Dass Johannnes Paul II. und nach ihm auch Benedikt XVI. der wildgewordenen Freiheit eines kalten Manchesterkapitalismus die Sozialverpflichtung des Eigentums entgegen gehalten haben, verrät beste demokratische Haltung, es störte freilich die Siegesfeiern der Marktliberalen. Das alles entspringt einer zutiefst antifundamentalistischen Position Ratzingers: "Die Kirche darf sich nicht selbst zum Staat erheben oder als Machtorgan in ihm oder über ihn wirken wollen. Dann macht sie sich selbst zum Staat und bildet so den absoluten Staat, den sie gerade ausschließen soll" (Ratzinger 1992). Kein Wunder daher, dass es der Konzilsberater und Professor Ratzinger war, der die Konzilserklärung über die Religionsfreiheit, die den Piusbrüdern noch heute ein Gräuel ist, 1966 begeistert begrüßte und die Tatsache, dass die Kirche erst so spät auf diesen Trichter gekommen ist, "beschämend" nannte: "Gewalt, die für den Glauben angewandt wird, verwundet am Ende niemanden tiefer als eben diesen Glauben selbst."
Ideologische Texte sind deswegen so langweilig, weil von vorneherein klar ist, was herauskommt. Es ist schon ein Kunststück, über den Theologen Ratzinger zu schreiben, und offensichtlich seine Theologie, die Posener "Aldi-Theologie" nennt, nicht zu kennen. Presseartikel, persönliche Mitteilungen und Internetfunde müssen den Mangel an Substanz kompensieren. Im Ergebnis wirft Posener dem Papst in immer neuen Anläufen vor, wirklich an einen Schöpfergott zu glauben, an Jesus Christus als Gottes Sohn - und daraus die logischen Konsequenzen zu ziehen. So etwas ist intellektuell nicht sehr ergiebig. So wird man bei Alan Posener Zeuge eines Phänomens, das man von jedem Ideologen kennt, wenn er Menschen betrachtet, die anderer Auffassung sind: Je näher er Ratzinger gekommen sei, "desto kleiner wurde er", sagt Posener. Quod erat demonstrandum. Hellsichtig hat Friedrich Nietzsche die Alan Poseners vorausgesehen: "Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Man ist klug und weiß alles, was geschehen ist: So hat man kein Ende zu spotten."
Wenn Alan Posener im universalen Wahrheitsanspruch des Christentums nichts anderes als "eine ungeheure Anmaßung" zu sehen vermag, ist das ein Rückfall hinter die Paulskirchenrede von Jürgen Habermas aus dem Jahre 2001, die empfahl, den religiösen Bürger im säkularen Staat als religiösen Bürger ernstzunehmen. Poseners Eifern, das immer wieder mit der Formel operiert, "alle sehen es so...; ich aber sage euch...", hinterlässt beim gutwilligen Leser eine tiefe Beklemmung darüber, was missionarischer Atheismus bei einem originellen Journalisten so alles anrichten kann.
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