Es kommt immer wieder vor, dass man ihr Alter einfach vergisst. Wenn ihre Augen so strahlend jung aufleuchten, sie mit solcher Hingabe lacht, dann meint man, sie müsse im nächsten Moment aufspringen und herumwirbeln. Doch da machen die Beine nicht mit. Am Mittwoch wird Ellis Kaut, die Mutter des Pumuckl, 90. Sie kann es selbst nicht fassen. „Es ist eigentlich eine Frechheit vom Leben, mich so alt zu machen!“ Sie klingt entrüstet. „90 wird der Herr Meier. Ich doch nicht!“
Manchmal reißt ein Gedankenfaden. Das ärgert sie. Altwerden, nein, das sei kein Vergnügen, jedoch, versichert sie, überaus interessant. Was das Gehirn so alles anstellt, welche Streiche es spielt. Es gibt wahrscheinlich nicht viele, die diese Prozesse an sich mit dieser Neugierde beobachten. Vielleicht ist es ja das, was Ellis Kaut glücklich macht – diese nimmermüde Wissbegierde.
An den Wänden ihrer Münchener Wohnung hängen Blumenstillleben und Aquarelle von ihr. Auf einem Bild über dem Sofa steht ein Elefant in einem wundersamen chagallbunten Tiergarten. Und Pumuckl? Hockt mit blankem Popo auf einer Zeichnung an der Toilettentür, sitzt im Wohnzimmer neben einem Stapel seiner Hörbücher, hat sogar ein eigenes Zimmer, das „Pumuckl-Zimmer“. In dem entstanden all die Geschichten vom Winzling mit dem feuerroten Haar, der gegen die Selbstverständlichkeiten der Erwachsenenwelt mit koboldischer Logik aufbegehrt.
Ellis Kaut war noch ein Kind, da kletterten ihre Träume bereits über die Mauern des Machbaren. „Weltberühmt“ wollte das Lieserl werden, eine Heilige, zumindest Klaviervirtuosin. In einem „stocksoliden“ katholischen Elternhaus in München wuchs sie auf, schwärmt von ihrem Vater. An Samstagen zogen beide einst los, eine Tante besuchen, was nur eine Ausrede für die Mama war. Tatsächlich gingen sie ins Hofbräuhaus, er trank sein Bier, sie schnitt Schlösser aus Bastelbögen aus. Wer sie erzählen hört, weiß, dass es kein vollkommeneres Kinderglück geben kann.
“Grüß Gott, da bin ich“
„Mein Vater war meine große Liebe“, sagt sie. Viel von ihm ist in die Figur des Meister Eder geflossen, in dessen Werkstatt der Kobold eines Tages am Leim klebte, sichtbar wurde und blieb. Und der Vater war es wohl, von dem sie dieses unbekümmerte Selbstvertrauen hat, überall hinzugehen und zu sagen: „Grüß Gott, da bin ich“. Sie stellte sich mit 16 völlig unvorbereitet bei einer Schauspielschule vor, radelte später mit einer Gipsfigur in die Kunstakademie und erklärte dem verblüfften Professor, sie wolle seine Schülerin werden. Dass sie überall angenommen wurde, verdankt sie ihrem universellen Talent.
Wenn sie sich etwas wünschte, ließ sie es wahr werden. „Heute bin ich dem Mann begegnet, den ich heiraten werde“, teilte sie der fassungslosen Mutter mit, da hatte sie den Schriftsteller Kurt Preis gerade zum ersten Mal gesehen. Sie ließ sich ein Hochzeitskleid nähen, während er als Soldat im Krieg war, nicht ahnend, dass sie 1939 noch heiraten würden. Bis zu seinem Tod hat sie nie daran gezweifelt, dass allein er der Richtige für sie war. Preis half auch bei der Geburt ihrer berühmtesten Figur. Es war ein Spaziergang im Winter, sie schüttelte den Schnee aus den Zweigen auf ihn herab, er rief: „Ein Pumuckl bist du!“
„Weißt“, hat einmal der Schauspieler Willi Cronauer zu ihr gesagt, „du bist eine Traumwandlerin. Du bist immer irgendwo auf dem Dach droben und fallst nicht runter.“ „Schon verrückt“, sagt sie. „Ich bin eigentlich mein Leben lang nicht runtergefallen.“
Der Pumuckl hat Kaut internationalen Erfolg beschert: Auch in China oder Japan kennt man die Geschichten. Die Schriftstellerin wurde unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Bayerischen Verdienstorden geehrt.
Im Fernsehen sind alte Folgen der Pumuckl-Serie quer durchs Jahr in der ARD zu sehen. Silvester ist im Ersten sogar ein ganzer Pumuckl-Vormittag eingeplant.
Zum Geburtstag von Kaut zeigt das Bayerische Fernsehen heute um 17 Uhr ein Porträt aus dem Jahr 2006. dapd
Sie war schon 41, als sie 1961 für den Hörfunk, wo sie als Sprecherin und Autorin arbeitete, den Kobold, der so gern dichtet, erfand. Die Reime sind ihr nicht zugeflogen, das Schreiben, das fiel ihr stets am schwersten. Früher störte es sie auch, dass man in ihr nur die Pumuckl-Mama sieht. Dabei hat sie auch den Kater Musch, Flibutz und den Schlupp vom grünen Stern erschaffen, war Malerin, Bildhauerin und wurde als Fotografin ausgezeichnet.
Heute freut sie sich, wenn ihr wildfremde Menschen Pumuckl-Gedichte aufsagen. Als Titel für ihre 2009 erschienene Biografie wählte sie einen seiner Sprüche: „Nur ich sag ich zu mir.“ Pumuckl und Ellis Kaut, „wir zwei“, glaubt sie, „haben viel gemeinsam“. Die Frechheit, den staunenden Blick auf die Welt, den Dickkopf. Beide könnten schäumen vor Wut, sie aber, betont sie, sei nicht nachtragend. So mag sie nicht mehr über den Prozess gegen die Pumuckl-Illustratorin Barbara von Johnson reden, sie wollte ihr verbieten, dem Kobold eine „Pumuckeline“ als Freundin anzudichten. Auch Elfen, schreibt sie in ihrer Biografie, hätten kein Elferiche, das Schlossgespenst keine Gespenstin. Kaut hat den Prozess verloren. Doch Schluss, aus, kein Wort mehr darüber. „Es wäre dumm, mir das bisserl Zeit, das mir noch bleibt, mit Ärger zu verderben.“
Überraschung von Gott
Sie mag noch nicht gehen, dafür liebt sie das Leben zu sehr. Und doch ist sie „neugierig, was kommt. Wenn wieder eine Bekannte beerdigt wird, denke ich mit einem Anflug von Neid: Die weiß es jetzt.“ Sie glaubt nicht an Gott. Nur, fügt sie hinzu, es gebe ja keine Gewissheit. „Vielleicht erlebe ich eine große Überraschung und steh plötzlich vor der Himmelspforte.“
Zuvor wird gefeiert, mit der Tochter, den 90., kein rauschendes Fest, bloß ein schönes Essen mit ein paar Menschen, die ihr lieb sind. „Mei, und am nächsten Morgen bin ich dann halt 69. Jessas!“, ruft sie und schüttet sich aus vor Lachen. „Was rede ich denn da. Ich lüge ja wie gedruckt!“
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