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18. August 2012

Depressionen: Was hilft?

Depressionen kennt man seit der Antike, schon Hippokrates hat die Symptome beschrieben. Foto: getty

Depressionen sind eine ernstzunehmende Krankheit und keine Modeerscheinung, mindestens in diesem Punkt sind sich die Forscher einig. Während Sigmund Freud seine schwermütigen Patienten mit Morphium und Kokain behandelte, verschreiben Ärzte heute Antidepressiva.

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Isabella Heuser hält Psychopharmaka für einen Segen. Sie macht sich in Talkshows für deren Einsatz stark, und sie hat ein Buch geschrieben. „Glücklichmacher“ heißt es, richtet sich an Frauen in der Lebensmitte und beschreibt unter anderem detailliert die Vor- und Nachteile von Antidepressiva. Isabella Heuser, 59, ist die erste Frau, die hierzulande eine Professur für Psychiatrie erhielt. Seit elf Jahren leitet sie an der Berliner Charité die Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Benjamin Franklin.

Bruno Müller-Oerlinghausen sitzt in seinem Büro im Hansaviertel nicht mehr als zehn Kilometer Luftlinie von Isabella Heuser entfernt. Er sagt: „Glück oder Unglück hängen nicht vom Gebrauch irgendwelcher Psychopillen ab.“ Müller-Oerlinghausen ist 76 Jahre alt. Bis 2001 war er Professor für Klinische Psychopharmakologie an der Freien Universität Berlin. Innerhalb der Psychiatrischen Klinik leitete er die Berliner Lithium-Katamnese, wo depressive Menschen ambulant behandelt wurden. Heuser und Müller-Oerlinghausen gaben sich dort 2001 quasi die Klinke in die Hand.

530 Millionen Tagesdosen Antidepressiva

Zwei Spitzenforscher, zwei Ansichten. Die Berliner Kontrahenten sind ein gutes Beispiel dafür, wie unterschiedlich der Siegeszug der Psychopharmaka unter Wissenschaftlern bewertet wird. Im Jahr 2010 schluckten die Deutschen allein von den meistverordneten Antidepressiva, den Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, kurz SSRI, eine schwindelerregende Menge von rund 530 Millionen Tagesdosen – fast viermal so viele wie zehn Jahre zuvor. Aber was heißt das? Ist Deutschland ein Land der Depressiven? Sind wir, im Gegenteil, dank der Tabletten glücklicher geworden? Passen Antidepressiva zu unserem Lebensstil? Oder ist der Boom der letzten Jahre nur ein flüchtiger Trend?

Depressionen sind eine ernstzunehmende Krankheit und keine Modeerscheinung, mindestens in diesem Punkt sind sich die Berliner Forscher einig. Man kennt das Leiden seit der Antike, und schon Hippokrates hat die Symptome beschrieben. Sigmund Freud behandelte seine schwermütigen Patienten zu Beginn des vorigen Jahrhunderts mit Morphium und Kokain. Heutzutage verschreiben die Ärzte Antidepressiva. Begonnen hat der Trend zum Glück auf Rezept wie so oft in den USA.

Vor fast 25 Jahren, im Januar 1988, kam dort eine grün-weiße Kapsel auf den Markt, in deren Innerem sich zwanzig Milligramm des Wirkstoffs Fluoxetinhydrochlorid verbargen. Prozac, so hieß die Arznei, entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit zum Verkaufsschlager. Schon nach einem Jahr lag der Umsatz des Herstellers Eli Lilly bei 125 Millionen Dollar. 1991 verdiente das US-Unternehmen fast eine Milliarde Dollar mit Prozac. Inzwischen haben weltweit rund 55 Millionen Menschen das Medikament geschluckt, das in Deutschland seit 1990 unter dem Handelsnamen Fluctin erhältlich ist.

