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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

05. Oktober 2009

Debatte: Der anmaßende Papst

 Von Alan Posener
Papst Benedikt XVI. gibt beängstigende Antworten, findet Alan Posener.  Foto: afp

Benedikt XVI. hat ein gebrochenes Verhältnis zur Demokratie, stellt die Aufklärung in Frage und stärkt dem fundamentalistischen Islam den Rücken. Eine Generalkritik von Alan Posener.

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Der Autor

Alan Posener ist britisch-deutscher Schriftsteller und Publizist vieler Bücher. Er wurde 1949 in London geboren und wuchs in England, Malaysia und Deutschland auf.

Unser Beitrag ist ein bearbeiteter Auszug aus Alan Poseners Buch "Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft", Ullstein Verlag, Berlin, 269 Seiten, 18 Euro.

"Die Kirche gehört in die Welt wie das Schiff ins Wasser. Aber die Welt gehört ebenso wenig in die Kirche wie das Wasser ins Schiff", pflegte der Pfarrer zu sagen, bei dem ich evangelischen Religionsunterricht genoss. Der Spruch ist natürlich eine ungeheure Anmaßung. Und niemand verkörpert diese Anmaßung besser als Joseph Ratzinger, der über "Gott und die Welt" - so der Titel eines seiner Bestseller - nicht nur eine Meinung hat, sondern das letzte Wort sprechen zu dürfen glaubt: zu Demokratie und Kapitalismus, Vernunft und Aufklärung, Naturwissenschaft und Evolution, Nationalsozialismus und Holocaust; zum Islam, zur Rolle der Frau, zur Homosexualität und zum richtigen Gebrauch von Kondomen. Diese Dinge gehen nicht nur Theologen an, und auch nicht nur Katholiken.

Die Ansichten des Papstes ergeben ein Programm: die intellektuelle Blaupause einer geistig-moralischen Wende, die seine Anhänger als "benedettinische Wende" bejubeln. Sie bedeutet: Abkehr von der Moderne, Rollback der Aufklärung, Einschränkung der Demokratie, Abschied vom wissenschaftlichen Denken, Schluss mit der Emanzipation der Frau und der sexuellen Selbstbestimmung. Sie bedeutet eine Umdeutung der Geschichte und eine Umwertung aller Werte. Sie hat letzten Endes mit dem fundamentalistischen Islam mehr gemeinsam als mit der säkularen Gesellschaft Europas. Papst Benedikts Kreuzzug bedeutet die Verneinung von allem, was den Westen bei aller Unzulänglichkeit zur liebens- und lebenswertesten Gesellschaft macht, die unser Planet bislang gekannt hat.

Ist das nicht übertrieben? Betrachten wir etwa, wie Benedikt XVI. die Geschichte seiner Kirche umdeutet. In seiner berühmten "Regensburger Rede" vom 12. September 2006 kritisierte Benedikt mit den Worten des byzantinischen Kaisers Manuel II. Paleologos den Islam, weil er den Glauben mit Gewalt verbreite. Das sei unvernünftig und deshalb dem Wesen Gottes zuwider. Das Toleranzgebot in der zweiten Sure des Korans erklärte Benedikt dabei durchaus zynisch mit Mohammeds Machtlosigkeit zur Zeit der Abfassung. Doch auch das von ihm zitierte Plädoyer des christlichen Kaisers für Toleranz wird aus einer Position der Machtlosigkeit vorgetragen. Die zynische Lehre könnte lauten, dass Muslime und Christen gern für Toleranz plädieren, solange sie machtlos sind. Bekommen sie aber Macht, hat es die Toleranz erheblich schwerer. Die Ablehnung des Schwerts zur Verbreitung der Religion fällt weniger eindeutig aus, wenn das siegreiche Schwert von der eigenen Hand geschwungen wird.

"Interessante" Rechtfertigung

Von den Kreuzrittern wollen wir hier ausnahmsweise nicht reden. Reden wir lieber von den katholischen Conquistadoren. Dass die Eroberung Südamerikas nicht nur mit der physischen Liquidierung eines Großteils der einheimischen Bevölkerung durch eingeschleppte Krankheiten, Sklavenarbeit und Mord, sondern auch mit einem kulturellen Genozid einherging, war schon damals moralisch empfindlicheren Gemütern klar und dürfte heute unter zivilisierten Menschen unumstritten sein. Benedikt aber sind solche Erwägungen ganz und gar gleichgültig: "Welche Bedeutung hatte aber die Annahme des christlichen Glaubens für die Länder Lateinamerikas und der Karibik?", fragte der Papst bei der Eröffnung der Generalkonferenz der lateinamerikanischen Bischöfe am 13. Mai 2007. "Es bedeutete für sie, Christus kennenzulernen und anzunehmen, Christus, den unbekannten Gott, den ihre Vorfahren, ohne es zu wissen, in ihren reichen religiösen Traditionen suchten. Christus war der Erlöser, nach dem sie sich im Stillen sehnten."

Dass die Azteken, Inka, Maya und die anderen Ureinwohner des Kontinents in ihren Religionen, "ohne es zu wissen", den Katholizismus gesucht und sich "im Stillen" nach ihm gesehnt hätten, ist eine - sagen wir - interessante Rechtfertigung für die Ausbreitung der Religion mit Gewalt. So hätten sich die europäischen Eroberer Amerikas durchaus im Einklang mit jener "Vernunft" befunden, die Benedikt in Regensburg dem islamischen Dschihad zu Recht absprach. Anders gesagt: Wenn Nichtchristen christliche Länder mit Gewalt erobern, ist das laut Benedikt wider die Vernunft; wenn aber Christen nichtchristliche Länder mit Gewalt erobern, ist das laut Benedikt vernunftgemäß, weil sich deren Völker ohnehin unbewusst nach der Wahrheit des Christentums sehnen. Mit solcher Dialektik lässt sich freilich bald jede Schurkerei im Namen des Glaubens rechtfertigen.

War also laut Benedikt - auch nachträglich betrachtet - der Dschihad zur Ausbreitung des Christentums in Südamerika mit Feuer und Schwert in Ordnung, was ja den von ihm postulierten Gegensatz zum Islam doch stark relativiert, so weiß er sich andererseits mit den heutigen Vertretern eines intoleranten Islam einig in der Abwehr des Rechts auf Religionskritik. Zwei Tage vor seiner Regensburger Rede meinte er bei einer Predigt in München, die "Verspottung des Heiligen" sei kein "Freiheitsrecht" und "nicht die Art von Toleranz, die wir alle wünschen". Wobei gegebenenfalls die Dunkelmänner entscheiden, wie eng die Grenzen der Toleranz, "die wir wünschen", gezogen werden, und der fanatisierte Pöbel beschließt, wo das Recht der freien Rede aufhört und die "Verspottung des Heiligen" beginnt, wie Benedikt an den Reaktionen auf seine Regensburger Rede bald selbst erschrocken merken wird.

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