Herr Waltz, Sie sind in Cannes als bester Schauspieler ausgezeichnet worden. Wie war es, einen Nazi-Schurken zu spielen?
Schurke ist ja auch nur ein Wort, es ist keine Rolle. Viel interessanter ist doch: Was tut er, weshalb Sie ihn für einen Schurken halten? Ein Nazi ist ja im Grunde auch nur eine Uniform.
Christoph Waltz, 52, ist gerade in Cannes als bester Hauptdarsteller geehrt worden - für die Rolle eines Nazi-Obersts in Quentin Tarantinos Film "Inglourious Basterds". Zwielichtige oder labile Typen sind seine Spezialität: Er spielte den Oetker-Entführer und den Schlagersänger Roy Black.
Waltz stammt aus einer Theaterfamilie, lernte seinen Beruf in Wien und New York. Unser Autor traf ihn in einer Journalistenrunde.
Das müssen Sie erklären.
Wie würden Sie das Durchschnittsgewicht eines Sandkorns ermitteln? Das Klügste ist doch, Sie nehmen 1000 Sandkörner, wiegen sie und teilen das Ergebnis durch tausend. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Sie am Strand auch nur ein Körnchen finden, das genau dieses Gewicht hat, liegt fast bei Null. Genauso ist das mit dem Nazi - es gibt ihn nicht, den gewöhnlichen Nazi. Mein Job war es, herauszufinden, wie dieser Typ in die Geschichte passt.
Wie hat Ihre Familie die Zeit des Nationalsozialismus erlebt - im Gegensatz zu der fiktiven Story?
Was wir über den Zweiten Weltkrieg wissen, wissen wir aus den Berichten anderer. Ob die nun persönlicher Erfahrung entspringen oder nicht, ist unwichtig. Es ist eine Erzählung - genau wie dieser Film. Er bewegt sich daher auf derselben Ebene wie die Erzählungen unserer Großeltern, beide haben denselben Grad an Wirklichkeit. Ich finde das hochinteressant, und es ist wichtig für meine Figur: Wie bewege ich mich durch die unterschiedlichen Schichten dieser Parallel-Wirklichkeiten?
Aber Sie haben die Geschichten Ihrer Großeltern schon mitbekommen
Selbstverständlich. Krieg ist zweifellos eine existenzielle Erfahrung. Und es ist eine, die jemand wie ich, der sie zum Glück nicht gemacht hat, nicht mal ansatzweise nachempfinden kann - ob man in einem Keller sitzt und einem das eigene Haus über dem Kopf weggebombt wird, oder ob man tatsächlich eine Lage gerät, in der man jemandem mit einer geladenen Waffe gegenübersteht und selbst eine geladene Waffe in der Hand hat.
Inglourious Basterds (Trailer) Christoph Waltz wird bei den Filmfestspielen in Cannes 2009 als bester Darsteller ausgezeichnet. In dem Film von Quentin Tarantino spielt er die Rolle des Oberst Hans Landa.
Wir können uns also gar keine Meinung dazu erlauben?
Ich frage mich nur, warum wir dem Ganzen nicht mit den klassischen Mitteln von Mitgefühl und Zuneigung begegnen können? Stattdessen haben wir eine Meinung, aber die ist nur das Ergebnis von Erzählungen. Deshalb finde ich, dieser Film ist eine Alternative. Besonders in Österreich und Deutschland wird diese Alternative aber als fahrlässig und unverantwortlich wahrgenommen - so weit ich das mitbekommen habe.
Was erwidern Sie darauf?
Ich finde es durchaus verantwortungsvoll, etwas anzubieten, das die Aufarbeitung der Geschichte aus neuer Perspektive erlaubt.
Am Set von Quentin Tarantino soll es lebhaft zugehen, mit lauter Musik und so weiter. War das eine anregende Atmosphäre?
Es war das Wildeste und Unglaublichste, was ich bisher erlebt habe. Wir drehten in Deutschland, auf dem Land. Es war Oktober und die Felder abgeerntet. Aber Quentins Crew wollte keinen braunen Dreck, also bezahlten sie die Bauern dafür, etwas anzubauen. Alles war grün. Ich dachte, irgendetwas stimmt hier nicht. Bis mir jemand sagte, das komme daher, dass alles so grün sei. Plötzlich hörte ich die Erkennungsmelodie der Heldin aus "Kill Bill". Der Tontechniker hatte Boxen aufgebaut und ließ den Soundtrack laufen. Von wegen Parallelwelten: das waren echte Klangwellen, und das Grün waren echte Lichtwellen. Es geht nicht darum, ob das real war oder nicht, es war einfach anders.
Gab es Zeiten, in denen Sie keine Lust auf Arbeit hatten, weil interessante Angebote ausblieben?
Ja.
Das ist die kurze Antwort. Wie lautet die ausführliche?
Absolut.
Vielleicht noch etwas ausführlicher?
Einer der großen Theaterdarsteller sagte einmal zu mir: Ich arbeite jetzt dreißig Jahre als Schauspieler und ich kann dir drei Rollen nennen, bei denen ich das Gefühl hatte, dafür hat es sich gelohnt, Schauspieler zu werden. Ich war damals 24 und wirklich schockiert: drei Rollen in dreißig Jahren? Aber er hatte Recht. Ich weiß nicht, ob die Zahl drei eine Rolle spielt. Aber ich weiß: Für diese Rolle hat es sich gelohnt, Schauspieler geworden zu sein.
(Aufgezeichnet von Rüdiger Sturm)
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