Hohes Suchtpotenzial

„Die Zeit war offenbar reif für ein neues Psychopharmakon“, versucht der Arzneimittelexperte Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen den erstaunlichen Erfolg von Prozac zu erklären. „Zuvor hatten die Menschen Medikamente wie Valium und Librium genommen, um Stress und Ängste wegzuschlucken.“ Diese Mittel aus der Arzneigruppe der Benzodiazepine haben allerdings einen gravierenden Nachteil: Sie machen rasch abhängig. Als das Suchtpotenzial Mitte der Achtzigerjahre – lange nachdem die Hersteller das Problem erkannt hatten – in Deutschland publik wurde, gab es hierzulande bereits zwei Millionen Menschen, die von den Tabletten aus eigener Kraft nicht mehr loskamen.

Hinzu kam, dass Benzodiazepine beruhigend und ausgleichend wirken. „Künstliche Harmonie aber war Ende der Achtzigerjahre nicht mehr angesagt“, erinnert sich Glaeske. „Die Menschen waren auf dem Egotrip, sahen sich in Konkurrenz zu anderen; jeder wollte aktiv und attraktiv wirken.“ Insofern hätten die neuen „Happy Pills“ gut zu den gesellschaftlichen Veränderungen gepasst.

„Nehmen Sie die Pille und werden Sie glücklich“

Tatsächlich war Prozac schon bald in aller Munde. Die sonst so seriöse Medizinzeitschrift Lancet lobte das Medikament im Jahr 1990 überschwänglich: „Die Depression zu beenden, wird so einfach sein wie eine Schwangerschaft zu verhüten: Nehmen Sie die Pille und werden Sie glücklich.“ Im selben Jahr erschien die viel gelesene US-Zeitschrift News-week mit einer riesigen Prozac-Kapsel auf dem Titelblatt. Von einem Durchbruch in der Depressionstherapie war dort die Rede, der das Leben von Millionen Menschen verändern würde.

Und das renommierte Time Magazin kürte Prozac 1993 zur „Pille des Jahres“. Auch Prominente wie Woody Allen schluckten und priesen die Glückspille, der Rapper Vanilla Ice widmete ihr sogar einen Song. „We gets crazy like Prozac“, heißt es im Refrain, und schließlich „Let’s test it.“ Lass sie uns probieren.

Dabei war es für Eli Lilly zunächst gar nicht einfach gewesen, die US-Arzneimittelbehörde FDA von der Wirksamkeit ihres Mittels zu überzeugen. Obwohl die Firma keinen Aufwand scheute, gelang es ihr nur mit Mühe, die für die Zulassung erforderlichen zwei Studien vorzulegen, die einen antidepressiven Effekt bewiesen. „Später stellte sich heraus, dass die SSRI-Hersteller mehrere andere Untersuchungen, die die Wirksamkeit der Medikamente nicht belegen konnten, zurückbehalten hatten“, erzählt Mathias Berger, der Ärztliche Direktor der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg. Er gilt hierzulande als einer der wichtigsten Experten auf dem Gebiet der Depressionen.

„Eine massive Fehlinformation“

Warum aber konnte sich Prozac trotzdem zu solch einem Riesengeschäft entwickeln? „Eli Lilly hat seine Arznei damals äußerst aggressiv beworben, sowohl bei den Ärzten als auch bei den Konsumenten“, sagt Berger. Viele Jahre lang habe die Pharmafirma betont, welche tollen Effekte Prozac erziele, und dass es anders als ältere Antidepressiva nahezu frei von Nebenwirkungen sei. „Eine massive Fehlinformation“, kritisiert der Mediziner. Tatsächlich leiden rund dreißig Prozent der Konsumenten an sexuellen Funktionsstörungen. Zudem kann das Mittel Übelkeit, Nervosität und Schlafstörungen hervorrufen.

