Seit der Pisa-Studie ist es klar: Was das Lernen betrifft, sieht es nicht gut aus im Land der Dichter und Denker. Besonders dramatisch ist die Situation im Bereich Naturwissenschaften. 34 Prozent der deutschen Realschüler sind davon überzeugt, die Nordhalbkugel drehe sich entgegengesetzt zur Südhalbkugel. So mancher Lehrer zuckt jetzt zusammen und denkt: "34 Prozent? Unmöglich! Das wäre ja mehr als die Hälfte!" An dieser Stelle empfehle ich nachdrücklich eine Klassenfahrt zum Äquator: Einfach breitbeinig drüber stellen und gucken, was passiert.
Gründe für das schlechte Abschneiden in der Pisa-Studie gibt es sicherlich viele. Und ich möchte mir keinesfalls anmaßen, alle zu kennen, geschweige denn, Patentrezepte dagegen parat zu haben. Die gibt es ohnehin nicht. Worin sich jedoch alle Experten einig sind: Das größte Geheimnis eines guten Pädagogen liegt in seiner Fähigkeit, Schüler zu begeistern. Leider tut das deutsche Bildungssystem immer noch vieles, um diese Begeisterungsfähigkeit zu bremsen. Als Kind wollte ich wissen, wieso Sterne funkeln, warum ein See von oben nach unten zufriert oder warum man keinen gelben Schnee essen sollte. Stattdessen habe ich gelernt, dass "Licht" ein schwarzer Strich ist, der im Physikbuch von links unten nach rechts oben verläuft und auf einen anderen schwarzen Strich prallt, der "Spiegel" heißt. Das ist etwa so, als hätte man mir Musik nahe bringen wollen, indem ich jahrelang Partituren hätte lesen müssen.
Vince Eberts Buch "Denken Sie selbst! Sonst tun es andere für Sie" (9,95 Euro) ist im Rowohlt Verlag erschienen.
An der Uni lernen zukünftige Chemie- oder Physiklehrer vor allem eine Anleitung zum Lösen von Übungsaufgaben und fast nichts über die Faszination ihrer Fachgebiete. Das ist sehr schade. Gerade in den Naturwissenschaften geht es nämlich nicht um trockene Rechnungen oder komplizierte Formeln, sondern um den Versuch, die Welt um uns herum zu beschreiben und zu verstehen. Und das erfordert Phantasie und Kreativität.
Albert Einstein fragte sich: "Wie sähe die Welt aus, wenn ich auf dem Rücken eines Lichtstrahls reiten könnte?" - und kam dadurch auf die spezielle Relativitätstheorie. Phosphor wurde nur deswegen entdeckt, weil ein deutscher Chemiker davon überzeugt war, dass man aus Urin Gold destillieren kann. Von Isaac Newton ist bekannt, dass er sich aus reiner Experimentierfreude eine Schusterahle in die Augenhöhle eingeführt hat. Einfach nur, um zu sehen, was passiert.
Und deswegen mein Appell: Probieren Sie etwas Derartiges auch mal aus! Gehen Sie offen durch die Welt und experimentieren Sie! Denn Wissenschaft heißt in erster Linie, neugierig zu sein und Spaß zu haben. Eine These, die durch die Neurowissenschaften eindeutig bestätigt wurde: "Ein vergnügtes Hirn lernt einfach besser", sagt der Hirnforscher Manfred Spitzer.
Und dabei ist es völlig egal, ob ein Lehrer am Computer, an der Tafel oder am Overhead lehrt. Ob Frontalunterricht oder Gruppenarbeit, ob er alt ist oder jung. Ich habe über den 30-jährigen Krieg am meisten gelernt, als unser Geschichtslehrer von seiner Kindheit erzählt hat.
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