Alan Posener war als Publizist immer unberechenbar. Das machte seine Beiträge oft anregend und aufregend. Doch seit zwei Jahren ist etwas anders. Alan Posener hat sich bekehrt.
Es war wahrscheinlich die wohlkalkulierte missionarische Aufforderung Richard Dawkins´ in dessen Buch "Der Gotteswahn", dass Unentschiedenheit Feigheit sei und man sich tapfer als Atheist bekennen müsse, die Posener ins Herz getroffen hat. Seitdem ist der ehemals kritische Freigeist, der auch ein gut recherchiertes Buch über Maria geschrieben hatte, nicht mehr wiederzuerkennen. Alan Posener ist berechenbar geworden. Während Peter Sloterdijk vom "Fall des Biologen Richard Dawkins" spricht, dessen Buch "der unvergänglichen Seichtheit des angelsächsischen Atheismus ein Denkmal setzt", bejubelte Posener dieses Pamphlet mit allen Ausdrücken des Entzückens. Das Problematische an Dawkins´ Position ist, dass er den religiösen Fundamentalismen, die unsere Welt bereits gefährlich genug gemacht haben, einen eifernden atheistischen Fundamentalismus hinzufügt und jede andere Auffassung entweder als lächerlich, böswillig oder geistesgestört hinstellt.
Manfred Lütz ist Arzt, katholischer Theologe und Schriftsteller. Zuletzt erschien sein Buch "Gott. Eine kleine Geschichte des Größten".
Sein Beitrag ist die Antwort auf den papstkritischen Artikel von Alan Posener "Der anmaßende Papst", der am Dienstag, 6. Oktober, in der Frankfurter Rundschau erschienen ist.
Es war zu erwarten, dass sein neuer Jünger Alan Posener alsbald seine Anhängerschaft an den großen Meister mit einem besonderen Husarenstreich unter Beweis stellen würde. Und es war auch klar, wem Posener beweisen musste, dass er lächerlich, böswillig oder geistesgestört sei: dem Papst natürlich. Nun gibt es dabei ein Problem. Benedikt XVI. ist einer der großen Intellektuellen unserer Zeit. Selbst seine erbittertsten Gegner bestreiten nicht seine Brillanz, und es ist kaum anzunehmen, dass im laizistischen Frankreich die Académie française ohne Not einen Schwachkopf in ihre Reihen beriefe - noch vor dessen Erhebung zum Papst.
So wenige Zensuren verhängt wie kaum ein Vorgänger
Hinzu kommt, dass die persönliche Liebenswürdigkeit des Joseph Ratzinger von seinen Kritikern als Grund dafür genannt wird, dass er aus ihrer Sicht nötige harte Personalentscheidungen nicht trifft. Schon als Präfekt der Glaubenskongregation hat er so wenige Zensuren verhängt wie kaum einer seiner Vorgänger. Macht ist ihm, ganz entgegen seinem früheren Image, eine eher fremde Kategorie. Dem Professor, dem Kardinal und dem Papst war das scharfsinnige Argument das vertraute Mittel auf dem Weg zur Wahrheit. Vor allem ist er ein Mensch, der sich bemüht, echt und damit existenziell zu reden, was ihn den Inquisitoren der Political Correctness verdächtig macht. Daher war der "Panzerkardinal" für Kenner eine kabarettreife Karikatur. Die "Veränderung", die viele an Joseph Ratzinger wahrzunehmen glaubten, nachdem er Papst geworden war, war ein Medieneffekt. So liebenswürdig wie der 79 Jahre alte Papst war schon der Kardinal mit 78. Um ihn nun aber dennoch seinem inneren Auftrag gemäß als lächerlich, böswillig und geistesgestört darzustellen, bleibt Posener nichts anderes übrig, als den "Panzerkardinal" wiederaufleben zu lassen.
Seine Argumentation wimmelt denn auch von allerlei Skurrilitäten. Die atheistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts verharmlost Posener als "Ausnahmeerscheinungen". Moral sei "wie ein Gerät" da. Von einer "Dialektik der Aufklärung" scheint er nie etwas gehört oder alles plötzlich wieder vergessen zu haben. Wer das Pech hat, dass Ratzinger sich auf ihn beruft, wird nicht argumentativ, sondern ad personam niedergemacht. Das trifft so unterschiedliche Menschen wie Ernst Bloch, Carl Friedrich von Weizsäcker und Paul Feyerabend.
Posener schreibt für Menschen, die sich gerne ihre Vorurteile bestätigen lassen und nicht merken, wie sie der Autor mit bloßen Behauptungen abspeist. Da wird Ratzinger als jemand vorgestellt, der "nicht nur eine Meinung hat, sondern das letzte Wort sprechen zu dürfen glaubt". Wahr ist dagegen, dass der Papst wie kaum je ein Papst immer wieder Unfehlbarkeitsprojektionen abweist. Beim Jesusbuch hat er ausdrücklich um Kritik gebeten, in seiner "Regensburger Rede" 2006 hat er mit voller Absicht als Professor gesprochen. Dem modernen Intellektuellen, der sich nicht scheute, erstmals in einer päpstlichen Enzyklika Friedrich Nietzsche - positiv - zu zitieren und sich auf Theodor W. Adorno zu berufen, wirft Posener "Abkehr von der Moderne" vor. Dem anregenden Diskutanten mit Jürgen Habermas unterstellt er die Absicht zu einem "Rollback der Aufklärung".
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