„Die Werbestrategen von Eli Lilly haben die Psychiater damals weltweit einer regelrechten Gehirnwäsche unterzogen“, stimmt ihm Bruno Müller-Oerlinghausen zu. „Sie behaupteten, ihr Unternehmen habe das Mittel in der Hand, das die molekularen Ursachen der Depression im Gehirn ganz gezielt angehe“, sagt er. Dabei seien die biochemischen Grundlagen der Krankheit bis heute keineswegs geklärt.

Doch Anfang der Neunzigerjahre waren Nebenwirkungen von Prozac kaum ein Thema. Spätestens als der US-amerikanische Psychiater Peter Kramer 1993 den Bestseller „Listening to Prozac“ landete, der in Deutschland zwei Jahre später unter dem Titel „Glück auf Rezept“ erschien, erreichte die Arznei den Status einer Modedroge. Kramer riet auch gesunden Menschen zur Pille, nannte das Ganze „kosmetische Pharmakologie“ und versprach, dass Prozac aus jedem hässlichen Entlein einen schönen Schwan machen würde.

Prozac war gesellschaftsfähig geworden

Das Medikament war gesellschaftsfähig geworden. Und das nicht nur in den USA. „Ich erinnere mich noch an eine Geschichte in der Zeitschrift Bunte“, erzählt der Pharmazeut Gerd Glaeske. „Sie titelte damals in großen Lettern: Sie könnten noch leben, wenn …“ Romy Schneider, Marilyn Monroe und viele andere Prominente hätten sich nach Meinung der Gazette niemals umgebracht, wenn es zu ihren Lebzeiten schon Prozac gegeben hätte.

„Wenn wir am Wochenende ausgiebig feiern und Spaß haben wollten, schluckten wir Prozac“, erinnert sich eine Hamburger Journalistin, die namentlich nicht genannt werden möchte. „Da hat sich niemand etwas dabei gedacht.“ Ob die Tabletten die erhoffte Wirkung auch erzielten? „Keine Ahnung. Aber allein der Glaube daran und das kollektive Bewusstsein, etwas zu tun, was zumindest nicht ganz legal ist, haben vermutlich das Ihrige getan, um uns gut drauf sein zu lassen.“

Und wo hatten sie die Medikamente her?

„Das war ganz einfach“, sagt sie: „Man ging zum Arzt und bat ihn, einem das Mittel zu verschreiben.“

Ein Kollege von ihr, der auch lieber anonym bleiben möchte, suchte damals ebenfalls einen Arzt auf. Aber nicht, weil er die Nächte durchfeiern wollte. „Ich mochte nur einfach wieder halbwegs normal leben“, sagt er. Heftiger Liebeskummer hatte ihn in eine Depression getrieben. „Ich konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen, und um mich herum war alles nur noch grau.“ Der Arzt verordnete ihm eine Psychotherapie – und ein Medikament mit dem Wirkstoff Fluoxetin. „Ich habe damals erst gar nicht realisiert, dass es sich bei dem Mittel eigentlich um das legendäre Prozac handelte“, sagt er. „Die Tabletten sahen auch ganz anders aus: Sie waren weiß und ließen sich in der Mitte teilen.“

Wirkstoff wie ein E-Bike

Der Journalist war zunächst skeptisch, schluckte die Pillen dann aber doch. Und registrierte überrascht, dass sie ihm zu helfen schienen. „Es war nicht so, dass der Liebeskummer nach zwei Wochen weg und ich wieder happy war“, erzählt er. „Aber die Tabletten schienen mir tatsächlich ein bisschen Rückenwind zu geben, um wieder besser durch den Alltag zu kommen.“ Zurückblickend vergleicht er den Wirkstoff mit einem E-Bike: „Strampeln musst du schon noch, aber mit seiner Hilfe geht es ein bisschen leichter.“ Nach zwei, drei Monaten reduzierte er die Dosis und setzte das Medikament dann schließlich ab.

