Herr Sediqi, kennen Sie eigentlich Dieter Bohlen?
Ja, natürlich, der von "Modern Talking", den kenne ich bestimmt seit 1990. Die Songs sind sehr populär in Afghanistan. You´re my heart, you´re my soul. Ein wunderschönes Lied.
Daoud Sediqi ist der Gründer von "Afghan Star" im afghanischen Privatfernsehen. Von 2004 bis 2008 moderierte er die Sendung. Ein britisches Filmteam drehte über ihn und seine Show einen Dokumentarfilm unter dem Titel "Afghan Star".
Seit 2009 lebt Sediqi in den USA. Nach seinem Auftritt auf dem Sundance-Filmfestival in Salt Lake City, wo der Film einen Preis gewonnen hatte, war er nicht mehr in seine Heimat zurückgekehrt und hat jetzt dort Einreiseverbot.
Haben Sie Dieter Bohlen auch als Jurymitglied bei "Deutschland sucht den Superstar" gesehen?
Ja, auf der Deutschen Welle konnte ich ihn sehen. Das hat er sehr gut gemacht.
Sie waren Moderator der Sendung "Afghan Star", dem afghanischen Pendant zu "Deutschland sucht den Superstar". Haben Sie gegenüber den Kandidaten auch so fiese Kommentare gemacht wie Bohlen?
So was habe ich nie gemacht, ich war vielleicht manchmal streng, wenn die Kandidaten Fehler gemacht haben, aber nie ausfallend. Das können wir uns in einem Land wie Afghanistan nicht leisten, wo Menschen sich sehr schnell in ihrer Ehre verletzt fühlen und sich alle sowieso ständig bekriegen. Wir sind stolz darauf, mit unserer Show Menschen zusammengeführt zu haben. Männer und Frauen, verschiedene ethnische Minderheiten.
War das ein Grund, die Sendung ins Leben zu rufen?
Nein, ganz und gar nicht. Ich bin kein besonders politischer Mensch. Ich hatte auch gar keine Ahnung, dass die Sendung so beliebt werden würde und so folgenreich, auch politisch. Ich wollte einfach was mit Musik machen und die Leute ein bisschen unterhalten.
Wissen Sie noch, wann Sie das erste Mal ferngesehen haben?
Wenn ich mich recht entsinne, hatten wir zu Hause immer schon einen Fernseher, auch als die Taliban an der Macht waren, die Fernsehen und Musik und Filme verboten hatten. Glücklicherweise hatten wir aber eine Satellitenantenne zu Hause, die wir nachts heimlich im Garten aufgestellt haben. So konnten wir BBC, CNN, Fox News, Discovery, National Geographic und verschiedene indische Kanäle sehen. Ich wusste immer, was in der westlichen Welt los ist, ich habe sogar die Ereignisse vom 11. September am Fernseher verfolgt. Das Fernsehen war mein Fenster zur Welt, und es war für mich schon immer eine gute Einnahmequelle.
Weil Sie damals unter den Taliban heimlich mit Fernsehern gehandelt haben?
Genau. Ich war eigentlich Medizinstudent an der Universität in Kabul, aber um meiner Familie unter die Arme zu greifen, habe ich im Keller unseres Hauses Fernseher und Antennen repariert und verkauft. Wenn Leute Probleme hatten, wenn ihr Gerät kaputt war oder sie einen Sender nicht einstellen konnten, kamen sie zu mir. Ich habe auch Videos kopiert und Musik aufgenommen. Mit meinem Musikarchiv konnte ich später das Programm des ersten privaten Radiosenders füllen.
Was hatten Sie für Musik in Ihrem Archiv, außer Modern Talking?
Vor allem afghanische Volkslieder und indische Musik.
Und was für Filme haben Sie unter den Taliban heimlich gesehen?
Alle möglichen, "Titanic" hab ich fünfmal gesehen. Es gab in Kabul ein Geschäft, das "Titanic" hieß, meine Freunde und ich haben immer so getan, als ob wir über den Laden reden und nicht über den Film.
Wie sind Sie dann selbst ins Fernsehen gekommen?
Übers Radio. Im Jahr 2003 wurde der erste private Radiomusiksender in Afghanistan gegründet. Wir konnten es gar nicht glauben, ein Sender, auf dem nichts anderes als Musik lief, und zwischendurch gaben ein Mann und eine Frau ein paar Kommentare ab. Ich wollte unbedingt mitmachen und habe beim Sender angerufen und gesagt, dass ich ein Musikarchiv habe und viel über Musik weiß.
Und?
Sie haben mich eingeladen und mir eine Woche Probezeit gegeben. Ich bestand und hatte bald darauf meine erste Sendung.
Haben Sie einfach Musik aus Ihrem Archiv gespielt?
In meiner ersten Sendung ging es um den afghanischen Sänger Ahmad Zahir, der von den Kommunisten umgebracht worden war, weil er kritische Lieder gesungen hat. Er ist der berühmteste afghanische Sänger, unser Elvis. Außerdem habe ich eine sechsstündige Morgenshow moderiert und damit wurde ich schnell bekannt. Nach ein paar Monaten fragte mich mein Chef, ob ich mir so was auch fürs Fernsehen vorstellen kann. Es war die Zeit, als Tolo TV gegründet wurde.
Tolo TV war der erste private Fernsehsender Afghanistans?
Ja. Er wurde von zwei Brüdern gegründet, die im australischen Exil zu Geld gekommen und nach dem Sturz der Taliban nach Afghanistan zurückgekehrt waren. Sie brauchten jeden bei Tolo TV und jeder hat alles gemacht. Wir waren wie eine große Familie. Wir haben alles selbst aufgebaut, unseren eigenen Sender. Ich habe sechzehn Stunden am Tag gearbeitet, auch an Feiertagen. Ich habe mich um die Technik gekümmert und gleichzeitig moderiert, ein Filmmagazin, eine Quizshow und eine Sportsendung.
War es Ihre Idee, "Afghan Star" ins Leben zu rufen?
Nach einem halben Jahr war der Sender halbwegs aufgebaut, und wir haben über Formate und Ideen diskutiert. Ich habe gesagt, ich würde gerne eine Musiksendung machen, so was wie "American Idol", aber mit afghanischer Volksmusik. Ich hatte natürlich keine Ahnung, was diese Show für Wellen schlagen würde, dass irgendwann Millionen Zuschauer vorm Fernseher sitzen werden. Die Sendung lief Freitagabend, und am Samstag danach sprach das ganze Land über nichts anderes. Nach all den schrecklichen Dingen, die die Menschen erlebt hatten, konnten sie endlich wieder Spaß haben. Und auf wundersame Weise hat "Afghan Star" die Menschen vereint. Ethnische Volksgruppen sind friedlich gegeneinander angetreten und saßen zusammen im Publikum. Hazara, Paschtunen, Pashai. Das wäre früher nie denkbar gewesen.
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