mann war an seinem eigenen Blut erstickt.

In chinesischen Medien und Internetforen löste Lis Schicksal eine Welle der Betroffenheit aus – doch den Vorwurf unterlassener Hilfeleistung erhob kaum einer. In einer Umfrage der Staatszeitung Renmin Ribao erklärten mehr als 80 Prozent, dass sie den Verletzten ebenfalls liegengelassen hätten; andere Erhebungen kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Denn alte Menschen, die Hilfe benötigen, stehen in China unter dem Verdacht, Betrüger zu sein, die ihre Retter hinterher für den Unfall verantwortlich machen wollen, um Schmerzensgeld und Behandlungskosten zu erpressen.

Berichte über derartige Betrugsversuche gibt es derzeit wöchentlich. Nur wenige Tage nach dem Tod von Herrn Li machte ein 90-Jähriger Schlagzeilen, der Passanten um Hilfe anflehte. „Ich bin wirklich kein Gauner“, rief er. Als sich schließlich eine junge Frau seiner erbarmte und ihn zum Krankenhaus begleitete, bedankte er sich überschwänglich, nur um gegenüber dem Arzt prompt seine Geschichte zu ändern. Nur mit Hilfe von Zeugen konnte die Frau ihre Unschuld beweisen.

Der angeblich von der Frau verletzte 90-Jährige handelte keineswegs senil, sondern streng nach dem Vorbild einer Rentnerin aus Nanjing, die als Erfinderin der Betrugsmasche gilt. Vor fünf Jahren kam sie im Gedränge an einer Bushaltestelle zu Fall und ließ sich von einem 26-Jährigen ins Krankenhaus begleiten, wo sie prompt die Polizei rufen und ihren Retter festnehmen ließ.

Alt und allein: Chinas Rentner

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Im Zweifel gegen den Angeklagten

Der Fall landete vor Gericht, und obwohl es keinerlei Beweise gab, wurde der Helfer zu einer Zahlung von 45.000 Yuan (rund 5.000 Euro) verurteilt. „Es entspricht dem gesunden Menschenverstand, dass der Angeklagte die alte Frau nicht ins Krankenhaus begleitet hätte, wenn er sie nicht selbst umgestoßen hätte“, begründeten die Richter ihre Entscheidung. Mehrere Gerichte haben seitdem ähnliche Entscheidungen getroffen.

Viele Chinesen sehen dies als ein Zeichen für die Willkür des chinesischen Rechtssystems, in dem die Unschuldsvermutung wenig zählt und im Zweifel lieber gegen den Angeklagten entschieden wird.

Nicht nur Alte machen mit dieser Masche Kasse, sondern auch Schwangere. Weit verbreitet ist auch die Methode, sich an einer Ampel vor einem Auto auf die Straße zu werfen und zu behaupten, man sei angefahren worden. Aus Angst vor einem Gerichtsverfahren bezahlen viele Fahrer gleich vor Ort. Bekannt wurde der Fall einer Frau, die angeblich „vor Schreck“ vor einem Fahrzeug zu Boden gegangen war und Schmerzensgeld erhielt, obwohl sie selbst zugab, dass der Wagen noch vier bis fünf Meter entfernt gewesen sei. Medienberichten zufolge statten inzwischen viele chinesische Autofahrer ihre Fahrzeuge mit Frontkameras aus, um im Zweifelsfall ihre Unschuld beweisen zu können.

Die Häufung der Fälle hat eine Debatte darüber ausgelöst, was dies über die chinesische Gesellschaft aussage. „Vor dreißig Jahren war es genauso selbstverständlich, einem alten Menschen aufzuhelfen wie es selbstverständlich war, ihm im Bus einen Sitzplatz anzubieten“, kommentierte das Wirtschaftsportal Caixun. „Was ist passiert, dass wir unser gutes Herz und unsere soziale Moral verloren haben?“ Ein Internetbenutzer meint, China habe „alle Maßstäbe eines guten menschlichen Miteinanders verloren“, während ein anderer ironisch empfiehlt: „Wer anderen helfen will, sollte sein Gesicht verhüllen wie Spiderman, und sich hinterher schnell aus dem Staub machen.“

Regierung: "Hilf nicht zu schnell!"

Auch die Regierung hat sich inzwischen des Themas angenommen. Anfang September veröffentlichte das Gesundheitsministerium eine 41-seitige Broschüre mit „Richtlinien für die Vermeidung und Behandlung von Stürzen älterer Menschen“. Bevor man einem am Boden Liegenden aufhelfe, solle man sich zunächst einen Überblick über die Situation verschaffen, wird darin empfohlen: „Beobachte erst und frage nach dem Gesundheitszustand – hilf nicht zu schnell.“

Wo Hilfeleistung gefährlich ist, können diejenigen, die sie wagen, zu Helden werden. Am 6. September half in der Stadt Yangzhou eine Schülerin einem 80-Jährigen, obwohl die Umstehenden sie lautstark davor warnten. Der Alte schrieb dem Mädchen hinterher einen Dankesbrief, den er auch an die Stadtregierung schickte. Die Schülerin wurde daraufhin als „Vorbild für die Jugend“ geehrt.

Autor:  Bernhard Bartsch
Datum:  6 | 10 | 2011
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