In Deutschland entstand nie ein solcher Hype wie jenseits des Atlantiks. Das lag zum einen daran, dass der Wirkstoff Fluoxetin anders als in den USA rezeptpflichtig war. Doch auch die Ärzte setzten das Medikament nur zögerlich ein. Gründe dafür gab es viele. Beispielsweise war Fluctin deutlich teurer als vergleichbare Antidepressiva. Zudem war bekannt, dass das Mittel im Körper nur sehr langsam abgebaut wird – was von Nachteil ist, wenn ein Patient es nicht verträgt. „Außerdem haben wir Europäer eine ganz andere Kultur als die Menschen in den USA, wo man gegen alles und jedes eine Pille einwirft“, sagt Müller-Oerlinghausen.

Wie Antidepressiva ihren Patienten den Rückenwind verpassen, weiß bis heute niemand. Lange Zeit nahmen die meisten Mediziner an, die Wirkstoffe würden die Nervenzellen daran hindern, den ausgeschütteten Botenstoff Serotonin wieder aufzunehmen, sodass dieser länger an den Synapsen – den Verbindungsstellen zwischen zwei Nervenzellen – wirken kann. Depressionen galten als Serotoninmangelkrankheit, die mit den maßgeschneiderten Medikamenten zu beheben war. Doch diese Vorstellung hat sich als falsch oder zumindest als zu stark vereinfacht herausgestellt.

Wirkung wie bei Placebos?

Florian Holsboer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Ursachen der Depression. Er ist seit 1989 Direktor am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München und gehört zu den renommiertesten Depressionsforschern Deutschlands. Doch nicht einmal er weiß, wie und warum SSRI wirken. „Nicht alle depressiven Menschen haben ein Problem mit dem Botenstoff Serotonin“ sagt er. Zudem wisse man inzwischen, dass die Serotoninkonzentration an den Synapsen schon wenige Stunden nach Einnahme der SSRI zu steigen beginne. Bis der Patient davon etwas spürt, vergehen allerdings in der Regel mehrere Wochen.

Glaubt man den SSRI-Kritikern, ist die Wirkung der Medikamente ohnehin vor allem eine eingebildete. Im Jahr 2008 sorgte der Psychologe Irving Kirsch von der britischen University of Hull für Unruhe, als er einen Artikel veröffentlichte, demzufolge SSRI bei leichten und mittleren Depressionen nicht besser wirken als Placebos. Allenfalls bei schweren Depressionen sei ihr Einsatz gerechtfertigt, schrieb Kirsch, der für seine Untersuchung auch Studien analysiert hatte, die die Hersteller bis dato zurückgehalten hatten.

Die Medien griffen das Thema begeistert auf. So mancher, der die Pillen bislang ohne große Not geschluckt hatte, beschloss, die Einnahme zu beenden. Doch auch Patienten, die tatsächlich depressiv waren, kamen ins Grübeln. Florian Holsboer sagt: „Ich weiß nicht, nach welchen Kriterien Kirsch seine Studien ausgesucht hat. Aber ich weiß sicher, dass es ein ärztlicher Kunstfehler ist, bei mittleren bis schweren Depressionen keine Medikamente zu verschreiben.“

Auch der eher pharmakritische Mathias Berger begegnet Kirschs Studie mit Skepsis. „Es ist richtig, dass der Placeboeffekt bei leichten und mittleren Depressionen relativ groß ist“, sagt er. „Das gilt aber nicht nur für die SSRI, sondern für jede Therapieform, auch für Psychotherapien“, sagt er. Denn oft helfe den nur mäßig depressiven Patienten bereits das Gefühl, dass sich jemand um ihre Belange kümmere.

