Clara Rojas trägt ein elegantes, schwarzes Kostüm und eine raffinierte, weiße Bluse mit Rüschenschleife. Sie ist eine hübsche Frau mit schmalen, etwas kantigen Gesichtszügen. "Guten Tag", sagt sie selbstbewusst, als sie das Hotelzimmer in Berlin betritt, "nehmen Sie eine Praline?" Ihr Blick ist ernst.
Die 44-Jährige ist seit Wochen unterwegs in Europa, danach in Südamerika, um ihr Buch zu präsentieren: In "Ich überlebte für meinen Sohn" berichtet sie über die Zeit als Farc-Gefangene im kolumbianischen Dschungel. Fast alle kennen das Schicksal der ehemaligen Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, der berühmtesten Farc-Geisel. Deren Befreiung war ein globales Medienspektakel. Clara Rojas wurde als deren Wahlkampfhelferin im Februar 2002 gemeinsam mit Betancourt von der Guerilla-Organisation verschleppt. Nur war ihr Schicksal weniger öffentlich. Das ist nun anders.
Die Kolumbianerin Clara Rojas (44) wurde in einer bürgerlichen Familie in Bogotá geboren. Sie gründete gemeinsam mit Ingrid Betancourt die ökologische Partei Oxígeno Verde. Später leitete die Anwältin auch Betancourts Präsidentschaftswahlkampf.
Im Februar 2002 wurden beide von Farc-Rebellen entführt. Clara Rojas kam nach sechs Jahren frei. Sie beschreibt in ihrem, gerade auf Deutsch erschienenen Buch "Ich überlebte für meinen Sohn", ihre Erfahrungen im Dschungel.
Clara Rojas: "Ich überlebte für meinen Sohn", Blanvalet-Verlag, 360 Seiten, 16,95 Euro.
Seit dem Erscheinen ihres Buches ist auch Rojas in den Schlagzeilen. Überall wird die Geschichte der Frau, die ihren Sohn in der Wildnis bekam, erzählt und ausgeschmückt. "Eigentlich würde ich lieber im Heute leben", sagt Clara Rojas. Und doch erzählt sie immer wieder von den dramatischen Ereignissen der letzten Jahre. Davon, wie sich im Dschungel die Freundschaft mit Betancourt zerschlagen hat. Nach zwei gescheiterten Fluchtversuchen redeten sie kaum noch miteinander, berichtet die Anwältin.
Ihre einstige Weggefährtin Betancourt sei immer stiller und missgünstiger geworden. Man sieht es ihr an: Rojas sucht noch immer nach Erklärungen, warum sich Menschen plötzlich so verändern. "Wir lebten in einer menschenfeindlichen Umgebung, immer dem Tod nahe, immer an der Grenze", resümiert Rojas. Trotz der Enttäuschung sei sie offen für ein Gespräch. "Wir könnten über die Jahre der Gefangenschaft reden oder einen Kaffee trinken gehen. Wenn Ingrid will."
Kleine Gesten der Menschlichkeit
Ihr Sohn stürmt ins Zimmer. "Bravo, Mama", ruft er und klatscht in die Hände. Er wirkt aufgeweckt, strahlt sie aus großen, nussbraunen Augen an. Clara Rojas unterbricht sofort das Gespräch, flüstert ihm etwas auf Spanisch zu und lächelt. Der Fünfjährige kam unter einfachsten Bedingungen im Dschungel zur Welt. Die Farc-Kämpfer hatten versprochen, einen Arzt zu holen, doch schließlich machte ein früherer Medizinstudent, der nun Guerillero geworden war, den Kaiserschnitt. Normalerweise holte er Kälber. Die Geburt verlief kompliziert, Rojas war schwach, verlor viel Blut. Als sie das Baby nicht mehr spüren konnte, schrie sie: "Entweder ihr operiert oder wir werden beide sterben!" Ihr Sohn kam mit einem gebrochenen Arm zur Welt. Nach dem Nähen entzündete sich ihre Wunde.
Unter den Geiseln gab es oft Spannungen wegen des Kindes, aber die Menschen hätten sie auch immer wieder überrascht. "Ich war verwundert, wie respektvoll und großzügig sich manche Guerillos verhalten haben als ich schwanger war", erzählt Rojas und es klingt ehrlich. Manche Mitgefangene hätten Kleidung genäht und ein Auto gebastelt. Solche kleinen Gesten der Menschlichkeit hätten ihr geholfen, zu überleben. Clara Rojas spricht ohne Betonungen, sie reiht sachlich die Sätze aneinander, wie Feststellungen. Man spürt kaum Emotionen, so als hätte sie einen Kokon um sich gebildet.
Ganz Kolumbien rätselt seit ihrer Befreiung, wer der Vater von Emmanuel ist. Ein Guerillo, ein Mitgefangener? Rojas schweigt. Eine Vergewaltigung, sagt sie, war es nicht. Sie nennt es "ein Erlebnis". Genaueres soll ihr Sohn irgendwann als Erster erfahren. Als der acht Monate war und schwer erkrankte, trennten ihn die Rebellen von der Mutter. Erst nach der Befreiung sah sie Emmanuel wieder, der in einem staatlichen Kinderheim aufgewachsen war.
Heute lebt Clara Rojas mit ihrem Sohn am Rande von Bogotá. "Ich genieße die kleinen Dinge", sagt sie, "ich schlafe gut und ohne Albträume." Sie steht früh auf, bringt ihren Sohn zur Schule und holt ihn nachmittags ab. Dann gehen sie Eis essen oder Schwimmen. Rund um die Uhr wird sie von einem Bodyguard überwacht.
Im Dschungel zu Einzelkämpfern geworden
Andere Ex-Geiseln trifft sie eher zufällig, auf Veranstaltungen oder Solidaritätsmärschen - oder wenn sie eingeladen sind, den zurückgebliebenen Gefangenen über das Radio Mut zu machen. Untereinander pflegen sie kaum Kontakt. Rojas und die anderen Geiseln sind im Dschungel zu Einzelkämpfern geworden. Jeder war für sich allein, weil man in existenziellen Situationen immer nur auf sich selbst zählen kann. Offenbar ist es schwer, diese Haltung aufzugeben, wenn man wieder frei ist.
Aber Clara Rojas sucht ihren Weg. Es treibt sie nicht zurück in die aktive Politik, lieber möchte sie Mutter sein. Und weiter Geschichten schreiben, Geschichten, die fröhlicher sind als ihre eigene. Nach der Buchtournee müssen sich Mutter und Sohn allerdings erst noch einigen Operationen unterziehen. Ihr Sohn braucht Physiotherapie, um den linken Arm und die Hand wiederherzustellen und bei ihr ist ein Eingriff geplant, um den Bandscheibenschaden zu beheben, der durch das Tragen der schweren Ausrüstung im Dschungel entstand. "Danach fängt für uns das ruhige Leben an", sagt sie.
Könnte sie sich womöglich neu verlieben? Sie guckt verwundert, das Angestrengte weicht aus ihrem Gesicht, ihr Blick wird sanfter. "Ich bin eine Frau und suche ein normales Leben", sagt sie. "Dazu gehört die Liebe. Also wenn sich die Gelegenheit ergibt " Sie steht abrupt auf, geht zu Emmanuel, der friedlich am Tisch sitzt und bunte Bilder malt. Sie drückt ihn fest, so, als könnte sie ihn jeden Moment wieder verlieren.
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.