So schnell können sich Aktionäre an einen neuen Namen in der Chef-Etage eines Weltkonzerns gewöhnen. Vor wenigen Tagen noch sorgte die bloße Erwähnung von Tim Cook, der in Abwesenheit des erkrankten charismatischen Apple-Chefs Steve Jobs die Geschäfte des Elektronik-Multis führt, für einen Einbruch der Aktie an der Börse. Doch längst haben sich alle an die Personalrochade gewöhnt.
Geholfen hat da sicher das Rekord-Weihnachtsquartal mit einem Gewinn von 4,5 Milliarden Euro, den Apple nach dem Jobs-Schock verkündete. Vielleicht erinnerte sich mancher auch daran, dass Cook, längst als designierter Nachfolger des amtierenden CEO gehandelt, in der Vergangenheit keinen ganz schlechten Job gemacht hat – zwei Mal auch als Ersatzmann des kranken Jobs. Freilich würde man sich, bliebe Cook auf Dauer an der Spitze, nicht nur an einen neuen Namen gewöhnen müssen. Es wäre auch das Ende der Spaßkultur bei Apple.
Auf die mit pointiertem Witz und Selbstironie garnierten Shows, die der geborene Entertainer Jobs bei der Präsentation seiner Produktinnovationen bot, werden die Fans der Marke jedenfalls vorerst verzichten müssen. Denn Stellvertreter Cook versteht, glaubt man seinen Mitarbeitern, fast alles – nur keinen Spaß.
Cook räumte den Laden auf
Bei einigen wenigen Präsentationen durfte Cook, zuständig fürs operative Geschäft, schon mal ran. Da erlebte man einen grauhaarigen Endvierziger, schwarzes Sakko überm dunklen Hemd, die Hände meist vor der Brust gefaltet wie ein etwas beklemmter Laienprediger. Mit ernster Miene und sonorem Bass erläuterte er dann Vorgänge wie den, dass es eine neue, faszinierende Kooperation zwischen dem iPhone-Hersteller Apple und dem US-Kommunikations-Unternehmen Verizon gebe, und dass das ja nur der Anfang einer großartigen Partnerschaft sei. Viel dröger geht es kaum.
Tim Cook, 50, geboren im US-Bundesstaat Alabama, ist beim US-Elektronikkonzern Apple Inc. für das Operative Geschäft zuständig. Er überwacht vor allem die Verkäufe, den Service und die Verhandlungen mit Geschäftspartnern aus der Computer- und Telekommunikationsbranche.
Der studierte Ingenieur hat den Firmenboss Steve Jobs bereits zwei Mal vertreten, während dieser in ärztlicher Behandlung war. 2004 kämpfte Jobs mit einer Krebserkrankung, 2009 wurde ihm eine neue Leber transplantiert. Mitte vergangener Woche nahm er sich erneut eine Auszeit wegen gesundheitlicher Probleme. two
Wenn Steve Jobs als von Charisma beseelter „Hohepriester des Tempels von Techno-Cool“ beschrieben wurde (wie im US-Magazin Time), dann wirkt Cook neben ihm wie ein humorloser protestantischer Landpfarrer. Was die Wenigen, die ihn kennen, über den Manager zu sagen haben, ergibt vor allem das Bild eines Arbeitstieres, das sich kaum private Seiten gönnt – oder sie sehr geschickt verbirgt.
1998 stieg er bei Apple ein, mit zwölf Jahren Erfahrung beim Konkurrenten IBM. Damals war Apple tief in den roten Zahlen. Eine teure Edel-Marke mit schickem Produktdesign, aber kein ernsthafter Konkurrent für Giganten wie Microsoft. Während der kreative Jobs, den Apple-Jünger für einen Gott halten, an Neuheiten wie dem iPod und dem iPhone tüftelte, räumte Cook den Laden auf. Er lagerte die Produktion aus, verringerte den Warenbestand; ein zentraler Kostenfaktor in einem Unternehmen, das von Innovationen und raschen Updates lebt. Und er zog ständig neue Verantwortlichkeiten an sich. 2005 ernannte ihn Jobs zum Chief Operating Officer. Was bedeutet, dass Cook heute zum Beispiel das weltweite iPhone-Geschäft überwacht und dabei mit Telekommunikations-Firmen in 51 Ländern verhandeln muss. Er verhandelt gern und hart.
Im Fortune Magazine berichten Ex-Kollegen von Cooks gefürchtetem Arbeitspensum. Demnach schickt er die ersten Mails um halb fünf in der Frühe, damit sich die Mitarbeiter schon mal auf die ersten Meetings vorbereiten können. Die Arbeitswoche beginnt am Sonntagabend, wenn er per Telefon mit dem mittleren Management konferiert. Und in den Meetings kann er schon mal brutal werden. „Ich habe erlebt, wie er Leute auseinandergenommen hat“, sagt ein Ex-Kollege. „Er fragt dich Dinge, von denen er weiß, dass du sie nicht beantworten kannst. Und dann macht er weiter und weiter. Es ist nicht lustig.“
Junggeselle wohnt zur Miete
Aber erfolgreich. Die Zahlen über das jüngste Geschäftsjahr überraschten selbst die kühnsten Analysten. Niemand hatte das erwartet: Im vergangenen Quartal stieg der Nettogewinn um 78 Prozent, das sind satte 6,43 Dollar pro Apple-Aktie. 7,3 Millionen verkaufte iPads trugen dazu bei. Es klingt angesichts dieser Zahlen nicht vermessen, wenn US-Medien Cook gerne als „das Genie hinter Steve“ bezeichnen.
Von all diesem Geld streicht Cook selbst einiges ein. Der heute 50-Jährige soll 2010 mehr als 44 Millionen Euro verdient haben. 600 000 Euro Jahresgehalt bezieht Cook laut Forbes-Liste, dazu mehrere Millionen Bonus. Mehr als 38 Millionen sollen seine Aktien wert sein, die er bekam. Was er mit all dem Geld macht, er lässt es die Welt nicht wissen.
Für Barack Obamas Kampagne soll Cook gespendet haben. Einiges dürfte auch an seinen alten Studienort fließen, die Universität in Auburn. Ein Gebäudeflügel ist dort nicht nach dem Gönner benannt. „Sagen wir einfach, es gibt eine Menge Ehemaliger, die eine sichtbare Anerkennung wünschen“, sagte die Schulleiterin im Fortune Magazin, „er gehört nicht dazu.“ Cook wohnt zur Miete, ist Junggeselle, fährt in der Freizeit Fahrrad, futtert mit Vorliebe Energie-Riegel – das ist so ziemlich alles, was die Medien über sein Leben außerhalb von Apple zu berichten wissen.
Und dann ist da noch Cooks Schreibtisch. Ein Foto von Bob Dylan, seinem Lieblingssänger, soll darauf stehen. Und eins von Robert Kennedy. Der wird bis heute von vielen als der große Mann im Schatten seines Bruders wahrgenommen. Als die Nummer 2 im Staate, einer, der sicher und unaufgeregt die Geschäfte führte, der wichtigste politische Berater seines Präsidenten. Er schaue zu Bobby Kennedy auf, soll Cook einem Vertrauten gesagt haben. Er schätze ihn als jemanden, „der die Menschen liebte und sie aufbaute“ und „dem es genügte, im Schatten seines Bruders zu stehen und das Richtige zu tun“.
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