„Die Tabletten halfen“

Das kann Bruno Müller-Oerlinghausen bestätigen. Er erinnert sich noch gut an einen Patienten, den er in den Achtzigerjahren behandelt hat. Es war ein Professor für Kunstgeschichte, der ausgeprägte manisch-depressive Phasen hatte. Die Ärzte hatten zuvor so ziemlich jedes Antidepressivum an ihm ausprobiert. Ohne Erfolg. „Ich habe erst mal alle Mittel abgesetzt, um zu gucken, was geschieht.“ Dann verordnete er Lithium, ein Depressivum der ersten Stunde, und in Phasen, in denen die Depressionen sehr stark waren, ein weiteres altbewährtes Medikament. „Die Tabletten halfen“, sagt Müller-Oerlinghausen. „Noch mehr aber half es, wenn ich den Patienten jede Woche zu mir bestellte und dann eine Stunde lang mit ihm geredet habe.“

Klar scheint inzwischen zu sein: Je stärker die Depression, desto deutlicher ist die Wirkung der SSRI. Umstritten ist nach wie vor, ob auch Gesunde von der Einnahme profitieren. „Völliger Quatsch“, sagt Holsboer. „Das wäre so, als wenn man einem gesunden Menschen ein fiebersenkendes Präparat verabreicht und dann erwartet, dass seine Körpertemperatur unter den Normalwert fällt.“

Isabella Heuser aus der Berliner Charité verschreibt inzwischen seit fast dreißig Jahren Antidepressiva. Sie ist froh, die Mittel in der Hand zu haben, weiß aber auch: Nicht alle Menschen, die solche Pillen nehmen, sind psychisch krank. „Die Zahl der Verschreibungen ist weitaus größer als die Zahl der Patienten, die an einer Depression oder einer anderen Erkrankung leiden, für deren Behandlung SSRI zugelassen sind“, sagt sie.

Auch gesunde Menschen schlucken Psychopharmaka

Warum aber schlucken gesunde Menschen Psychopharmaka? Für Heuser ist die Antwort klar: „Wir leben in einer Gesellschaft, in der alle jederzeit gut drauf sein müssen.“ Wem es schlecht gehe, der stoße oft auf Ablehnung. Für viele Menschen aber stelle der Zwang, immer gut gelaunt zu sein, einen ungeheuren Druck dar. Dem versuchen sie offenbar mit Medikamenten zu entfliehen.

Heuser glaubt, auch bei Gesunden eine antriebssteigernde Wirkung ausgemacht zu haben, „so ähnlich wie bei dem berühmten Glas Sekt“. Die Medizinerin hat vor einigen Jahren Studien durchforstet, die den Effekt von SSRI auf gesunde Menschen getestet haben – zum Beispiel bei der Überprüfung der Fahrtauglichkeit. „Es scheint so, dass die Medikamente die Menschen durchaus etwas ausgeglichener und kontaktfreudiger machen können“, sagt sie.

Auch glücklicher?

Heuser winkt ab. „Antidepressiva sind keine Glückspillen“, sagt sie. „Glück ist flüchtig, Glücksmomente sind selten, und wir sollten uns lieber um unsere Zufriedenheit kümmern, also einen Zustand, in dem weder Glück noch Unglück vorliegen.“

Lässt sich der Effekt der SSRI dann an der Frage messen, ob sich seit ihrer Einführung weniger Menschen umgebracht haben?

Zahl der Suizide geht zurück

Auch hier gehen die Meinungen der Experten weit auseinander. Mit der stärkeren Verbreitung von Antidepressiva sei die Zahl der Suizide von Erwachsenen in den westlichen Industriestaaten spürbar zurückgegangen, sagt Heuser. Mathias Berger stimmt ihr zu, betont aber, dass es keineswegs sicher sei, dass ein kausaler Zusammenhang bestehe.

