Die Welle der Empörung geht inzwischen um den Globus. Die US-Regierung hat sich zu Wort gemeldet, der Päpstliche Rat in Rom, der Zentralrat der Juden, sogar der Oberbefehlshaber der US- und Nato-Truppen in Afghanistan, David Petraeus, ist besorgt. Sie alle fürchten den 11. September 2010. Denn der fundamentalistische US-Prediger Terry Jones will den Jahrestag der Terroranschläge von 2001 auf ganz besondere Weise begehen: mit einer Bücherverbrennung – als Zeichen gegen den von ihm und seiner Gemeinde verhassten Islam.
Zur Verbreitung seiner fanatischen Ideen hat sich Jones ein kleines Reich in der Provinz von Florida erschaffen. Auf dem Gelände des „Dove World Outreach Center“ bei Gainesville möchte der Prediger am kommenden Samstag einen Scheiterhaufen errichten und den Koran in die Flammen werfen.
Die ersten Reaktionen haben die US-Streitkräfte bei ihren Auslandseinsätzen wie in Afghanistan bereits zu spüren bekommen. Und im indonesischen Jakarta gingen Demonstranten auf die Straße. Was bisher kaum bekannt ist: Der Weg des Fanatikers führt zurück nach Deutschland.
Denn bis vor zwei Jahren stand Jones der Christlichen Gemeinde in Köln vor, einer freikirchlichen Glaubensgemeinschaft. Dann verließ der Pastor Hals über Kopf nicht nur seine Gemeinde, sondern auch Deutschland. Viele Gläubige sind überzeugt, dass er Gemeindegeld veruntreut hat.
Bis zu 1000 Menschen hatte Jones in den 90er Jahren in Köln um sich geschart. Er hatte Wunderheilungen versprochen und Hass gegen den Islam gepredigt. „Von Köln aus wollte er Europa erwecken. Aber über Köln ist er nie hinaus gekommen“, sagt Andrew Schäfer, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche im Rheinland.
Auf Jones’ Ranch in Florida interessieren sich noch etwa 50 Menschen für die radikale Weltsicht des Eiferers: hier die gute Apostolische Kirche, dort der böse Islam. „Früher hat er allgemein gegen die Mächte der Finsternis gekämpft, erst in den vergangenen Jahren hat er den Islam als Feindbild entdeckt“, sagt ein ehemaliger Beobachter der Christlichen Gemeinde.
Dessen Anhänger in den USA waren bereits im vergangenen Jahr unangenehm aufgefallen, weil sie ihre Kinder mit T-Shirts zur Schule schickten, auf denen in dicken Buchstaben stand: „Der Islam ist des Teufels“. Was auch der Titel eines Buches ist, das Jones herausgebracht hat.
Verfechter eines „Steinzeit-Christentums“
Terry Jones, 58, war Hotelmanager, bis er seine Berufung zum Predigier fand – und sich seither für einen christlichen Fundamentalismus stark macht.
Als Leiter der Dove World Outreach Centers, einer kleinen Gemeinde in Florida, predigt Jones nicht nur ein ausgrenzendes Gotteswort, sondern verantwortet auch eine manipulative Seelsorge, wie man sie von Sekten kennt. (cob)
Jones hatte in den 80er Jahren bekundet, der Ruf Gottes habe ihn nach Deutschland geführt. Seine Frau und die drei Kinder hatte er mitgebracht. Gerne beschrieb er sich als Pionier, dessen Ziel es sei, „das Königreich Gottes auf Erden wieder herzustellen“. Ein ehemaliger Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche nennt Jones heute den Verfechter eines „Steinzeit-Christentums“. Das Alte Testament habe ihn fasziniert, er habe danach gestrebt, die Worte der Bibel eins zu eins in die heutige Zeit zu übertragen.
Um das zu verwirklichen, forderte der Gottesmann von seinen Anhängern tatkräftige Hilfe: „Möbeltransporte, Entrümpelungen, Wohnungsauflösungen, wir haben alles gemacht“, erzählt ein Kölner, der inzwischen aus der Christlichen Gemeinde ausgetreten ist. Zehn Prozent ihres Einkommens sollten die Gläubigen abgeben. In die Gemeindekasse floss zudem der Erlös von Möbel- und Kleiderverkäufen.
Doch der Ruf von Jones erhielt erste Kratzer, als er vor Gericht wegen Führens eines falschen Doktortitels zu einer Geldstrafe von 3000 Euro verurteilt wurde. Der Kirchenkreis Köln warnte damals öffentlich vor dem Prediger und seiner Kirche.
Mehr als zehn Jahre ist das her. Die Liste der Kritiker des Fundamentalisten ist inzwischen beachtlich gewachsen. US-Außenministerin Hillary Clinton bezeichnete die Pläne von Jones, das heilige Buch der Moslems anzuzünden, gerade erst als „respektlos“ und „schändlich“.
Andrew Schäfer, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche, wirkt nicht überrascht von der Radikalität des Mannes. „Er leidet an seiner Macht- und Bedeutungslosigkeit. Dennoch hat er ein Gespür für öffentlichkeitswirksame Reizthemen“, sagt Schäfer.
Bereits in seiner Zeit in Köln hatte Jones für Aufsehen gesorgt, als er öffentlich verkündete, seine Gemeinde und Scientology würden in Deutschland verfolgt. Seine Aussagen waren auch damals um die Welt gegangen. Nun sitzt Jones im tiefsten Florida und scheint die weltweite Aufmerksamkeit zu genießen.
Hausverbot in alter Gemeinde
Kürzlich hat er auf CNN seine Pläne zur Koran-Verbrennung bekräftigt. „Wir verstehen, dass sich die Muslime verletzt fühlen. Aber ich fühle mich auch verletzt, wenn sie die US-Flagge oder die Bibel verbrennen.“ Die Gefahr durch Islamisten sei jedoch so groß, dass er auf verletzte Gefühle keine Rücksicht nehmen könne.
Die Christliche Gemeinde hat seit Jones’ Flucht einen neuen Vorstand. Mit ihrem ehemaligen Pastor wollen die Kölner nichts mehr zu tun haben: „Wir distanzieren uns von seiner Aktion und möchten damit nicht in Verbindung gebracht werden“, sagte Sprecher Stephan Baar auf Anfrage. Dass Jones zurückkehrt an die alte Wirkungsstätte, ist ohnedies ausgeschlossen: Die Gemeinde hat ihm schon vor zwei Jahren ein Hausverbot erteilt.
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