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22. August 2012

Crowdfunding: Geld sammeln für die syrischen Rebellen

 Von Patrick Schirmer Sastre
Immer auf Seiten der Rebellen: Matthew VanDyke.  Foto: dapd/Patrick Semansky

Auf der Crowdfunding-Seite "Kickstarter" stellt Matthew VanDyke ein Projekt ein. Er will Geld sammeln, um einen Film an der syrischen Front zu drehen, doch die Webseite lässt das Projekt verschwinden - ohne Begründung.

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Auf der Crowdfunding-Seite "Kickstarter" stellt Matthew VanDyke ein Projekt ein. Er will Geld sammeln, um einen Film an der syrischen Front zu drehen, doch die Webseite lässt das Projekt verschwinden - ohne Begründung.

Matthew VanDyke wollte Spenden sammeln im Internet. Deshalb hatte der 33-jährige Amerikaner auf der Crowdfunding-Seite Kickstarter ein Projekt eingestellt. 19.500 Euro erhoffte er sich von Spendern. Das wäre an sich nichts besonderes. VanDyke aber sammelte es, um nach Syrien in den Krieg zu ziehen. Er wollte einen Film über die syrischen Rebellen drehen. Live und vor Ort, direkt von der Front. „Werde Teil des Arabischen Frühlings“ lautet der einprägsame Slogan für seine Kampagne. Am Dienstag wurde sein Spendenaufruf allerdings von Kickstarter suspendiert. Eine Begründung gab es nicht.

Zur Person

Matthew VanDyke wird 1979 in Baltimore (Maryland) geboren. Er wächst bei seiner Mutter und seinen Großeltern auf. Er studiert politische Wissenschaften an der Uni Maryland und macht seinen Master in Sicherheitspolitik an der renommierten Georgetown-Universität.
Von 2007 bis 2011 reist VanDyke mit dem Motorrad durch Nordafrika und die arabische Welt. Er arbeitet unter anderem als Autohändler sowie als Kriegskorrespondent in Afghanistan und Irak.
2011 schließt er sich den libyschen Rebellen im Kampf gegen Gaddafi an.
Er wird festgenommen und verbringt 165 Tage in Einzelhaft. Laut seiner Homepage arbeitet er gerade an einem Film über seine Erfahrungen in Libyen.

VanDyke kennt die Region und er kennt den Krieg. Jahrelang sei er durch Nordafrika und die arabische Welt gereist, erzählt er über Skype. Er hat dort in vielen Jobs gearbeitet, hauptsächlich aber als Journalist. In Irak und Afghanistan war er als embedded reporter für Zeitungen in seiner Heimat dabei.

165 Tage Einzelhaft

Als seine libyschen Freunde im Frühjahr 2011 erzählten, welches Leid ihnen und ihren Familien angetan wird, zögerte VanDyke nicht lange. Er schloss sich seinen Freunden an und zog mit ihnen in den Krieg gegen Gaddafi. Mit seinen langen dunklen Haaren und dem Bart fiel der Mann aus Baltimore zunächst nicht weiter auf unter den Rebellen. Nach wenigen Wochen wurde er jedoch verhaftet. 165 Tage verbrachte VanDyke in Einzelhaft, zeitweise im berüchtigten Hochsicherheitsgefängnis Abu Salim. Er hatte eine winzige Zelle, 1,2 mal 2,2 Meter. Nur ein kleines Loch an der Decke ließ ein bisschen Licht rein und erlaubte einen Blick in den Himmel. Als die Wächter am 24. August 2011 ihren Dienst quittierten, floh VanDyke mit den anderen Gefangenen. Kurz darauf stieß er wieder zu den Aufständischen. Zu sehen, wie die Libyer kürzlich ihre ersten freien Wahlen abgehalten haben, habe ihm gezeigt, dass das richtig war, meint VanDyke.

Nun will er nach Syrien. Diesmal ist das keine persönliche Angelegenheit, vielmehr sieht er es als eine moralische Notwendigkeit. Jedes Volk soll frei sein, sein Schicksal selbst bestimmen können, meint VanDyke. Diesmal habe er keine Absicht zu kämpfen. Der beste Weg, ihnen zu helfen, sei ein Propaganda-Film. Dafür sammelt er Geld.

