Hat die Regierung jemals versucht, sich einzumischen?
Ständig, aber Tolo TV hat das nicht beeindruckt. Die Pressefreiheit ist gesetzlich festgeschrieben. Darauf haben wir uns berufen. Es gibt mittlerweile Sendungen, in denen über arrangierte Ehen und Gewalt gegen Frauen gesprochen wird. Es gibt Politmagazine, die Korruption aufdecken und Machtmissbrauch. Sie können uns nichts vorschreiben.
Wann ist das erste Mal eine Frau in "Afghan Star" aufgetreten?
Von Anfang an, schon in der ersten Staffel.
War das Teil des Konzepts?
Nein, jedenfalls nicht direkt. Es war einfach so, dass sich in der ersten Staffel zehn Frauen beworben haben, und die sind mit angetreten.
Wie viele Männer haben sich beworben?
In der ersten Staffel tausend, später viel mehr.
In dem Dokumentarfilm, der über Ihre Sendung gedreht wurde, sieht man wütende Männer, die Morddrohungen gegen eine Frau ausstoßen, die auf der Bühne unverschleiert tanzt. Wie haben Sie das empfunden?
Ich fand nichts Besonderes daran. Den Frommen war das natürlich ein Dorn im Auge und den militanten Gruppen, die haben versucht, unseren Sender zu stürmen. Aber so ist das nun mal, in jeder Gesellschaft, nicht nur in unserer. Irgendwelche Leute regen sich immer auf.
Spielen Sie das nicht ein wenig runter? Die Frau wurde immerhin aus der Show gewählt und aus ihrer Wohnung geworfen.
Man kann deshalb aber nicht gleich die ganze afghanische Gesellschaft verdammen. Sehen Sie mal eine Stunde afghanisches Fernsehen! Dort sieht man viele Frauen, auch Setara, die damals bei mir getanzt hat. Sie ist heute eine erfolgreiche Sängerin, sie tritt in Shows auf und gibt Konzerte.
Man hat das Gefühl, dass Sie Ihr Land unbedingt verteidigen wollen. Hat das damit zu tun, dass Sie es vor knapp einem Jahr verlassen haben?
Ich habe das Land zwar verlassen, aber ichwürde nie sagen, man kann dort nicht leben. Natürlich haben wir Sicherheitsprobleme, natürlich gibt es Selbstmordattentäter und immer noch die Taliban. Aber Afghanistan ist ein wunderschönes Land. Für die erste Staffel sind wir mit dem Bus rumgereist, um die Kandidaten für die Show auszuwählen. Es war wunderbar, es gibt Berge, Flüsse, und in jeder Region eine andere Kultur, andere Menschen, anderes Essen.
Warum sind Sie dann nach dem Sundance-Festival in den USA nicht mehr in Ihre Heimat zurückgekehrt?
Das war eine persönliche Entscheidung. In den letzten drei Jahren war es für mich immer schwieriger geworden, in Kabul zu leben und zu arbeiten. Fürs Casting konnten wir nicht mehr mit dem Bus durchs Land fahren, sondern mussten aufs Flugzeug umsteigen. Es war einfach zu gefährlich. Der Sender war abgeriegelt wie ein Hochsicherheitstrakt. Jeder Besucher wurde durchsucht und abgetastet. Es gab Morddrohungen gegen mich. Ich habe einfach die Hoffnung verloren und gefürchtet, dass die Taliban wieder an die Macht kommen und wir das Land an sie verlieren. Früher, als ich noch nicht so bekannt war, war es leicht für mich, mit den Taliban zu leben, Videos zu schmuggeln, Deals zu machen, ohne erwischt zu werden. Aber jetzt ist es anders.
Wann haben Sie entschieden, das Rückflugticket verfallen zu lassen?
Als ich in Salt Lake City war und dort das erste Mal den Dokumentarfilm über unsere Show gesehen habe. Ich sage in diesem Film, dass ich mich nicht von der Taliban erpressen lasse, dass ich keine Angst habe, dass die Taliban am Ende sind. Ich wusste gar nicht mehr, dass ich das alles gesagt hatte. Ich habe mich selbst nicht wieder erkannt.
Das klingt ja so, als wären Sie von Ihrer eigenen Courage richtig überrascht gewesen?
Überrascht war ich nicht. Es war eher so, dass ich in dieser Situation, auf diesem Festival, in diesem anderen Land, plötzlich mein Leben aus einer anderen Perspektive gesehen habe. Der Film über unsere Show war sehr erfolgreich. Er hat zwei Preise gewonnen. Ich stand auf der Bühne, ich wurde gefeiert und gleichzeitig habe ich daran gedacht, was ich über die Taliban gesagt habe und was das für Konsequenzen haben wird. In Afghanistan bin ich als Moderator einer Unterhaltungsshow bekannt, nicht als politischer Mensch.
Sie leben jetzt bald ein Jahr in den USA. Wie geht es Ihnen dort?
Ich habe eine gute Arbeit, ein gutes Leben, ich habe alles, was ich brauche, aber ich bin unglücklich. Ich vermisse meine Familie, meine Freunde, mein Publikum. Und ich habe das Gefühl, dass es hier für mich nichts zu tun gibt. In Afghanistan war ich ein Rebell. Ich konnte Menschen helfen. Aber hier, hier ist alles schon fertig.
Bereuen Sie es inzwischen, in den USA geblieben zu sein?
Ja und nein. Ich versuche, von hier aus die Verbindung zu meinem Land zu halten. Ich arbeite jetzt bei dem Radiosender "Voice of America", das ist so was wie die Deutsche Welle, ein amerikanischer Sender, der in Afghanistan zu empfangen ist. Ich habe eine Sendung für Jugendliche. Ich versuche, ihnen bei ihren Problemen zu helfen. Ich mache das nicht für meinen Ruhm. Ruhm brauche ich nicht mehr. Im Gegenteil. Es ist angenehm, unerkannt die Straße lang zu laufen und in irgendein Restaurant gehen zu können, ein ganz normales Leben zu führen. Das ist schön, aber glücklich macht es mich nicht.
(Interview: Anja Reich)
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