Bruno Müller-Oerlinghausen hält dies sogar für äußerst unwahrscheinlich. „Keine einzige Studie hat bislang zeigen können, dass unter einer längerfristigen Behandlung mit Antidepressiva das Suizidrisiko abnimmt“, sagt er. Außerdem seien die Selbstmordraten schon lange vor der Einführung dieser Medikamente gesunken. „Es gibt nur ein einziges Antidepressivum, das nachweislich das Suizidrisiko senkt“, sagt er: Lithium. Doch gerade dieses Medikament wird eher selten verschrieben. Müller-Oerlinghausen glaubt den Grund zu kennen: „Für eine solch preiswerte Substanz werben weder die Hersteller noch die mit ihnen verlinkten ärztlichen Meinungsführer.“

Ein Blick in die Beipackzettel der SSRI schafft noch mehr Verwirrung. Denn dort wird sogar vor einem erhöhten Suizidrisiko als mögliche Nebenwirkung gewarnt. Ein Antidepressivum, das die Menschen, anstatt ihnen die Freude am Leben zurückzuschenken, in den Selbstmord treibt? Was zunächst paradox klingt, ist leicht zu erklären: „Die antriebssteigernde Wirkung der Medikamente entfaltet sich früher als die stimmungsaufhellende“, sagt der Arzneimittelexperte Glaeske. Das heißt, der Patient ist zu Beginn der Einnahme noch immer todunglücklich, kann aber schon genug Energien aufbringen, um seinem Leben ein Ende zu setzen.

Einsatz auch bei Angst-, Zwangs- und Essstörungen

Berichte über das erhöhte Suizidrisiko und die mangelnde Wirksamkeit führten in den USA dazu, dass der gesellschaftliche Hype um Prozac allmählich wieder abebbte. Dennoch steigen dort wie hier die Verordnungszahlen seit Jahren stetig an. Die Gründe sind vielschichtig. Inzwischen werden SSRI nicht nur bei Depressionen eingesetzt, sondern auch bei einer Reihe anderer psychischer Erkrankungen: Angst-, Zwangs- und Essstörungen beispielsweise, gegen die es bisher keine wirksameren Medikamente gibt.

Darüber hinaus mangelt es in Deutschland an Fachärzten, die ihre Patienten ambulant behandeln. Letztere müssen oft wochenlang auf einen Termin warten, weswegen sie dann doch den Gang zum Hausarzt bevorzugen. Der aber hat nur zwei Möglichkeiten: Entweder er weist den Hilfesuchenden in eine Klinik ein, oder aber er verschreibt ihm Psychopharmaka. „Mehr als die Hälfte aller Rezepte für Antidepressiva werden von Allgemeinärzten und Internisten ausgestellt“, weiß Gerd Glaeske. Und eine Psychotherapie, die nachhaltiger wirkt als Medikamente, ist zeitraubend. Nicht nur, dass ohnehin einige Wochen vergehen, bevor ihr Effekt zu spüren ist. Meist müssen sich die Patienten auch wochen-, manchmal monatelang gedulden, bis sie einen Therapieplatz erhalten. Wie viel einfacher ist es da, zum Hausarzt um die Ecke zu gehen und ihn um Tabletten zu bitten.

Ohnehin scheint der Gang zum Arzt inzwischen vielen leichter zu fallen. Denn das Stigma, mit dem die Diagnose Depression lange behaftet war, ist in den vergangenen Jahren gebröckelt. „Das Gute an den vielen Berichten über Prozac und andere SSRI war, dass größere Teile der Gesellschaft offener dafür geworden sind, dass es die Krankheit Depression tatsächlich gibt, dass sie nicht gleichzusetzen ist mit selbstverschuldeter Unfähigkeit oder Drückebergerei, und dass man sie behandeln kann“, sagt Müller-Oerlinghausen.

Enke-Selbstmord rüttelte Gesellschaft auf

Auch der Suizid des ehemaligen Nationaltorhüters Robert Enke vor knapp drei Jahren rüttelte die Gesellschaft auf. Viele Prominente gaben im Anschluss öffentlich zu, selbst schon einmal an Depressionen gelitten zu haben: Bruce Darnell etwa, der Juror von Fernsehsendungen wie „Germany’s Next Topmodel“ und „Deutschland sucht den Superstar“, der Skispringer Sven Hannawald und der St.-Pauli-Kicker Andreas Biermann.