Im September geht es los

Den Film kann er auch ohne die Unterstützung der Kickstarter-Initiative drehen. Die Gelder sind da, bereitgestellt von amerikanischen und libyschen Sponsoren. Im September soll es losgehen. Dass Kickstarter sein Projekt gestrichen hat, freut ihn beinahe. „Das ist eigentlich die beste Werbung für meinen Film. Meine Unterstützer sind jetzt aufgebracht.“ Warum es zur Suspendierung gekommen ist, darüber kann er nur spekulieren. Kickstarter lehnte diesbezüglich gegenüber der FR eine Stellungnahme ab.

VanDyke hatte in der Heimat Probleme nach seinem Libyeneinsatz. Ihm wurde vorgeworfen, als Journalist in Libyen diese Rolle ausgenutzt zu haben. VanDyke dementiert das vehement. „Deshalb sage ich es jetzt ganz deutlich: Nach Syrien gehe ich nicht als Journalist oder als unbeteiligter Beobachter. Ich mache einen Film, um die syrischen Rebellen zu unterstützen.“ Wenn er gefangen genommen werde, wolle er keine Unterstützung aus der Heimat bekommen, sagt VanDyke. Er möchte wie jeder andere Kämpfer behandelt werden.

Mit Ché Guevara wird er verglichen, als einer, der von Revolution zu Revolution hüpft. VanDyke ist das egal. Tatsächlich ist der Vergleich kaum angebracht. Im Gegensatz zum Ché ist VanDyke kein Anführer. „Viele Kriegsveteranen haben mich in den letzten Monaten angeschrieben. Sie wollen mit mir nach Syrien gehen und gegen Assad kämpfen. Ich habe diese Anfragen alle abgelehnt.“ Eine Internationale Brigade wie im Spanischen Bürgerkrieg kann sich Matthew VanDyke unter seiner Leitung nicht vorstellen. „Ich bin kein Offizier. Ich kann nur die Verantwortung für mein eigenes Handeln tragen.“

Ob die Rebellen in Syrien tatsächlich seine Vision von einem demokratischen Land teilen? Er muss es hoffen. „Ich glaube aber kaum, dass sie die Revolution herschenken, sei es an Islamisten oder wen auch immer.“ Dass mittlerweile immer mehr Berichte über Kriegsverbrechen durch die Rebellen bekannt werden, wundert ihn nicht. „Wenn ich sowas sehe, würde ich sicherlich versuchen, es zu verhindern.“ Man könne aber eine Kultur, in der Folter und Grausamkeiten jahrzehntelang vorherrschen, nicht so schnell ändern. Das große Ziel, ein freies, demokratisches Syrien zu schaffen, steht für Matthew VanDyke im Vordergrund.

Ist das nun in Ordnung? Darf ein Journalist aus den USA in den Nahen Osten fahren und für eine Sache kämpfen, die ihn im Grunde nichts angeht? Verschwimmen da Grenzen, die eigentlich strikt getrennt bleiben sollten? In Matthew van Dykes Welt besteht daran kein Zweifel. Er sagt, er sei kein Aufrührer, der Menschen mit sich ins Verderben zieht. Mehr Schaden, als Syrien bisher schon erlitten hat, könne er ohnehin kaum anrichten. Und ein Träumer, der einer romantischen Vorstellung von Revolution anhängt, ist er nicht.

Zu viel Blut

Trotz des Glaubens an die Notwendigkeit seines Engagements bleibt er skeptisch, wenn es um den Erfolg der Revolution in Syrien geht. Ohne ein Eingreifen des Westens, sei es durch Bombenangriffe oder durch Waffenlieferungen an die Kämpfer, sei der Kampf kaum zu gewinnen. Allerdings meint VanDyke, dass auch die Assad-Unterstützer einsehen müssen, dass ein Syrien unter diesem Regime nicht mehr möglich ist. Wo sollen denn die Zehntausenden Flüchtlinge hin? Es ist zu viel Blut vergossen worden, um jetzt irgendwelche Reformen einzuleiten. Die Revolution wird weitergehen – bis zum Ende.“ Letzteres hat Ché Guevara auch gesagt. Geklappt hat es nicht.

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