Der Ex-Bundesligatrainer Ralf Rangnick zog sich vergangenen September ebenfalls aus dem Fußball zurück. Er leide an einem Burn-out, fühle sich ausgebrannt und völlig am Ende, ließ er seinen Vereinsarzt Torsten Rarreck damals verkünden. „Für viele Menschen ist der Begriff Burn-out zum Türöffner geworden, der es ihnen leichter macht, sich zu ihren psychischen Problemen zu bekennen“, sagt Mathias Berger. Der Mediziner weiß, dass sich hinter der Diagnose Burn-out nur allzu oft eine handfeste Depression verbirgt. „Burn-out klingt aber besser“, sagt Berger. Wer ihn erleidet, hat sich zuvor für andere aufgeopfert.

„Gerade Leistungsträger können sich daher zu der Diagnose Burn-out bekennen“, glaubt auch Isabella Heuser. Dass immer mehr Menschen einen Burn-out erleiden, liegt für die Medizinerin vor allem daran, dass die Arbeit in Deutschland so ungleich verteilt ist: „Immer mehr Aufgaben sollen von immer weniger Menschen erledigt werden“, sagt sie. Zudem habe sich der Druck in der Arbeitswelt verändert. „Von sehr vielen Arbeitnehmern wird heute erwartet, dass sie 24 Stunden am Tag erreichbar sind“, kritisiert Heuser. Hinzu komme, dass der Körper immer seltener gebraucht werde, das Gehirn aber umso öfter.

Psychostimulanzien ersetzen Antidepressiva

Vielleicht liegt es auch an diesem Wechsel in der Arbeitswelt, dass die SSRI von zwei neuen Modedrogen zunehmend abgelöst werden. „Mich fragen die Menschen immer seltener nach Antidepressiva, dafür umso öfter nach Psychostimulanzien“, erzählt Heuser. Nach Medikamenten wie Methylphenidat, besser bekannt als Ritalin, und Modafinil also, die eigentlich gegen die Aufmerksamkeitsstörung ADHS beziehungsweise krankhafte Schlafattacken entwickelt wurden. Beide Arzneien sollen wacher machen, aufmerksamer, konzentrierter und so die geistige Leistungskraft erhöhen.

Für Isabella Heuser ist der beschriebene Trend bislang nur ein gefühlter. Die DAK wollte es genauer wissen. Ihr jährlicher Gesundheitsreport stand 2009 unter dem Motto „Doping am Arbeitsplatz“. Bei der anonymen Online-Befragung von 3 000 Erwerbstätigen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren gab jeder Fünfte an, dass er die Risiken von Psychostimulanzien zur Leistungssteigerung für vertretbar halte. 5 Prozent erklärten, solche Substanzen schon mal konsumiert zu haben. Und 2 Prozent tun dies laut DAK regelmäßig.

Selbst junge Menschen seien am Hirndoping bereits interessiert, weiß Klaus Lieb. Der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz hat rund 1 500 Schüler und Studenten nach ihrer Einstellung zu leistungssteigernden Substanzen gefragt und darüber ein Buch mit dem Titel „Hirndoping – Warum wir nicht alles schlucken sollten“ geschrieben. „Rund 80 Prozent unserer Befragten gaben an, sie würden Medikamente zur Leistungssteigerung einnehmen, wenn sie frei zugänglich und sicher wären“, erzählt Lieb. Nur für 11 Prozent komme so etwas überhaupt nicht infrage.

Lieb hält diesen Trend für sehr riskant. „Die Gefahr ist groß, dass man mithilfe der Pillen immer weitermacht, anstatt eine notwendige Pause einzulegen“, sagt er. Ein Teufelskreis: „Wenn der Körper nicht mehr mitmacht, und das mit Medikamenten kompensiert wird, kann es zum totalen Zusammenbruch kommen“, warnt er. Depressionen seien dann nur eine der möglichen Folgen.

Aber vielleicht kann man die ja wieder mit Pillen behandeln?

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